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24.03.2026
12:16 Uhr
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Antimaterie gilt als eines der empfindlichsten Materialien der Welt. Im Cern wurde sie nun erstmals mit einem Lkw transportiert. Das könnte die Forschung revolutionieren.

Am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf ist erstmals Antimaterie auf einem Lastwagen transportiert worden. Das stellt einen wichtigen Moment in der Forschung dar – bis zum heutigen Tag war nicht sicher, ob dies überhaupt möglich ist. Antimaterie ist eine Art Spiegelversion von Materie: Bei Kontakt vernichten sie sich gegenseitig. Antimaterie ist daher nur sehr schwer herzustellen und noch schwerer zu transportieren. Das Cern ist weltweit der einzige Ort, an dem produzierte Antimaterie-Teilchen so entschleunigt werden können, dass man sie in speziellen Behältnissen speichern kann. "Wenn es gelingt, Antimaterie-Teilchen zu transportieren und unabhängig vom Ort, wo sie produziert werden, zu untersuchen, ermöglicht das ganz neue Forschung", sagte Ulrich Husemann, Direktor für Teilchenphysik am Forschungszentrum Desy in Hamburg, vor dem Versuch. Fünf Kilometer Transport Im Testlauf auf dem Cern-Gelände sind Antiprotonen nun erfolgreich fünf Kilometer weit gefahren worden. Der deutsche Physiker Stefan Ulmer überwachte aus einem Auto im Konvoi hinter dem Lastwagen heraus die Messdaten. "Es hat alles geklappt, die Antiprotonen sind noch da", sagte er. Im Laufe des Tages soll gezählt werden, ob alle der 92 Teile tatsächlich noch in dem Container sind. Der Transport auf dem Cern-Gelände wäre somit der Beweis, dass die von Ulmer, Christian Smorra und ihrem Team konzipierte Penning-Falle funktioniert. "Die Falle selbst sieht aus wie ein Stapel aus Fingerringen", erklärte Smorra. Sie hat einen Innendurchmesser von etwa einem Zentimeter und ist rund drei Zentimeter lang. Dazu kommt ein supraleitender Magnet, in dem die Teilchen bei minus 268 Grad in einem Hoch-Vakuum schwingen – damit sie bloß nicht an Materie stoßen und weg sind. Insgesamt wiegt der Container rund 800 Kilogramm – für den Transport ist deshalb ein Lastwagen nötig. Teuerstes Material der Welt Selbst wenn die Teilchen entwichen, bestünde keine Gefahr: Die gegenseitige Vernichtung von Materie und Antimaterie fände in einem so minimalen Bereich statt, dass das kaum messbar, geschweige denn sichtbar wäre, sagte Ulmer. Husemann betonte: "Von dem Transport geht bei der minimalen Menge an Antimaterie-Teilchen keinerlei Gefahr für die Menschen aus, die an der Straße stehen." Allerdings ist ein verschwundenes Antiproton ein hoher Kostenfaktor: Antimaterie gilt als teuerstes Material der Welt. In einigen Jahren sollen Antiprotonen dann in Labore etwa in Düsseldorf, Hannover oder Heidelberg transportiert werden, um dort noch präzisere Messungen vorzunehmen als am Cern möglich. "Heute beginnt eine neue Epoche für Präzisionsmessungen", sagte Ulmer. In der Forschung gibt Antimaterie der Wissenschaft noch viele Rätsel auf. Beim Urknall müsste nach bisherigem physikalischem Wissen gleich viel Materie und Antimaterie entstanden sein. Gleichzeitig finden sich im Universum zwar Antiteilchen, sie sind jedoch extrem selten. Warum es den gigantischen Materie-Überschuss im Universum gibt, ist eine der größten Fragen der Teilchenphysik. "Dass wir existieren, steht im Widerspruch zum Standardmodell der Teilchenphysik", sagte Ulmer.