Zeit 26.03.2026
12:48 Uhr

Lernstandserhebungen an Schulen: "Wo steht das einzelne Kind?"


Die Bildungsforscherin Felicitas Thiel hat eine neue Strategie: Mehr Erhebungen sollen den Lehrern zeigen, was sie ändern müssen, damit ihre Klassen besser abschneiden.

Lernstandserhebungen an Schulen:
DIE ZEIT: Frau Thiel, die Leistungen vieler Schülerinnen und Schüler sind schlechter denn je. Nun empfehlen Sie gemeinsam mit den obersten deutschen Bildungsforschern mehr Daten als Ausweg aus der Misere. Ernsthaft? Felicitas Thiel: So überraschend ist das nicht. Wir wissen seit Langem, dass unser Schulsystem – Lehrer, Schulleitungen, Politik – aussagekräftigere Informationen darüber braucht, wie und was Kinder und Jugendliche lernen. Die Daten sollen helfen, den Unterricht zu verbessern, auf Leistungseinbrüche schneller zu reagieren und dem einzelnen Kind passgenauere Förderangebote zu machen. ZEIT: Es gibt doch schon viele Lernstandserhebungen, angefangen bei Pisa . Reichen die nicht? Thiel: Bei Pisa messen wir, wie 15-Jährige im internationalen Vergleich abschneiden. Hier werden nur wenige Schüler und Klassen in die Stichprobe einbezogen. Um Daten für die Lernförderung zu erhalten, müssen wir alle Schüler im Bildungsverlauf regelmäßig testen. Hamburg macht seit mehr als zehn Jahren erfolgreich vor, wie das geht. Und Hamburg zeigt deutlich bessere Leistungen als vergleichbare Bundesländer wie etwa Berlin. ZEIT: In welchen Klassenstufen soll denn in Zukunft getestet werden? Thiel: In den Bundesländern werden aktuell Tests in Klasse drei und acht eingesetzt, die unter dem Kürzel Vera bekannt sind. Das reicht aber nicht aus, um zu überprüfen, ob eine Förderstrategie wirkt. Fünf Jahre bis zum nächsten Test sind viel zu lang, da braucht es eine deutlich höhere Frequenz. Zudem müssen wir wissen, mit welchen Fähigkeiten die Kinder in die Schule kommen. Diese Erhebung in Klasse eins hat die Bildungspolitik schon beschlossen. ZEIT: Und wem nützen die Tests konkret? Thiel: Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass ein Kind, nennen wir es Emil, das in Klasse vier die Mindeststandards in Deutsch und Mathe nicht erreicht, diese mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Klasse neun nicht erreichen wird. Emil schleppt seine Defizite von einem Jahr ins nächste und bekommt am Ende keinen Schulabschluss. 64, ist Co-Vorsitzende der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission, die die Kultusminister der Länder berät. ZEIT: Und dank neuer Tests schafft er ihn? Thiel: Zumindest sind seine Chancen dafür größer. Denn schon wenn der Junge in die Schule kommt, wird seine Lehrerin erkennen, dass Emils Wortschatz vielleicht geringer ist als der seiner Klassenkameraden. Da kann sie ansetzen. Oder die Alarmglocken läuten in Klasse zwei, wenn der Großteil der Klasse kleine Texte lesen kann, Emil aber noch an einzelnen Wörtern scheitert. Er wird dann eine gezielte Leseförderung bekommen. Diagnose, Förderung, Evaluation: In diesem Dreiklang müssen die Schulen arbeiten. ZEIT: Aber ein Lehrer sollte doch schon heute wissen, wo seine Schüler stehen? Thiel: Das ist in vielen Fällen leider nicht so. Schon im Umfeld der ersten Pisa-Studie kam heraus, dass viele Lehrerinnen und Lehrer nicht genau wussten, wer die schwachen Leser in ihrer Klasse waren. ZEIT: Das ist schwer zu glauben. Thiel: In Deutschland gehen wir – auch beeinflusst von der Reformpädagogik – von einem Lehrer aus, der diese Fähigkeit intuitiv mitbringt: Da heißt es dann, wer eine gute Beziehung zu einem Kind hat und es lang genug kennt, der weiß, was es braucht. In der Realität aber sind die diagnostischen Fähigkeiten sehr unterschiedlich verteilt. ZEIT: In Ihrem Gutachten fordern Sie zudem ergänzende Kurztests. Was ist damit gemeint? Thiel: Das sind Lerndiagnostiken, mit denen die Lehrkräfte regelmäßig – etwa alle vier bis sechs Wochen – den aktuellen Lernstand der Schüler messen. Gibt es Fortschritte? Wo steht das einzelne Kind?