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26.03.2026
07:59 Uhr
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Soziale Medien schaden Kindern. Ein historisches US-Urteil könnte unseren Blick auf die Plattformen grundlegend ändern. Doch die entscheidende Frage beantwortet es nicht.

Sie sind schuldig. Meta und YouTube haben ihre Social-Media-Plattformen gezielt suchtfördernd gestaltet und damit Kindern und Jugendlichen geschadet. Beide Unternehmen haben bei der Gestaltung und beim Betrieb ihrer Plattformen fahrlässig gehandelt und Nutzerinnen und Nutzer nicht ausreichend vor den Risiken gewarnt. Das urteilte am Mittwoch ein Gericht in Los Angeles . Die Jury sprach einer jungen Frau, die mehrere Social-Media-Unternehmen verklagt hatte, eine Schadensersatzsumme in einer Höhe von insgesamt sechs Millionen US-Dollar zu. Eine Meta-Sprecherin sagte, das Unternehmen "prüfe rechtliche Schritte" gegen das Urteil. Nur Stunden zuvor war Meta bereits in einem Verfahren im US-Bundesstaat New Mexico wegen Verstößen gegen das Verbraucherschutzrecht beim Umgang mit Kindern zu einer Geldstrafe in Höhe von 375 Millionen US-Dollar verurteilt worden. Diese Geldstrafen allein werden sicher nicht viel daran rütteln, wie soziale Medien heutzutage funktionieren. Das Verfahren in Los Angeles gilt allerdings als Präzedenzfall in der Rechtsgeschichte der USA. Dort sind rund 2.000 ähnliche Klagen anhängig, die ebenfalls um die Frage kreisen, ob Plattformen wie Instagram süchtig machen und ihren Nutzern schaden können. Für den Ausgang dieser Prozesse gilt das Urteil als wegweisend. Womöglich trägt es dazu bei, dass ein entscheidender Wendepunkt in der Beurteilung der Social-Media-Plattformen erreicht ist. In Anlehnung an Gerichtsprozesse gegen Tabakkonzerne im vergangenen Jahrhundert sprechen manche vom "Big Tobacco Moment" für Techkonzerne. Plattformen sind verantwortlich dafür, wie sie Inhalte ausspielen Lange haben sich die Betreiber von digitalen Diensten darauf berufen, dass sie nicht verantwortlich für die Inhalte seien, die Nutzer auf ihren Plattformen posten. Mit dem jetzt gefällten Urteil ist klar, dass Firmen wie Meta aber durchaus dafür verantwortlich gemacht werden können, wie sie diese Inhalte ausspielen – und damit auch für den Schaden, den es anrichtet, wenn sie Nutzer mit manipulativen Designelementen ködern. Plattformen sind so aufgebaut, dass Millionen Menschen möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen – mitunter mehr, als ihnen lieb ist. Die Timeline versiegt nie, die Videos starten automatisch, ständig sehen Nutzerinnen und Nutzer personalisierte Inhalte, die genau auf ihre Interessen zugeschnitten sind. Push-Benachrichtigungen, Kommentare, all das bannt sie vor ihren Bildschirmen und aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn . Auch die EU-Kommission hat Anfang des Jahres TikTok eines "addictive designs" beschuldigt. Mit dem Digital Fairness Act soll ein Gesetz folgen, das gar einen "Ausschaltknopf für ein süchtig machendes Design" umfassen könnte. Auf diese Mechanismen zielte auch das Gerichtsverfahren ab. Das jetzt gefällte Urteil fügt sich in das gesellschaftliche Bild von sozialen Medien ein, das durchzogen ist von immer lauter werdenden Rufen nach einem Social-Media-Verbot für Jugendliche, neuen Initiativen, die Alternativen schaffen wollen und Forderungen der EU nach einem gesünderen Plattformdesign. Geklagt hatte eine heute 20-Jährige, die, um ihre Privatsphäre zu schützen, nur unter ihren Initialen K.G.M. oder ihrem Vornamen Kaley in der Öffentlichkeit auftritt. Bereits als Kind begann sie nach eigenen Angaben, YouTube zu nutzen, einige Zeit danach auch Instagram. Beiden Onlinenetzwerken warf sie vor, sie abhängig gemacht und schwere psychische Schäden bei ihr verursacht zu haben. Vor Gericht schilderte sie, wie sie in eine Abwärtsspirale aus Depressionen, Angststörungen und Selbstverletzungen abglitt. "Ich habe den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen, weil ich meine ganze Zeit in den sozialen Medien verbracht habe", sagte sie. An einem Tag habe sie mehr als 16 Stunden mit Instagram verbracht. Was Kaley beschreibt, ist ein Ohnmachtsgefühl, in dem sich viele Nutzer, wenn auch vielleicht nicht in diesem Extrem, wiedererkennen dürften, das Empfinden eines Kontrollverlustes, mehr fremd- als selbstbestimmt soziale Medien zu konsumieren. Das bewegt auch viele besorgte Eltern, die beobachten, wie ihre Kinder ihnen hinter ihren Endgeräten vermeintlich schleichend entgleiten.