Zeit 27.09.2026
19:36 Uhr

Kanada und die EU: Wenn hier etwas mehr Kanada wäre


Mit den USA steckt Kanada in einem Handelskrieg, da reicht die EU dem Land die Hand. Unser Autor ist Kanadier und erlebt diesen hoffnungsvollen Moment in Berlin.

Kanada und die EU: Wenn hier etwas mehr Kanada wäre
Inzwischen fühlt sich Berlin wie ein Zuhause an. Morgens komme ich an Gruppen kanadischer Studierender vorbei. Sie strömen aus den U-Bahn-Stationen und eilen mit Erasmus+-Rucksäcken auf den Schultern zu den Hörsälen in Charlottenburg und Dahlem. Abends treffe ich kanadische Kolleginnen und Kollegen. Sie arbeiten in Technologieunternehmen, Ingenieurbüros und Medien-Start-ups in Mitte. Durch die Gasleitungen der ganzen Stadt fließt kanadisches Erdgas, erleuchtet Wohnungen in Prenzlauer Berg und versorgt Industriegebiete in Lichtenberg. Als ich Ende Juli in Deutschland ankam, schien diese Zukunftsvorstellung noch wie eine ferne Fantasie. Wenige Tage bevor ich aus dem Flugzeug stieg, hatten die Vereinigten Staaten eine Ankündigung gemacht: Nach einer Frist von 30 Tagen wollten die USA neue Zölle auf kanadische Waren im Wert von 28 Millionen kanadischen Dollar einführen. Heute sind sie vollständig in Kraft. Kanadierinnen und Kanadier im Ausland wurden nervös, wachsam. Wir bereiteten uns vor auf eine nächste Runde wirtschaftlicher Turbulenzen in der Beziehung mit unserem südlichen Nachbarn. Zwei Monate später, während ich mich auf meine Abreise vorbereite, hat sich die Debatte vollkommen verschoben. Die Europäische Union hat Kanada zu Verhandlungen eingeladen . Das Land könnte ihr erstes »assoziiertes Mitglied« werden. In zwei Monaten kann viel passieren. Wie konnte es zu diesem Moment kommen? Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die politische Laufbahn des kanadischen Premiers Mark Carney . Bevor Carney in die Politik kam, machte er Karriere in der internationalen Finanzpolitik. Er führte Kanada als Gouverneur der kanadischen Zentralbank durch die globale Finanzkrise. Später übernahm er als erster Nichtbrite die Leitung der Bank of England. Seine Amtszeit fiel in die turbulente Brexit-Zeit – jetzt, wo Kanada über eine mögliche europäische Integration verhandelt, wirkt das ironisch. Seine Zeit als Premierminister hingegen ist maßgeblich davon geprägt, wie er mit den Vereinigten Staaten und ihrem Präsidenten Donald Trump umgeht. Der Zollkrieg ist zum Kernthema seiner ersten Amtszeit geworden. Dass er sich Trump entgegensetzt, hat ihm breite Unterstützung im Land verschafft – und öffnet ihm politischen Spielraum für ein langfristiges Ziel: Kanadas wirtschaftliche Abhängigkeit vom US-amerikanischen Markt zu verringern. Im Inland investiert Carney deshalb in große Infrastrukturprojekte, baut Bürokratie ab, damit die Vorhaben vorankommen. Umweltverbände, Gewerkschaften und Provinzregierungen wehren sich bereits. Zwischen der Ankündigung und der Eröffnung eines Projekts liegen oft Jahre. Carney muss beweisen, dass er so entschlossen bauen kann, wie er es verspricht. Nun kam die Einladung aus Straßburg und mit ihr die Möglichkeit, den Wandel weiter zu beschleunigen. In ihrer Rede zur Lage der Union kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vergangene Woche an, die EU würde Kanada die Tür zum Status eines »assoziierten Mitglieds« öffnen. Carney nahm die Einladung an – und zeigte sich damit bereit für engere Beziehungen. Die Idee besticht. Aber was genau heißt der Vorschlag?