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12.08.2026
08:49 Uhr
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Extreme Hitze, Dürre, mit Quallen verstopfte Filter: Frankreich muss mehrere Atomkraftwerke drosseln oder gar komplett abschalten. Das führt auch zu steigenden Preisen.

Ein Schwarm Meerestiere hat den französischen Stromkonzern EDF gezwungen, gleich drei Reaktoren in Gravelines bei Calais komplett abzuschalten; ein vierter liefert nur noch wenig Strom. Am Dienstag verstopften Quallen die Ansaugfilter für das Meereswasser – und verhinderten so die Kühlung der Anlage. Im ungewöhnlich warmen Atlantik hatten sich die Tiere stark vermehrt. Die Quallen bescheren EDF ein weiteres Problem in der Klimakrise: Schon zuvor hatte der staatliche Konzern an vier Standorten Atomreaktoren komplett vom Netz nehmen müssen – und hatte damit mehr als 15 Prozent seiner Stromleistung verloren. Es ist der größte hitzebedingte Ausfall in der Geschichte des französischen Atomparks. Und die Lage wird nicht einfacher. Der französische Wetterdienst Météo France kündigt weiterhin trockenes Wetter und eine neue Hitzewelle an – die fünfte seit Juni. EDF schreibt auf Anfrage der ZEIT, dass der niedrige Wasserstand noch weitere Anlagen zur Drosselung ihrer Produktion zwingen könnte. Der Konzern sieht sich aber gut vorbereitet und bezeichnet seine Kernkraftanlagen als »robust«. Es scheint also nur eine Frage der Zeit zu sein, bis weitere Atomkraftwerke (AKW) herunterfahren müssen. »In diesem Hitzesommer ist zu erwarten, dass weitere Reaktoren in Frankreich und Europa ausfallen«, sagt Andreas Lochner, Experte für Mittel- und Westeuropa beim Energieanalysten Montel. Das würde die Strompreise in Europa weiter nach oben treiben. Der genaue Preiseffekt, insbesondere für Kundinnen und Kunden, ließe sich nur schwer beziffern, da auch die Gaspreise schwanken und die Effekte sich überlagern können. Aber: »Ein angekündigter Ausfall eines Reaktors kann die Preise binnen Minuten um einige Euro nach oben treiben, wie kürzlich im Falle vom AKW Chooz«, erklärt Lochner. Den Reaktor an der Grenze zu Belgien hatte EDF im Juli herunterfahren müssen. Solarstrom senkt über Tag die Preise Schon jetzt seien die Einschnitte in der europäischen Atomkraft massiv, so Lochner, schließlich mussten auch andere Länder Meiler drosseln. Ungarn musste etwa zwischenzeitlich sein einziges AKW vom Netz nehmen, in der Schweiz musste das Kernkraftwerk in Beznau mehrfach gedrosselt oder vollständig heruntergefahren werden. Mittags und nachmittags würde besonders viel Solarstrom produziert und eingespeist – das würde das Preisniveau an der Strombörse drücken. Abends jedoch, wenn viele Länder – darunter Deutschland – Gaskraftwerke hochfahren würden, um eine stabile Versorgung zu sichern, steige der Preis pro Megawattstunde deutlich. Frankreichs Kraftwerkspark ist auf diese Schwankungen nicht ausgelegt. Es hat seine Atomkraftwerke auf die hohe Nachfrage im Winter ausgerichtet – viele Franzosen heizen elektrisch. Im Sommer konnte EDF daher traditionell viel Strom exportieren. Diese Mengen gehen aber nun zurück. Der Grund: In heißen Sommern sinkt die Leistung der 56 Atomkraftwerke, weil die Flüsse zu warm sind, um noch mehr erhitztes Kühlwasser aufzunehmen. So steht etwa die Anlage in Golfech, etwa hundert Kilometer von Toulouse entfernt, in diesem Jahr bereits zum vierten Mal still. Auch die beiden Meiler in Chooz und ein Reaktor in Cattenom an der Mosel sind laut EDF vollständig abgeschaltet. Drei weitere Anlagen in Saint-Alban, Bugey und Tricastin laufen zwar noch, liefern aber weniger Strom. »Ein geringeres Stromangebot treibt die Preise für alle Abnehmer in Europa geringfügig nach oben. Besonders für Frankreichs Großabnehmer Italien, Großbritannien, die Schweiz und Belgien«, sagt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Deutschland sei in diesem Sommer mit seiner eigenen, hohen Solarstromproduktion weitgehend unabhängig von der französischen Kernenergie. Aktuell sind rund 95 Prozent der Fläche Frankreichs außergewöhnlich trocken und die Grundwasserpegel sinken, auch dies ist ein Rekord. Anderen Ländern in Europa, die ebenfalls Kernkraft nutzen, etwa die Schweiz und Ungarn, ergeht es ähnlich: Seit Wochen hat es kaum geregnet, die Flüsse führen extrem wenig Wasser, das zudem ungewöhnlich warm ist. Europa erlebt den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen . EDF hat große Finanzprobleme In Frankreich trifft die Hitzewelle einen abgeschlagenen EDF-Konzern. Wegen der gedrosselten Leistung konnte EDF in der Hitzewoche Ende Juni nur halb so viel Strom exportieren wie üblich. Das wird sich auch in den Geschäftszahlen des Unternehmens widerspiegeln. EDF musste 2022 vollständig verstaatlicht werden, weil die Instandhaltung der meist drei oder vier Jahrzehnte alten Meiler zu teuer für ein privates Unternehmen wurde. 2022 fielen gar wegen Wartung und Reparatur so viele Anlagen aus, dass Frankreich Strom importieren musste. Seit der Verstaatlichung stehen die Steuerzahler für die Kosten eines Endlagers ein, auch das Restrisiko für einen Unfall trägt die Allgemeinheit. Daher sind die tatsächlichen Kosten für die französische Atomkraft schwer zu beziffern. Hitzebedingte Ausfälle kennen die Franzosen. EDF darf schließlich die Flüsse nicht unbegrenzt mit seinem warmen Abwasser aufheizen. Im Dürresommer 2022 hob die Atomaufsichtsbehörde ASNR die Obergrenze von Kühlwasser für vier Atomkraftstandorte an: Golfech, Bugey, Saint-Alban und Tricastin durften wärmeres Wasser einleiten als ursprünglich erlaubt. EDF muss dann jeweils prüfen, wie stark die Ökosysteme unter den höheren Temperaturen leiden. Allerdings kommt es häufig zu dem Schluss, dass die Folgen nur »minimal« seien. Die ASNR ist sich des Risikos durchaus bewusst. Sie s chreibt auf der website, das wärmere Wasser könne das Gleichgewicht im Flussbiotop stören – deshalb müsse man die Einleitungen streng überwachen. Außerdem sei das Abwasser schwach radioaktiv und lasse sich bei geringer Wassermenge nicht mehr ausreichend verdünnen. Dann müsse EDF das radioaktive Wasser lagern. »Steigende Temperaturen, erhitztes Flusswasser und extrem niedrige Pegelstände werden immer mehr Reaktoren Probleme bereiten«, sagt Energieexperte Gandhi. Zwar gebe es technische Lösungen, um Atomkraftwerke hitzeresistenter zu machen und den Wasserverbrauch zu senken. »Aber diese sind teuer und würden die Strompreise weiter erhöhen.« Es sei daher klug, die Produktion von Solar- und Windkraft weiter auszubauen und die Energie in Batterien zu speichern. Zwar sinke der Ertrag von Solaranlagen bei hohen Temperaturen leicht, doch sie müssten auch bei extremen Temperaturen nicht abgeschaltet werden. »Ausgerechnet dann, wenn Reaktoren wegen der Hitze schwächeln, liefert die Sonne am meisten Strom«, sagt Gandhi. Sechs weitere Kernkraftwerke in Planung Frankreich will allerdings einen anderen Weg einschlagen. Es plant sechs weitere Atomkraftwerke an drei Standorten alter Meiler: Auch bei Bugey sollen zwei neue entstehen – ausgerechnet dort, wo die Anlagen gerade wegen des niedrigen Pegels der Rhône heruntergefahren sind. Die neuen Reaktoren sollen mit einem geschlossenen Kühlsystem arbeiten, das weniger Wasser braucht, verspricht EDF in einem Strategiepapier. Auch bei Gravelines, dem Standort mit der Quallenschwemme aus dem Atlantik sollen zwei neue Reaktoren entstehen. Dort kämpfte EDF bereits vor einem Jahr mit Quallen und versprach, die Meiler vor den Tierschwärmen besser zu schützen – bis heute offenbar erfolglos. »Frankreich muss sich überlegen, wie es seine Stromproduktion für den Klimawandel aufstellt«, sagt Analyst Lochner. Entscheidend sei, ob die Regierung den Wasserbedarf der Atomkraftwerke ausreichend im Blick habe. Das ist in Frankreich ein großes Thema: Laut dem französischen Statistikamt gehören die Kraftwerke zu den größten Nutzern des Landes, sie entnehmen fast die Hälfte des Flusswassers. Kaum überraschend, dass EDF daher in dem Strategiepapier verspricht, den Wasserverbrauch zu mindern, bis 2030 sogar um rund zehn Prozent. Aber: Ausdrücklich ausgenommen ist der Bedarf zur Kühlung von Atomkraftanlagen.