|
27.03.2026
10:40 Uhr
|
Unser Autor, ein Millennial, könnte solidarisch sein mit den Jüngeren. Er könnte sie in Ruhe lassen. Andererseits: Bald ist die Gen-Z zu alt, um gemaßregelt zu werden.

Liebe Generation Z, dies hier ist ein besonderer Augenblick für uns beide. Denn zu einem der heiligsten Rituale des Arbeitslebens gehört es, dass die ältere Generation sich über die jüngere beschwert und ihr alle Kompetenzen und Charaktereigenschaften abspricht, die es braucht, um im Berufsleben zu funktionieren. Ich dachte, ich müsse das noch loswerden, bevor es zu spät ist. Bevor ihr zu alt seid für eine Standpauke (wie die Boomer sagen würden) von einem, der dieses Jahr 40 wird. Viele von Euch kratzen nämlich schon an der großen 30. Und ich will ehrlich sein: Ich bin ein bisschen aufgeregt. Die gute Nachricht zuerst: Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Ich bin ein sogenannter Millennial (fühlt sich immer noch dumm an, das zu schreiben), und vor zehn Jahren wurden Texte über "mich" beziehungsweise "uns" geschrieben. Darüber, dass viele von uns bei der Arbeit "mehr Selbstbewusstsein als Kompetenz" hätten, dass wir faul seien und überempfindlich. Die Daily Mail nannte uns sogar mal einen Haufen "handysüchtiger, Selfie-besessener, hashtaggender, snapchattender, Grünkohl mampfender, twerkender, fauler, jammernder, schlecht informierter, politisch korrekter, verhätschelter Narzissten" – was eine wirklich unsägliche Verleumdung ist: Ich habe noch nie im Leben Snapchat benutzt. Und ja: Ich bin mir des Umstandes bewusst, dass sich mir aufgrund dieser Erfahrung hier die seltene Möglichkeit bietet, den sich ewig wiederholenden Zirkel der Generationsschelte zu durchbrechen und ein bisschen Solidarität mit den Jüngeren zu praktizieren. Ich glaube, ich werde sie freundlich winkend an mir vorbeiziehen lassen. Ageism is for the ages. An den meisten Beschwerden der Älteren ist viel dran Jetzt also zur schlechten Nachricht. An den meisten Beschwerden der Älteren ist sehr viel dran. Ich habe mir das auch lange nicht vorstellen können. Aber seit ich selbst alt bin, ist es mir plötzlich ganz klar. Die Vorwürfe, die euch in der Regel gemacht werden, treffen es allerdings nicht ganz genau. Faul, inkompetent, kritikunfähig – das sind alles nur leere Schlagwörter; sie bedeuten nichts. Man muss sie schon mit Leben füllen, indem man mit denjenigen redet, die am meisten unter euch leiden: die Leute, die euch einstellen, euch führen und eure Mails lesen müssen. Die, die euch nie erreichen, wenn sie mal dringend mit euch sprechen müssten. Fangen wir also mit der Radikalität an, mit der ihr euch von eurer "Arbeit" abgrenzt. Ein mir bekannter Designer mit mehreren Angestellten verzweifelt an der Selbstverständlichkeit, mit der ihr nicht mehr ansprechbar seid, wenn es eigentlich noch etwas zu besprechen gibt. Auf der Weihnachtsfeier hat er aufgeschnappt, wie einer von euch mit einem gewissen Stolz sagte: "Wenn ich den Rechner zuklappe, dann ist er auch wirklich zu." Ihr scheint nicht zu merken, wie unfassbar unhöflich und egoistisch ihr dabei klingt. Denn Arbeit ist oft auch Teamarbeit – und wer radikal Grenzen zieht, zieht die eben auch für andere. Dazu kommt, ich sage es euch ganz im Vertrauen: Es wirkt ein bisschen peinlich, wenn ihr von Work-Life-Balance sprecht . So, als ob ihr euch schon jahrelang den Buckel krumm gearbeitet hättet und jetzt endlich kürzertreten müsst. Dabei seid ihr eigentlich in einer Phase, in der man endlich ein wenig Gewicht auf die Work -Seite der Waage packt. Denn Life hattet ihr ja vorher schon genug. Oder eben nicht – vielleicht ist das ja das Problem. Was uns zum Thema Leistung führt. An der stört eigentlich nur, dass sie manchmal in einer erstaunlichen Diskrepanz zu euren Ansprüchen steht. Der Manager eines großen Dienstleisters erklärte mir mal, dass manchmal Leute bei ihm sitzen und Dinge sagen wie: "Ich würde gerne mehr strategisch arbeiten" – woraufhin er nur antworten kann: "Du bist seit sechs Monaten hier." Als wären nicht nur Gehalt, sondern auch Verantwortung ein Geschenk, das einem im Arbeitsleben irgendwie zusteht. Es wirkt, als wolltet ihr nicht verstehen oder akzeptieren, dass man in einem Job am Anfang immer erst, nun ja, am Anfang steht. Und dass es – Achtung, Pro-Tipp – auch informelle Hierarchien gibt, die nur in den Köpfen der Kolleginnen und Kollegen existieren: Wer kann was. Wer liefert ab, wenn es brennt. Wer räumt auf, wenn etwas in die Hose geht. Nocht nicht einmal Teil der Nahrungskette Mir hat mein Chef in meinem ersten Job noch gesagt: "Sie glauben, Sie sind ganz unten in der Nahrungskette. Dabei sind Sie nicht mal drin." Das war eine gute Orientierungshilfe. Was die Sache noch komplizierter macht, ist der Umstand, dass ihr kein sehr ausgeprägtes Bedürfnis zu haben scheint, besser zu werden. Oder euch von jemandem erklären zu lassen, wie man besser wird. Ihr findet euch okay so, wie ihr seid. Psychologisch ist das ein hervorragendes Konzept; es lässt sich aber nur schwer auf Dinge wie berufliches Handwerk übertragen. Denn eure Fähigkeiten und die Bereitschaft, sie zu entwickeln, sind am Ende immer noch das beste Mittel, um voranzukommen. Und es ist ja nicht so, als ob ihr konkurrenzlos seid. "Die KI", sagte der Chef eines kleinen Designbüros, "ist der freundlichste und motivierteste Praktikant der Welt. Der macht bessere Arbeit als mancher Mid-Level-Gen-Z-Angestellte." Manche behaupten, dass all diese Probleme auf die Art und Weise zurückzuführen sind, wie behütet ihr aufgewachsen seid. Wie sehr die Gesellschaft in der Phase, in der ihr groß wurdet, so getan hat, als wäre es möglich, Arbeit auf neue Weise zu verrichten und ganz leicht mit dem Privatleben zu vereinen. Das mag alles richtig sein, aber ich bevorzuge es trotzdem, es als eine Altersfrage zu betrachten. Einfach weil Alter nichts Unveränderbares ist, weil auch ihr mit der Zeit Jahre und Erfahrung sammelt und ich gerne Hoffnung für euch haben will. Wenn ihr zur Gen Z gehört und schon arbeitet, seid ihr wahrscheinlich in euren Zwanzigern. Und Zwanzigjährige haben es einfach unglaublich schwer, ich spreche aus Erfahrung. Ihr seid nicht mehr so unschuldig wie Kinder, nicht so frei wie Studenten, aber noch lange nicht so erfahren wie die meisten Arbeitnehmer. Ihr könnt wenig und sollt trotzdem etwas leisten. Ich beneide euch nicht, unter solchen Voraussetzungen kann man nicht gewinnen. Im Gegenteil: Sie machen euch zu einer hervorragenden Projektionsfläche für alles, was schiefläuft – im Team, in der Firma und im Land. Niemand muss sich mit seiner Generation identifizieren Aber gerade, weil es so viele Vorurteile gegen euch gibt, fällt es jedem von euch, der ihnen nicht entspricht, sehr leicht, hervorzustechen wie ein neongelber Fisch. Und da liegt eure große Chance, so wie bei jeder Generation vor euch. Das Dümmste, was ihr tun könnt, ist euch selbst zu stark mit eurer Generation zu identifizieren. Ich weiß, ein Wir-Gefühl ist eine angenehme Sache. Aber bloß, weil andere euch für eine komplett homogene Gruppe halten, heißt das nicht, dass ihr das auch tun müsst. Und wenn ihr das durchhaltet, dann wird das schon mit der Arbeit. Und ihr könnt euch eines Tages selbst über die nächste Generation beklagen, die es einfach nicht kapiert. Es sei denn natürlich, die KI nimmt euch diese Möglichkeit. Weil keine junge Generation jemals wieder einen Job bekommt. So, das war’s: Ich hoffe, es war für euch genauso schön wie für mich. Ich muss jetzt los, noch was arbeiten. Nur Spaß. Ich fahr fürs Wochenende ans Meer.