Zeit 25.03.2026
19:41 Uhr

Desinformation: Wie Russland mit Fake-News über Entwicklungshilfe Stimmung macht


Falsche Behauptungen über Steuergelder und Entwicklungshilfe verbreiten sich rasant. Dahinter stehen gezielte Kampagnen – mit einem klaren Ziel: Spaltung und Misstrauen.

Desinformation: Wie Russland mit Fake-News über Entwicklungshilfe Stimmung macht
Achtung, es folgen Lügen. Erstens: Friedrich Merz finanziert ein Fußballstadion in Brasilien mit 1,4 Milliarden Euro Entwicklungshilfe. Zweitens: Angelina Jolie reist in die Ukraine, bezahlt von 20 Millionen Dollar US-amerikanischen Entwicklungshilfegeldern. Drittens: Mit unserem Steuergeld wird Terror und Indoktrination finanziert. Die ein oder andere Behauptung kennen Sie vielleicht aus den sozialen Medien, denn manche von ihnen gingen viral. Die Lüge über Merz und das Fußballstadion wurde unter anderem vom deutschsprachigen Schweizer Influencer Daniel Gugger weiterverbreitet, sein Post erhielt damit allein auf der Plattform X mehr als drei Millionen Views. Die Falschinformation mit Angelina Jolie teilten Elon Musk und Donald Trump Jr. auf X mit ihren Millionen Followern. Diese Falschinformation sind nicht irgendwelche Hirngespinste: Sie stammen wohl aus Russland. Und nach allem, was man heute weiß, kann man sie als einen Teil des Informationskriegs Russlands gegen den Westen einordnen. Auch Rechtsradikale springen auf die Fake-Meldungen an "Das Thema der Entwicklungszusammenarbeit eignet sich gut für Fehlinformationen", sagt Julia Smirnova. Es sei ein komplexes Thema, das sich für politisches Framing nutzen lasse und für viele undurchsichtig sei. Smirnova ist Analystin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), einem Thinktank, der zu Desinformation forscht. In den vergangenen Monaten hat sie mit Kolleginnen und Kollegen die Verbreitung von Desinformation zum Thema Entwicklungshilfe analysiert . Dabei haben sie nicht nur klare Spuren nach Russland gefunden, sondern auch zu deutschen Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern. Russland nutze aus, dass entsprechende Kreise in Deutschland auf das Thema anspringen, sagt Smirnova. Das Ziel Russlands mit solchen Falschinformationen: Destabilisierung. Das Vertrauen in die Demokratie schwächen. Misstrauen säen, in Deutschland insbesondere gegen die Regierung. Schließlich transportieren viele Posts den Vorwurf, dass die Regierung absurde Projekte im Ausland finanziere, statt sich um seine Bürgerinnen und Bürger mit ihren finanziellen Sorgen zu kümmern. Das trifft auf Zustimmung und sorgt für Empörung – und wenn die Hintermänner Glück haben, fällt ein Influencer mit einer größeren Followerschaft auf die Lügen herein und verbreitet sie seinerseits. Schließlich profitiert auch er von viralen Posts. Neid, Missgunst und die Behauptung, die Regierung vernachlässige ihre Bürger, haben das Potenzial für viele Klicks. Die Analyse von Cemas führt vor Augen, wie solche Mechanismen funktionieren. Die russischen Akteure – beispielsweise eine Gruppe namens Storm-1516 – verbreiten ihre Posts unter anderem durch Telegram-Gruppen, teilweise tarnen sie sich dabei als normale, besorgte Bürger. Oft sind sie damit auch nicht erfolgreich – aber immer wieder identifizieren sie Themen, die Influencer und Politiker aus Europa und den USA teilen. Posts werden auf Deutschland angepasst So etwa bei der Auflösung der US-amerikanischen Entwicklungshilfebehörde USAID durch Donald Trump im vergangenen Jahr. Die russische Kampagne nutzte die Debatte und warf der US-Entwicklungshilfe unter anderem vor, in enger Verbindung zum Geheimdienst CIA zu stehen, weltweit Regimewechsel herbeiführen zu wollen und Terror zu unterstützen. Das wird etwa mit der Behauptung belegt, USAID habe die Ausbildung des ehemaligen Anführers von Al-Kaida, Anwar al-Awlaki, finanziert. Tatsächlich hatte dieser ein Stipendium für sein Ingenieur-Studium bekommen, allerdings lange vor seiner Radikalisierung. "Entsprechende Posts wurden aber auch auf Deutschland angepasst", sagt Smirnova: Mal seien die englischen Posts einfach übersetzt, mal aber auch Bezüge nach Deutschland hergestellt worden. Zum Beispiel wurde die Falschbehauptung verbreitet, USAID habe Massenmigration nach Deutschland mit 31 Millionen US-Dollar finanziert. Das Perfide an dieser Lüge ist, dass die Summe real ist, nur die zugehörige Geschichte nicht: In Wirklichkeit hat es sich um eine Förderung des US-Außenministeriums gehandelt. Es finanzierte damit ein Programm auf einem US-Militärstützpunkt in Deutschland , wo sich insbesondere afghanische Ortskräfte auf Durchreise in die USA aufhielten. Oft ziehen die USAID-bezogenen Posts laut den Forschern auch Parallelen zu Deutschland mit Formulierungen wie "Wir können sicher sein, dass auch hier bei uns das Ende des linksrotgrünen Schlaraffenlands eingeläutet ist."