Zeit 25.03.2026
19:07 Uhr

Altern: Was Boomer dazu bringt, gut zu sein


Rentner, die sich auf Kreuzfahrten amüsieren – auf Kosten nachfolgender Generationen? Die Forschung zeigt: Wer im Alter Sinn empfindet, handelt eher nachhaltig.

Altern: Was Boomer dazu bringt, gut zu sein
Kaum ein Bild befeuert die Debatte über Generationengerechtigkeit so sehr wie das glücklicher grauhaariger Menschen auf Kreuzfahrtschiffen: weiße Turnschuhe, Funktionsjacken, Cocktails bei Sonnenuntergang. Es ist ein ikonisches Motiv unserer Zeit. Für die einen steht es für rücksichtslosen Konsum auf Kosten des Klimas und kommender Generationen. Für die anderen ist es das sichtbare Zeichen eines Lebens, das nach Jahrzehnten der Arbeit endlich Raum für Freiheit und Genuss findet. Was ist dran an diesem oft beschworenen Generationenkonflikt? Was bewegt die sogenannten "jungen Alten" – also Menschen im Alter von 60 bis 74 Jahren – heute wirklich? Was gibt ihrem Leben Sinn? Worum sorgen sie sich, und wofür tragen sie Verantwortung? Als Forscherin, die sich seit mehr als zwanzig Jahren empirisch mit der Frage nach dem Sinn beschäftigt , habe ich einige dieser Fragen aus nächster Nähe verfolgt. Meine Beobachtungen und die Studien anderer zeichnen ein Bild, das differenzierter ist als manche polarisierende Debatte. Dazu gehört zunächst einmal die Beobachtung, dass Deutsche in dieser Altersgruppe im Durchschnitt von einer ziemlich hohen Sinnerfüllung berichten. Das heißt, dass sich die Mehrheit als kohärent, bedeutsam, orientiert und zugehörig erlebt. Ob im Jahr 2005, 2015 oder 2025: In unseren Daten zeigte sich immer wieder ein deutlicher Anstieg des Sinnerlebens vom mittleren zum höheren Alter ab 60. Die Stabilität dieses Effekts legt nahe, dass es sich nicht um einen Kohorteneffekt handelt, der auf generationenspezifische Prägungen zurückzuführen wäre, sondern um einen Alterseffekt. Verschiedene altersbezogene Faktoren können hier eine Rolle spielen. So eröffnet sich durch die Berentung ein ganz neuer Freiraum. Wir bestimmen selbst darüber, wie, womit und wo wir unsere Zeit verbringen. Auch alterstypische Entwicklungsprozesse sind anzunehmen. Aus langer Lebenserfahrung lässt sich eine gewisse existenzielle Gelassenheit gewinnen. Auch Prioritäten ändern sich. Mit dem Eintritt ins Rentenalter steht weniger im Vordergrund, was noch erreicht werden soll. Da ist viel, was bereits geschafft wurde; Schwierigkeiten, die überwunden wurden, Erfahrungen, für die man dankbar sein kann. Betrachtet man die Sinnquellen, die in dieser Lebensphase besonders relevant sind, dann spiegeln sie das wider. Besonders hoch ausgeprägt ist im "jungen Alter" eine Orientierung an Ordnung und Sicherheit. Tradition, klare Werte, Vernunft und Bodenständigkeit werden als wichtig und richtig erlebt. Keine Experimente, keine Risiken, sondern ein Erhalten dessen, was sich bewährt hat. 51, ist Psychologieprofessorin und forscht seit mehr als 20 Jahren zum Thema Lebenssinn. An zweiter Stelle findet sich ein Fokus auf Sinnquellen, die unter den Begriff Wir- und Wohlgefühl gefasst werden: Gemeinschaft, Fürsorge, Harmonie, Spaß, Liebe und bewusstes Erleben. Sie hängen eng miteinander zusammen und beschreiben den Wunsch, mit uns selbst und den Menschen um uns herum in einer guten Beziehung zu stehen, füreinander da zu sein und schöne Momente gemeinsam zu erleben. Das Wir- und Wohlgefühl hat den höchsten Stellenwert bei jungen Menschen. Im mittleren Alter sinkt es, doch bei den "jungen Alten" gewinnt es wieder an Bedeutung. Die Pensionierung erlaubt also vielen, diesen Formen der Verbundenheit und Lebensfreude wieder mehr Gewicht zu geben. Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei der Selbstverwirklichung, also bei einer Orientierung an Sinnquellen wie Entwicklung, Freiheit, Leistung, Kreativität oder Macht. Nach Jahren beruflicher und familiärer Verpflichtungen, in denen die persönliche Entfaltung gegenüber ihrer Bedeutung in der Jugend eher in den Hintergrund tritt, steigt sie im Rentenalter wieder an. Das "junge Alter" markiert heute nicht mehr den Übergang in eine Phase des Rückzugs oder des Verlusts an Möglichkeiten. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem sich viele Menschen noch einmal neu entdecken und weiterentwickeln wollen. Wie schön! Beziehungsweise: wie profitabel. Aufgrund ihrer Kaufkraft und zeitlichen Ressourcen sind Best Ager – gemeint sind die "jungen Alten" – eine heiß umworbene Zielgruppe der Werbeindustrie. Mit Angeboten für Kreuzfahrten, Fernreisen, SUVs, Luxus- und Lifestyleprodukte werden Wohlgefühl und Selbstverwirklichung zur Ware; zur CO₂-intensiven Ware.