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28.03.2026
14:43 Uhr
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Fünf Erinnerungen an den verstorbenen Filmemacher und Autor Alexander Kluge

1. Der Professor Betrachtet man den Ausdruck "zerstreuten Professor" positiv, also als einen, dessen Gedanken so blitzschnell in alle Richtungen rasen, Verknüpfungen herstellen, auch mit allem, was zufällig rundherum ihnen in den Weg kommt, also sich durch multiple Wahrnehmung und simultane Verarbeitung von allen anderen Menschen unterscheidet, wie in einem anderen Universum lebend, dann war Alexander Kluge der Inbegriff des zerstreuten Professors. 2. Dornhaldenfriedhof, Stuttgart Es gibt nichts Langweiligeres als Begräbnisse, wenn man sie filmen muss: Limousinen vor grüner Wiese, die Gruppe der Trauernden unter Bäumen, Großaufnahmen der Hinterbliebenen, die Augen der Damen hinter Schleiern, das Grab, ein Gegenschuss aus der Perspektive des Sarges, die schwarzen Silhouetten aus Untersicht vor möglichst bewölktem Himmel, das Schäufelchen mit der Erde. Also suchten Kameramann Igor Luther und ich, die mit Kluge am 27. Oktober 1977 frühmorgens zur Beerdigung der Stammheimer aufbrachen, nach anderen Bildern, für den Episodenfilm Deutschland im Herbst, der Gemeinschaftsarbeit von elf Regisseuren von 1978. Polizisten zu Pferd im Nebel des Waldrandes wie Herrenreiter zur Jagd aufbrechend, Hippiemutter mit Kind am Rand des Grabes spielend, anderswo in Stuttgart eine Kamerarundfahrt um Adenauers 600er-Mercedes, am Vorabend die aufgebahrten Leichen von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der eisigen Friedhofskapelle. Gudrun Ensslins Gesicht schrecklich entstellt durch das Aufsägen ihres Schädels zwecks Entnahme des Hirns zur amtsärztlichen Untersuchung, Anwalt Otto Schily das Prozedere erklärend, ihre Mutter, die schwäbische Pastorenfrau, sich vorwerfend, das noch ungetaufte Baby nackt der Sonne – und damit dem Teufel – ausgesetzt zu haben. Solche Bruchstücke, solche Fundstücke brauchte Alexander für die Montage im Schneideraum, wo seine Filmarbeit eigentlich erst begann. Sie selbst "aufzunehmen", das eigentliche Filmen, lag ihm nicht, fand er mühsam. Lieber klaute er die Bilder, die er brauchte, anderswo in Ali Babas Höhle der Filmgeschichte. Auch in den Filmen der Freunde und Kollegen. Indem er dieses Diebesgut bearbeitete, eignete er es sich an, auch juristisch gesehen, denn, so sein Argument, er schuf ja ein neues, sein urheberrechtlich geschütztes Werk.