Zeit 29.03.2026
05:17 Uhr

(+) ADHS bei Mädchen: Sie bekommen keine Hilfe, weil sie nicht stören


Mädchen, die ADS oder ADHS haben, werden oft übersehen. Als Lehrerin ist mir das auch passiert. Seit ich mehr darüber weiß, erkenne ich die Kinder und kann ihnen helfen.

(+) ADHS bei Mädchen: Sie bekommen keine Hilfe, weil sie nicht stören
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 13/2026. "Endlich war Ruhe in meinem Kopf", erzählt mir Ronja. "Ich musste erst mal richtig heulen." Ich nehme einen Schluck meines Cappuccinos und atme durch. Ronja, eine ehemalige Schülerin von mir, sitzt mir im Café gegenüber und erzählt mir an diesem Tag von ihrem langen Weg bis zur Diagnose ADS: dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Ronja holt eine Packung aus der Handtasche und legt sie vor mir auf den Tisch. Methylphenidat. "Das ist ein Stimulans, ein bisschen wie ein Amphetamin, und das Medikament, das mich gerettet hat", sagt sie. Ich nehme die Packung in die Hand und sage, was ich fühle: "Es tut mir leid, dass ich es nicht gesehen habe." Ich habe sie damals nicht gerettet und auch keine Hilfe auf den Weg gebracht. Ich habe alles übersehen, als sie vor zehn Jahren in meiner Klasse vor mir saß. Keine Auffälligkeiten, keine Gespräche, keine Diagnose. Ronja schien mir als eine unauffällige Schülerin, die am Ende gerade so den Abschluss schaffte. Dabei hatte sie mit schweren Problemen zu kämpfen. Ihr ist das passiert, was viele Frauen kennen: Sie fällt nicht auf, weswegen sie ihre Diagnose erst Jahre später und auf Umwegen bekommt. Umwege, die sie einiges gekostet haben. Aber wie kann es sein, dass ein Syndrom, das bereits im Kindesalter auftritt und das so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, bei einer jungen Frau erst Mitte zwanzig diagnostiziert wird?