Die Figur des Narren ist ambivalent, denn sie wird in der Tradition stets mit einem lachenden und einem weinenden Auge gezeichnet. So in etwa lässt sich die gegenwärtige Haltung der heiteren Kölner, der Einwohner der deutschen Hauptstadt der Narren, zu ihrem Opernhaus beschreiben. Sagenhafte 40.000 Menschen strömten an den Tagen der offenen Tür am vergangenen Wochenende ins Haus. Dreimal mehr Abos als in der letzten Spielzeit im Interim wurden bereits verkauft. Keine Frage, die Kölner wollen zurück in ihr Opernhaus. Es gab aber auch Gemecker über die Pannenserie und die aberwitzige Kostensteigerung. „Wir sitzen tatsächlich hier, die Zeit des Wartens ist vorbei“, sagte Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) am Donnerstagabend bei dem Festakt zur Einweihung. „Als Oberbürgermeister entschuldige ich mich für diese Fehler, die wir auch gemacht haben, bei den Kölnerinnen und Kölnern.“ Opernintendant Hein Mulders sagte: „Nach 14 Jahren ist das ein irrer Moment. Hier sitzen Leute im Saal, die gewettet haben, dass das Ding nicht fertig wird.“ Und es blieb spannend bis zuletzt, denn in der letzten Woche vor der Premiere von Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“ hörte man von massiven Problemen mit der Bühnentechnik. Die wurde nämlich bereits 2017 fertig und ist nun schon bald zehn Jahre alt. Sie wurde zwar regelmäßig gewartet, ist aber möglicherweise funktional doch eingerostet. Die Kölner Oper reiht sich damit ein in eine Serie von ambitionierten Großbauten in Deutschland, die einfach nicht fertig werden wollten und ein Vielfaches der ursprünglich kalkulierten Kosten verschlungen haben. Plangemäß sollte die Kölner Oper im November 2015 wieder eröffnen und brauchte für die Sanierung elf Jahre länger. Die Kalkulation sprang von zunächst 253 auf zuletzt 798 Millionen Euro. Mit Finanzierung und den Kosten für die Verlagerung der Spielstätten summiert sich das Debakel auf insgesamt etwa 1,5 Milliarden. Die Baustelle war wie ein schwarzes Loch mitten in der Stadt. Bauzäune und Container verstellten den Blick auf das Ensemble, das nach dem Krieg zu den architektonisch fortschrittlichsten Theaterbauten der jungen Bundesrepublik zählte und nach langen Jahren systematischer Vernachlässigung zum ungeliebten Koloss verkommen war. Nun aber ist alles zurück auf Anfang: Der historische Steinboden der Eingangshalle wurde von seiner jahrzehntealten Schicht aus dunklem Bohnerwachs befreit, unter der weißen Übermalung fand sich die ursprüngliche subtile Farb-Regie der Wände. Auf verblüffende Weise wirkt der Bau nun wieder modern. Die breite Eingangsfront mit ihren fünf stufenlosen Eingängen, die man damals noch nicht barrierefrei nannte. Das luftige Foyer, dessen klare Architektur in dezent abgestuften Pastell-Farbtönen gestrichen ist. Ein tiefes Mitternachtsblau leuchtet am Himmel über den Foyers mit ihren schlanken Murano-Glasleuchten. Im Saal schimmern die frisch polierten Nussbaum-Furniere in sattem Braun, die Sitze wurden in Eisgrau aufgepolstert, die Türen schallisoliert und die charakteristischen Balkone ragen schwerelos elegant in den Raum. Der skandinavisch inspirierte Purismus und die unpathetische Leichtigkeit der Architektur, die zurückhaltende Eleganz und die demokratische Offenheit des Ensembles treffen heute wieder den Nerv der Zeit. Es wurde aber natürlich keineswegs „nur“ saniert. Neben dem Opernhaus und dem in zweiter Reihe platzierten Schauspielhaus gibt es nun auch noch das „Kleine Haus“, zu dem die alten Opernterrassen umgewidmet wurden, Werkstätten sowie den vielleicht größten Schatz des Ensembles, nämlich die tief unter dem Dirk-Bach-Platz angesiedelte Kinderoper: ein veritables kleines Opernhaus mit Orchestergraben, Rang und schwerem Samtvorhang, sowie einem aus golden schimmernder Majolikakeramik verkleideten Saalkörper. Die Gesamtfläche des gewaltigen Theaterkomplexes ist um 17.000 auf 66.000 Quadratmeter gewachsen, insgesamt sind es 2280 Räume, an deren Sanierung und Planung 58 Unternehmen und 22 Planungsbüros beteiligt waren. Jürgen Volm, der 2024 nach zahllosen Pannen und Verzögerungen eingesetzte externe Projektleiter der Sanierung, hatte eine hochkomplexe Situation zu meistern: „Schon die Haustechnik war sehr anspruchsvoll und die Schnittstellen zwischen den Themenkomplexen, Denkmalschutz, Brandschutz gepaart mit Gebäudetechnik des 21. Jahrhunderts und der Bühnentechnik haben uns immer wieder vor riesige Herausforderungen gestellt.“ Opernintendant Hein Mulders hatte sich an Häme bereits gewöhnt: „Immer, wenn von der baldigen Eröffnung die Rede war, kam ein großes Gelächter. Aber jetzt, nach dem ganzen hinter uns liegenden Frust, erleben wir, dass die Kölner es jetzt sehr positiv sehen. Vielleicht liegt es daran, dass wir eine Karnevalsstadt sind, die das Ganze mit Humor nimmt.“ Programmatisch will Mulders vorläufig bewusst kein Risiko eingehen und setzt auf populäre Titel und bereits bewährte Produktionen, die er eingekauft hat. „Der Rosenkavalier“ etwa ist ein zugkräftiger Titel, Strauss‘ süffig-nostalgische Rückschau in ein geträumtes Wien hat zwar keinen erkennbaren Bezug zur Geschichte der Kölner Oper, gilt aber als Schmankerl für Kulinariker. Diese Eröffnungs-Produktion ist immerhin ein Kölner Original, es inszeniert Marie-Ève Signeyrole, am Pult steht Gürzenich-Chef Andrés Orozco-Estrada. Wiederaufgenommen wird ein beliebter, saftig bebilderter „Rigoletto“ in der Regie von Katharina Thalbach. Aus seiner Zeit als Essener Intendant bringt Mulders Dietrich Hilsdorfs delikat-kluge Inszenierung von Scarlattis „Kain und Abel“ mit, ein Highlight für Barock-Fans. Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ gehört natürlich an den Offenbach-Platz. Gezeigt wird Stefan Herheims bildgewaltige Deutung von den Bregenzer Festspielen 2015. Weitere sichere Spielplan-Hits sind die „Zauberflöte“ in der uralten, aber sehr beliebten Regie von Michael Hampe, Smetanas „Verkaufte Braut“ in der Regie von Laurent Pelly, eine Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid; ebenfalls koproduziert ist Verdis „Macbeth“ in der Regie des angesagten Damiano Michieletto, die bereits im Teatro La Fenice lief. Original ist immerhin „Siegfried“, der dritte Teil des im Interim gestarteten „Ring“ in der Regie von Paul Georg Dittrich. Hat der Spielplan genug Profil? Aus überregionaler Sicht kann man diesen Spielplan langweilig und wenig profiliert finden. Angesichts der Dringlichkeit, das Haus schnell vollzukriegen, ist diese defensive Planung allerdings mehr als verständlich. Allerdings sollte sich ein klares Profil möglichst schnell herausbilden, denn nachdem die Neugierde auf das neue, alte Haus gestillt ist, darf es doch wieder mehr werden als gehobene Hausmannskost. Wird nun alles gut? Wenn am Sonntag der Vorhang hochgeht und der „Rosenkavalier“ unfallfrei über die Bühne geht, dürfte das Aufatmen gewaltig sein. Der Lernprozess könnte zum Exempel, zur Blaupause werden für die vielen, vielen Häuser, die diese ihre Sanierung noch vor der Nase haben. Köln hat das Drama nun hoffentlich hinter sich und kann darauf hoffen, dass der Hamburger Elphi-Effekt eintritt – in der Hansestadt redet zehn Jahre nach der Eröffnung des Konzerthauses kaum noch jemand von der Kostenexplosion.