Welt 26.05.2026
10:46 Uhr

Wie lange Sie auf einem Bein stehen können, sagt viel über Ihre Gesundheit aus


Ein Bein anheben, kurz die Balance halten – und plötzlich geht es um die eigene Gesundheit. Der sogenannte Flamingo-Test wirkt auf den ersten Blick wie eine harmlose Einheit aus dem Schulsport. Doch Forscher sehen darin inzwischen weit mehr.

Wie lange Sie auf einem Bein stehen können, sagt viel über Ihre Gesundheit aus

Der Test ist denkbar simpel. Man steht auf einem Bein, das andere wird angewinkelt, die Arme bleiben meist an der Hüfte oder locker am Körper. Entscheidend ist: Wie lange gelingt es, das Gleichgewicht zu halten, ohne den Fuß abzusetzen oder zu wackeln? Balancieren klingt banal, ist für den Körper aber Hochleistung. Damit ein Mensch stabil auf einem Bein stehen kann, müssen Gehirn, Innenohr, Augen, Nerven und Muskulatur perfekt zusammenspielen. Genau deshalb gilt Gleichgewichtsfähigkeit in der Medizin als wichtiger Marker für die sogenannte neuromuskuläre Fitness. Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich dieses Zusammenspiel. Die Muskeln werden schwächer, Reaktionszeiten langsamer, Sinnesreize anders verarbeitet. Der Flamingo-Test macht diese Entwicklung sichtbar – oft früher als andere körperliche Einschränkungen. Internationale Aufmerksamkeit bekam der Einbeinstand 2022 durch eine Studie im renommierten Fachjournal „British Journal of Sports Medicine“ (verlinkt auf https://bjsm.bmj.com/content/56/17/975) . Forscher analysierten Daten von 1702 Menschen zwischen 51 und 75 Jahren. Das Ergebnis: Wer es nicht schaffte, zehn Sekunden auf einem Bein zu stehen, hatte ein deutlich höheres Risiko, in den folgenden Jahren zu sterben. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Teilnehmer, die schlecht abschnitten, ein nahezu doppelt so hohes Risiko für einen vorzeitigen Tod hatten – unabhängig von Faktoren wie Gewicht oder Vorerkrankungen. Der Einbeinstand könnte deshalb künftig Teil routinemäßiger Gesundheitschecks werden, schreiben die Autoren. Wichtig ist allerdings: Der Test sagt keine konkrete Lebenserwartung voraus. Er liefert vielmehr Hinweise darauf, wie gut verschiedene Körpersysteme noch zusammenarbeiten. Welche Werte für welches Alter gelten Bei jüngeren Menschen gilt ein sicherer Einbeinstand meist als Zeichen guter Koordination und Muskelkontrolle. Probleme beim Gleichgewicht können hier etwa auf Bewegungsmangel, neurologische Erkrankungen oder Verletzungen hinweisen. Besonders spannend wird der Test jedoch ab dem mittleren Alter. Laut der Studie scheiterten nur rund fünf Prozent der 51- bis 55-Jährigen an der Zehn-Sekunden-Marke. Bei den 71- bis 75-Jährigen war es dagegen bereits mehr als die Hälfte. Im hohen Alter wird der Flamingo-Test vor allem genutzt, um das Sturzrisiko einzuschätzen. Denn Stürze zählen bei älteren Menschen zu den häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen und den Verlust von Selbstständigkeit. Neurologen interessieren sich ebenfalls für den Einbeinstand. Denn Balanceprobleme können frühe Hinweise auf Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz liefern. Einzelne Untersuchungen zeigen, dass sich Gleichgewichtsstörungen oft bemerkbar machen, bevor deutliche Symptome auftreten. Der Test misst also nicht nur Muskelkraft, sondern indirekt auch, wie effizient das Gehirn Bewegungen steuert. 2023 hat der staatliche Gesundheitsdienst „National Health Service“ in Großbritannien Werte veröffentlicht (verlinkt auf https://suffolkandnortheastessex.icb.nhs.uk/news/how-long-can-you-stand-like-a-flamingo/) , wie lange gesunde Menschen in welchem Alter den Flamingostand beherrschen sollten. Demnach sollten 18- bis 39-Jährige 43 Sekunden auf einem Bein stehen können, 40- bis 49-Jährige 40 Sekunden und 50- bis 59-Jährige noch ganze 37 Sekunden. Bei den 60- bis 69-Jährigen sind es noch 30 Sekunden, bei 70- bis 79-Jährigen noch etwa 18 bis 19 Sekunden und über 80 Jahren schließlich etwas über fünf Sekunden. Der Flamingo-Test selbst ist keineswegs neu. In der Sportwissenschaft existiert er seit Jahrzehnten als standardisierter Balance-Test. Bekannt wurde er unter anderem durch die europäische „Eurofit“-Testbatterie für Kinder und Jugendliche. Dabei stehen die Teilnehmer auf einem schmalen Balken, gezählt werden Gleichgewichtsverluste innerhalb einer Minute. Heute existieren verschiedene Varianten – vom einfachen Zehn-Sekunden-Test bis hin zu komplexeren Balanceprüfungen in der Geriatrie und Neurologie. Die gute Nachricht: Gleichgewicht lässt sich erstaunlich effektiv verbessern. Studien zeigen, dass regelmäßiges Training die Stabilität selbst im hohen Alter deutlich steigern kann. Besonders wirksam gelten Krafttraining, Yoga, Tai-Chi oder einfache Einbeinübungen im Alltag. Selbst kleine Routinen können helfen, etwa beim Zähneputzen kurz auf einem Bein zu stehen. Entscheidend ist, dass Muskeln und Nervensystem regelmäßig gefordert werden. Trotz aller Aufmerksamkeit warnen Experten davor, den Test zu überinterpretieren. Wer einmal wackelt oder die zehn Sekunden nicht schafft, ist nicht automatisch krank. Müdigkeit, Stress oder eine ungewohnte Situation können das Ergebnis beeinflussen. Der Einbeinstand ist deshalb eher ein Frühwarnsignal als eine Diagnose. Gerade darin liegt aber seine Stärke: Er ist kostenlos, schnell und überall durchführbar – und bringt viele Menschen erstmals dazu, über ihre körperliche Fitness nachzudenken.