Es war schon mindestens der dritte Anlauf. Schon 1746 hatte der König eine Empfehlung für die preußische Provinz Pommern herausgegeben, zwei Jahre später für die Kur- und Neumark. Doch erst der Kartoffelbefehl an die Provinz Schlesien vom 24. März 1756 ging ins kollektive Bewusstsein ein und begründete einen wesentlichen Teil des Mythos rund um den „Alten Fritz“ – nicht umsonst liegen auf seiner Grabplatte am Schloss Sanssouci fast immer ein paar Knollen herum. In einem auf diesen Mittwoch datierten „ Circulare an sämtliche Landräte und Beamte wegen Anbauung der Tartoffeln (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffelbefehl) “ schrieb Friedrich II. von Preußen an seine Vertreter vor Ort in Schlesien, sie sollten den „Herrschaften und Untertanen den Nutzen von Anpflanzungen dieses Erd-Gewächses begreiflich“ machen. „Noch dieses Frühjahr“ müsse „die Pflanzung der Tartoffeln (so der damals übliche Name (verlinkt auf https://www.dwds.de/wb/dwb/tartoffel) , d. Red.) als einer sehr nahrhaften Speise“ forciert werden. Denn dadurch würden „die armen Bauern und Untertanen in den Stand gesetzt, manchen Scheffel Korn mehr zu verkaufen“, aus dem sie sonst Brot für den eigenen Bedarf herstellen würden. „Schier unendlich“ seien Friedrichs Bemühungen gewesen, die Kartoffel in seinen Territorien anzusiedeln, urteilte der renommierte Agrarwissenschaftler und langjährige Direktor des Instituts für Pflanzenbau der Universität Göttingen, Gerhard Röbbelen (verlinkt auf https://www.ufop.de/presse/aktuelle-pressemitteilungen/ufop-trauert-um-prof-dr-dr-hc-mult-gerhard-roebbelen/) (1929–2024), in einem Vortrag an der Akademie der Wissenschaften Göttingen 2012. Gleichwohl könne man „nicht einmal für die preußischen Territorien“ sagen, „dass er es gewesen sei, der diese neue Kulturpflanze in Deutschland eingeführt habe“. Die biologische Heimat der Kartoffel ist das westliche Südamerika: Hier wurden vor etwa 5000 Jahren erstmals Kartoffelknollen kultiviert; jedenfalls fand man zwischen Siedlungsresten in peruanischen Andentälern Hinweise darauf. In vorkolumbischen Gräbern in Nordchile und Peru lagen in Gräbern Beigabegefäße, die neben Bohnen, Maiskolben und Erdnüssen auch getrocknete Kartoffeln enthielten. Europäer kamen mit dieser Frucht wohl erstmals in Kontakt, als Kolumbus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article187470414/Entdeckung-Amerikas-Kolumbus-ist-nicht-mehr-politisch-korrekt.html) im Oktober 1492 in der Karibik an Land ging und für seine Besatzung nach Proviant suchen ließ. Die Einheimischen boten ihm verschiedene Wurzelknollen an, darunter offenbar Süßkartoffeln und Maniok. Doch es dauerte noch mehr als drei Jahrzehnte, bis die Vorteile dieser Feldfrucht deutlich wurden: In Höhen, „wo der Mais nicht mehr gedieh“, ernährten sich die Einheimischen laut Berichten der spanischen Konquistadoren von einer „Art Erdnüsse“, die „durch Kochen weich werden wie eine Kastanie, eine Haut wie Trüffel haben“ und an der Sonne trocknen. Es waren auch Spanier, die als erste Kartoffeln nach Europa brachten. Aus dem Jahr 1565 stammt ein Auftrag, eine Kiste „Papas Indorum“ an König Philipp II. zu schicken. Der Monarch ließ die schmackhaften „Früchte“ an Papst Pius IV. zur Wiederherstellung seiner Gesundheit überreichen, „der sie mit Wohlbehagen empfing“. Aus dieser Sendung erreichten einige Knollen den niederländischen Botaniker Carolus Clusius, der sie erfolgreich in Frankfurt / M. anpflanzte und in seiner „Rariorum Plantarum Historia“ erstmals 1601 biologisch beschrieb. „Anfänglich fand die Kartoffel in Europa vor allem als botanische Kostbarkeit und exotische Zierpflanze in Gewächshäusern und Gärten der Fürsten und Adeligen Verbreitung“, schrieb Röbbeken. Doch das änderte sich bald: In Belgien wurden Kartoffeln schon um 1640 angebaut; bald darauf begann man in Großbritannien mit dem Anbau auf Feldern. In Irland, dessen Klima dem der Küstengebiete Chiles ähnelt, gedieh sie besonders gut; hier wurde sie bald zur Hauptnahrung der Armen. Die Royal Society empfahl 1663 den Kartoffelanbau allen Ländern des Königreichs, um so Hungersnöten vorzubeugen. In Mitteleuropa dagegen kam die Innovation nur langsam voran: In Pilgramsreuth am Rande des Fichtelgebirges, gab es etwa 1648 erste Versuche, Kartoffeln anzubauen. Von hier aus dehnte sich die neue Frucht über das Vogtland und die Gegend von Wunsiedel in die Oberpfalz und den Frankenwald aus. 1694 dokumentiert das Protokoll eines Streits um den Kirchenzehnten, dass in dem kaum 400 Einwohner großen Pilgramsreuth 640 Kartoffelbeete ein Ernteaufkommen von mindestens 1300 Zentnern brachten. In Preußen begannen Einwanderer aus der Pfalz um 1720 mit dem Anbau. König Friedrich Wilhelm I. schenkte der Charité Land, um darauf für die Kranken Kartoffeln zu ziehen. 1738 blühten in der Umgebung von Berlin schon zahlreiche Kartoffelfelder. Nun diente sie bereits als Sättigungsbeilage, auch wenn dieses (wenig appetitliche) Wort (verlinkt auf https://www.dwds.de/wb/S%C3%A4ttigungsbeilage) wohl erst in den 1960er-Jahren in der DDR erfunden wurde. Allerdings gab es im 18. Jahrhundert ein Hindernis: die hierzulande übliche Dreifelderwirtschaft (verlinkt auf https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/dreifelderwirtschaft/1789) , also den Wechsel des Anbaus von Sommergetreide, dann Wintergetreide und schließlich ein Jahr Brache, die dem Nutzvieh als Weide diente. Dieser Drei-Jahres-Rhythmus, biologisch fraglos sinnvoll, stand dem Kartoffelanbau im Wege. Erst nach einigen Jahrzehnten Erfahrung verstand man, wie sich Kartoffeln in die Tradition integrieren ließen. Zudem zögerten viele Bauern, bis sie verstanden, dass weder Früchte noch die Kartoffelpflanze selbst als Nahrung eigneten, sondern die Knolle. Schon der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. hatte den Kartoffelbau in Preußen unterstützt und gegen Widerspenstige mitunter harte Strafen verhängt. Sein Sohn setzte diese Politik fort: 1744 ließ er erstmals kostenlos Saatkartoffeln verteilen; zwei Jahre später verordnete er den Domänenämtern in Pommern den großflächigen Anbau. Die große Hungersnot Anfang der 1770er-Jahre förderte den Siegeszug der Kartoffel. Lange Winter und feuchte Sommer in drei von vier Jahren schädigten die Getreideernten; die Nahrungsversorgung brach zusammen. In ganz Europa stiegen die Lebensmittelpreise; Armut grassierte. Indirekt litten auch Handwerk und Handel, denn die hohen Preise erschöpften die Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung. Wer zuvor Kartoffeln gepflanzt hatte, war nun sehr viel unabhängiger von Wetterkapriolen. Ende des 18. Jahrhunderts war die Kartoffel in Mitteleuropa allgemein anerkannt … doch ihre Karriere ging noch weiter: in den Südosten des Kontinents, nach Griechenland. Der bayerische Generalmajor Karl-Wilhelm von Heideck (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article237633005/Ludwig-I-Lola-Montez-Wie-kannst-Du-fragen-ob-ich-mit-dir-Sex-will.html) , der in der verbleibenden Zeit der Minderjährigkeit des 1832 als knapp 17-Jährigen gewählten Königs Otto von Bayern zum Regentschaftsrat zählte, erteilte hier wohl Anfang 1835 einen folgenreichen Befehl, nämlich „Kartoffeln anzubauen, um diesen so nützlichen Nahrungsstoff auch in Griechenland zu erzeugen“. Die Idee, das preiswerte und kalorien- wie nährstoffreiche Grundnahrungsmittel in einem Land mit beschränkter Ackerbaufläche einzuführen, hatte wahrlich revolutionäre Folgen: Ohne Kartoffeln ist die heutige griechische Küche schlicht unvorstellbar. Vielleicht war es Karl-Wilhelm von Heidecks (verlinkt auf https://portale.hdbg.de/koenigreich-bayern/personen/person/77) wirkungsvollste Anordnung in seiner griechischen Zeit.