Die Wirtschaft schwächelte – und anscheinend kannte niemand ein Rezept dagegen; nicht einmal der anerkannte Wirtschaftsexperte im Kanzleramt. Also stieg die Nervosität, gerade bei der natürlichen Regierungspartei, der CDU/CSU. Und mit ihr die Bereitschaft zu tiefgreifenden Änderungen. Im Herbst 1966 standen die Zeichen auf Sturm, jedenfalls nach damaligem Verständnis. Was damals auf den Fluren des Bundeshauses in Bonn (verlinkt auf https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/schauplaetze/akademie) am Rhein für Unruhe sorgte, würde knapp sechs Jahrzehnte später als mittlere Böe sicher höchstens Erleichterung auslösen. Aber die Maßstäbe waren, nach 15 Jahren Wirtschaftswunder, schlicht andere. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (verlinkt auf https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/06/PD23_N032_81.html) gab nach: Statt 6,7 Prozent noch 1964 und immerhin 5,4 Prozent 1965 wiesen alle Indikatoren für das laufende Jahr auf unter drei Prozent hin. Offenbar konnte Bundeskanzler Ludwig Erhard (verlinkt auf https://www.bundeskanzler.de/bk-de/kanzleramt/bundeskanzler-seit-1949/ludwig-erhard) , als „Vater des Wirtschaftswunders“ bewundert und dafür noch bei der Bundestagswahl 1965 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255744124/Ohrenbetaeubender-Laerm-Sowjets-attackieren-Berlin-1965-mit-Ueberschall-Duesenjaegern.html) mit einem soliden Vertrauensvorschuss ausgestattet (Stimmengewinn gegenüber 1961: bundesweit 2,3 Prozent, ohne die CSU sogar 2,6 Prozent bei den Erst- und 2,2 Prozent bei den Zweitstimmen), doch nicht zaubern. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Mit dieser Erkenntnis rückten plötzlich andere Politikfelder in den Blickpunkt, die bis dahin der ökonomische Erfolg verdeckt hatte. Tatsächlich ließ sich die Außen-, Verteidigungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik der 1950er-Jahre nicht mehr einfach fortschreiben. Das hatte sich bereits in den letzten beiden Kanzlerjahren Konrad Adenauers von November 1961 bis Oktober 1963 gezeigt – doch der Wechsel zu seinem ungeliebten Nachfolger Erhard hatte diese Einsicht noch verdeckt. Nun allerdings war sie nicht mehr zu übersehen. „Wo sind die Männer, die mit Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen den unvermeidbar gewordenen Wandel vollziehen?“, fragte Georg Schröder, Leiter des Bonner WELT-Büros, in jenen letzten Oktobertagen 1966: „Die sich und uns eingestehen, dass wir uns in der Gleichzeitigkeit einer sehr aufwendigen Verteidigungspolitik und einer noch aufwendigeren Sozial- und Subventionspolitik sowohl wirtschaftlich wie finanziell übernommen haben?“ Ein Minister und Vizekanzler (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254739560/Wirtschaftswunder-Ludwig-Erhard-und-das-Masshalten.html) , der seit 1949 amtiert hatte und jetzt selbst über die Richtlinienkompetenz verfügte, konnte solche Erwartungen naturgemäß nicht erfüllen. „Auch wer es für ungerecht hält, nun Erhard in Bausch und Bogen zu verdammen, kommt an dem Tatbestand nicht vorbei, dass er den Weg nach vorn nicht geöffnet hat“, befand Schröder. Während der WELT-Bürochef, der schon seit 1953 sein Ohr am Bonner Betrieb hatte und als einer der bestinformierten Journalisten in der Bundeshauptstadt galt, das schrieb, eskalierte im Kanzleramt die Lage. Am Vorabend hatte Erhard seine Minister gerade noch einmal auf eine Kompromissformel verpflichten können: „Einvernehmen ist darüber erzielt, dass erst, wenn Ausgabensenkungen und Einnahmeverbesserungen durch Fortfall von Steuerbegünstigungen nicht ausreichen, Steuererhöhungen in Betracht zu ziehen sind.“ Doch der Satz rettete das Bündnis nicht mehr, denn die Fraktion der FDP bestand unverändert auf Kürzungen, insbesondere im Sozialsektor, die CDU und CSU jedoch vehement ablehnten. Erhards Versuch, den Riss verbal zu übertünchen, rächte sich: „Die Formel entspricht dem Standpunkt, den wir in zwei Koalitionsgesprächen eingenommen haben“, sagten FDP-Politiker gegenüber WELT: „Aber sie ist umdeutbar, wie die Zeitungen zeigen. Nun muss Schluss sein.“ Also beschlossen die Bundestagsabgeordneten der FDP, ihre Minister aus dem Kabinett Erhard II abzuziehen. Der Kanzler Erhard nahm die Rücktritte unverzüglich an und gab bekannt, er wolle künftig ohne festen Partner regieren, also auf wechselnde Mehrheiten setzen. Die CDU/CSU verfügte (ohne die nur eingeschränkt stimmberechtigten West-Berliner Abgeordneten) über 244 Mandate, die oppositionelle SPD über 202 und die innerlich zwischen Linksliberalen, Wirtschaftsliberalen und Nationalliberalen zerrissene FDP über 49 Abgeordnete. Daher bräuchte ein Minderheitskabinett lediglich jeweils vier Stimmen für eine absolute Mehrheit. Für die meist ausreichend relative Mehrheit würde es sogar genügen, wenn lediglich einige Liberale nicht mitabstimmten. Da das Grundgesetz wegen der bösen Erfahrung der Weimarer Republik bewusst keine Möglichkeit vorsah, einem einmal gewählten Kanzler das Misstrauen auszusprechen, ohne zugleich einen neuen Kanzler zu wählen, sah Erhard gute Chancen für eine Regierung ohne eigene Parlamentsmehrheit. Doch er hatte sich verrechnet. Denn nun waren es die Abgeordneten der CDU/CSU, die aufbegehrten. Sie fühlten sich von Erhard zu Stimmvieh erniedrigt. Denn mit seiner Rochade erpresste der Kanzler die eigenen Parteifreunde – jederzeit konnte er selbst die Vertrauensfrage stellen. Dann könnten die Unionsabgeordneten entweder einknicken (damit rechnete Erhard) oder standhaft bleiben, also das Vertrauen beispielsweise durch Enthaltung der CDU/CSU-Abgeordneten verweigern. In diesem Fall könnte der Kanzler die Auflösung des Bundestages erwirken – seiner Partei wäre jedoch nichts unwillkommener als Neuwahlen. Dieses Spiel mochten die selbstbewussten jüngeren Unionsabgeordneten um Rainer Barzel nicht mitspielen. Sie signalisierten das dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke, ohnehin kein Freund der FDP (er hatte sich intensiv für ein reines Mehrheitswahlrecht eingesetzt, das zu einem Zwei-Parteien-System führen würde). Zudem mischte aus dem (Un-)Ruhestand Altkanzler Konrad Adenauer mit, der seinen Amtsnachfolger nie gemocht hatte. Zwei seiner Vertrauten, Heinrich Krone und Bruno Heck, suchten Erhard auf und legten ihm den Rücktritt nahe. Als mögliche Nachfolger wurden Barzel, mit 42 Jahren noch sehr jung, und Außenminister Gerhard Schröder genannt. Vermutlich ein abgekartetes Spiel. Denn das Staatsoberhaupt wollte eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD, um eine Reform des Wahlrechts durchzubringen. Das ging weder mit Barzel noch mit Schröder. Jedoch stand mit dem geachteten und erfolgreichen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Kurt Georg Kiesinger ein dritter Kanzlerkandidat zur Verfügung. Nur eine Woche später signalisierten SPD und FDP, gemeinsam gegen Ludwig Erhard zu sein. Das reichte zwar nicht zum Kanzlersturz, weil ihrer rechnerischen Mehrheit von 251 gegenüber 244 Abgeordneten der CDU/CSU kein gemeinsames Programm zugrunde lag. Doch nun musste die Union handeln, um die eigene Macht zu bewahren. Kurt Georg Kiesinger verhandelte in eigener Sache mit SPD und FDP. Zustande kam dann die erste (und damals wirklich große) Große Koalition. Am 1. Dezember 1966 wählten 340 der 468 Abgeordneten von Union und Sozialdemokratie ihn zum Kanzler. Also gerade einmal drei Viertel. Trotzdem konnte die Große Koalition einige wichtige Großreformen durchbringen, etwa die Modernisierung des Strafrechts und die Einführung von Regeln für den Verteidigungsfall (von der SED-Propaganda zu „Notstandsgesetzen“ verzerrt). Dagegen gelang die Einführung des Mehrheitswahlrechts nicht, denn auch die SPD erkannte, dass ihr Weg ins Kanzleramt über eine Koalition mit der FDP führen würde. Für die Union führte der Kanzlertausch 1966 letztlich zum Machtverlust 1969. Vielleicht wäre ein Regieren mit wechselnden Mehrheiten doch besser gewesen? Man kann es nicht mit Sicherheit sagen: Nicht die CDU/CSU wollte seinerzeit den Sozialstaat beschneiden, sondern die FDP. Die Konstellation 2026 ist völlig anders, die politischen Mechanismen jedoch funktionieren noch immer ähnlich. Man darf gespannt sein. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, Terrorismus und die Geschichte der Bundesrepublik.