Welt 23.03.2026
13:17 Uhr

„Wie Zombies laufen wir hier runter“ – In Israels meist beschossener Stadt


Die israelische Stadt Ramat Gan ist einer der am meisten vom Iran attackierten Orte in Israel. Jede Nacht verbringen die Bewohner derzeit im Schutzraum oder Bunker. Ein Besuch vor Ort zeigt, was die Strapazen für die Menschen bedeuten – und wie sie zu dem Krieg stehen.

„Wie Zombies laufen wir hier runter“ – In Israels meist beschossener Stadt

In einem Bunker unter einem Haus in Ramat Gan versucht man die Kriegszeit mit Humor zu nehmen. Mit rund 180.000 Einwohnern gehört die Stadt östlich von Tel Aviv zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Israels – und zu denen, die am meisten vom Iran beschossen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69be62d07208c62980941161/nahost-krieg-iran-meldet-angriff-auf-atomanlage-natans-durch-usa-und-israel.html) werden. Gerade gab es wieder Raketenalarm. Im Bunker ist Bewohner Sagi (45) trotzdem zu Scherzen aufgelegt. „Verdammt, wir sind nicht mehr alleine auf Platz eins“, sagt er. „Ich rufe in Teheran an und sage denen, sie sollen mehr zu uns schießen“. Er öffnet eine Webseite, auf der an diesem Freitagmittag Ramat Gan mit 121 Alarmen seit Kriegsbeginn den ersten Platz jetzt mit zwei weiteren Gemeinen in der Nähe teilt. Das Haus in der Einstein-Straße wurde vor dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) gebaut, deswegen haben noch nicht alle Wohnungen einen eigenen Schutzraum. Seit Saddam Hussein damals seine ballistischen Raketen nach Israel schickte, müssen alle Neubauten solche Räume in jeder Wohnung haben. In dem älteren Gebäude pilgern die übernächtigten Bewohner stattdessen alle gemeinsam jede Nacht bis zu drei oder vier Mal in den Luftschutzbunker im Keller. „Wie Zombies laufen wir hier runter“, sagt ein anderer Bewohner. Wenn er könnte, würde er lieber in einem anderen Land leben, sagt er, weil er die ständigen Kriege müde sei. Er habe aber nur diesen einen israelischen Pass. „Und auch im Ausland gibt es immer mehr Antisemitismus (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69bb975cd3cf984a3adb6fe5/warum-die-linkspartei-ihr-antisemitismus-problem-nicht-in-den-griff-bekommt.html) . Was soll man machen?“ Ein paar Kilometer entfernt von dem Haus ist vor wenigen Tagen ein Ehepaar bei einem Raketenangriff getötet worden. Der Mann in seinen 70ern war gehbehindert, er und seine Frau schafften es nicht schnell genug in den Schutzraum. An der Einschlagstelle der Streurakete ist von außen immer noch das riesige Loch in der Wohnung im dritten Stock zu sehen. Der direkte Nachbar Chen (54), ein kräftiger Bauunternehmer, schaffte es gerade noch mit seiner Frau in Sicherheit. „Das war nur 20 Sekunden nachdem der Alarm ertönt war, ich hatte gerade die Tür unseres Schutzraums geschlossen, der ganze Raum bewegte sich“, sagt er. Auch seine Küchenwand hat Risse. „Wir haben schon eine Schoah durchgemacht“, sagt er. „Wir müssen stark sein. Wir mögen keinen Krieg, aber diesen Preis müssen wir jetzt zahlen, wenn wir als Land überleben wollen, da kann man nichts machen.“ Die Küchenwände müsse er halt abreißen und neu hochziehen. Nach dem Besuch bei Chen ertönt wieder ein Alarm, wieder geht es in den Keller eines Wohnhauses. Hier sitzt auch die Kosmetikerin Shelly (50), die sich über den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz ärgert. Der hatte zuvor der Forderung von US-Präsident Donald Trump nach einem Nato-Einsatz in der Straße von Hormus, um die Blockade des Iran zu beenden, eine Absage erteilt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69b9248ffc05063917a4e20a/strasse-von-hormus-von-drecksarbeit-zu-nicht-unser-krieg-so-reagieren-israelis-auf-merzkurswechsel.html) . „Er hat wahrscheinlich Angst vor den Arabern in Deutschland“, sagt sie. Der Bildhauer Vitorio (73) hat seinen Namen von seinen italienischen Eltern, trägt seinen von Farbe verschmierten, weißen Arbeitsanzug. Er sieht eher aus wie ein Hippie und wäre das auch in einem anderen Land, sagt er. „In einem anderen Land wäre ich links, hier kann ich das nicht. Hier ist die Realität eine andere und ich muss eher rechts sein.“ Er sei für den Frieden, gegen den Krieg. „Aber wenn am Ende bei diesem Krieg etwas Gutes dabei herauskommt, hat es sich gelohnt“, sagt er. Stramm rechts ist Yaniv (43), der eine Einkaufsstraße entlang geht, als gerade mal kein Alarm ist. Er trägt eine blaue Sonnenbrille und einen Beutel des Fußballvereins Maccabi Tel Aviv. Bei den letzten Wahlen gab er dem rechtsextremen Itamar Ben-Gvir seine Stimme und wird das auch wieder tun. Die Gewaltexzesse von israelischen Siedlern (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69bbdf675b626ecd1eeeea21/israel-das-ist-kein-judentum-das-ist-terrorismus-im-westjordanland-eskaliert-die-siedler-gewalt.html) im Westjordanland, die seit Beginn des Iran-Kriegs ein neues Ausmaß erreicht haben, und denen Ben-Gvir als Minister für nationale Sicherheit wenig entgegensetzt, würden daran nichts ändern. „Es gibt auch in reichen Familien Kriminelle“, macht Yaniv einen Vergleich auf. „Das sind nur Einzelfälle.“ Den Krieg mit dem Iran sehe er als „Weg in die Erlösung“, sagt er. „Das ist wie ein Nike-Zeichen. Es geht ein bisschen nach unten und dann ganz weit nach oben.“ Die Israelis seien ein starkes Volk und dies sei eine historische Zeit. Auch er glaubt, dass Merz einen Fehler mache. „Er sollte wenigstens ein symbolisches Schiff schicken. Deutschland hat das Öl da doch viel nötiger als Donald Trump. Was, wenn Trump wütend wird und die Nato verlässt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/video69b7903517184da7cffdaeef/krieg-in-nahost-trump-warnt-nato-vor-sehr-schlechter-zukunft-ohne-einsatz-in-strasse-von-hormus.html) ? Dann habt ihr ein Problem.“ Könnte Trump nicht auch wütend auf Israel sein, das laut dem US-Präsidenten jetzt auf eigene Faust Gasfelder im Iran attackierte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/video69bbbe72d225a75f4a234815/south-pars-trump-droht-mit-sprengung-dieses-gasfeld-ist-die-lebensader-fuer-den-iran.html) ? Trump hatte sich öffentlich von dem Angriff auf South Pars vergangene Woche distanziert und behauptet, er sei nicht vorab darüber informiert worden. Yaniv zieht mit dem Zeigefinger ein Augenlid herunter, das bedeutet in Israel so viel wie „Das glaubst du doch selbst nicht“. Er sagt: „Netanjahu und Trump sind zu 100 Prozent abgestimmt, er wusste von allem, da bin ich mir sicher.“ Dudi (59) sitzt bei einem anderen Alarm in einem anderen Bunker. Was denkt er über den Krieg, der ihn hier immer wieder reintreibt? „Ich persönlich bin froh über diesen Krieg“, sagt er. „Es geht hier um etwas viel Größeres als mich selbst.“ Die Heimatfront habe ja die Parole ausgegeben, dass jeder Bürger wie ein Soldat in der Schlacht seine Pflicht tun soll – für ihn sei das, bei Alarmen in den Bunker zu pilgern. Der Iran wolle Israel vernichten, deswegen sei das alles leider notwendig. „Ich bin nur ein einfacher Mann“, sagt Dudi, der 30 Jahre lang als Händler in Hamburg lebte. „Vielen sagen, das jüdische Volk sei klug und dieses Vorurteil stimmt. Und unsere Köpfe da oben in unserer Regierung sind noch viel schlauer als ich. Ich vertraue denen.“