Welt 27.03.2026
07:28 Uhr

Wer vom transatlantischen Menschenhandel spricht, darf über den muslimischen nicht schweigen


Die Vereinten Nationen haben eine Resolution zum Sklavenhandel verabschiedet, die sich auf jenen in Richtung Amerika konzentriert. Man kann diesen Teil der kommerzialisierten Unfreiheit von Menschen nicht seriös betrachten, ohne sich um weitere Aspekte zu kümmern.

Wer vom transatlantischen Menschenhandel spricht, darf über den muslimischen nicht schweigen

Mit getragenem Ernst ergreift die Vorsitzende der UN-Generalversammlung das Wort. Annalena Baerbock, ehemalige Bundesaußenministerin und 2025/26 auf eigenen Wunsch in New York aktiv, hat sich das Thema Sklaverei für ihre Ansprache ausgesucht. Verhandelt wird an diesem Mittwoch, dem 25. März 2026 (verlinkt auf https://news.un.org/en/story/2026/03/1167199) , im großen Saal des UN-Gebäudes am East River ein Resolutionsentwurf, den Ghana vorgelegt hat. „Der Sklavenhandel und die Sklaverei zählen zu den schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen in der Geschichte der Menschheit“, sagt die Politikerin: „Ein Affront gegen die Grundsätze, die in der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“ In dem Resolutionsentwurf heißt es: „Über 400 Jahre lang wurden Millionen von Menschen aus Afrika verschleppt, in Ketten gelegt und in die Neue Welt verschifft, um dort unter sengender Hitze und Peitschenknallen auf Baumwollfeldern sowie Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen zu schuften.“ Der „Handel mit versklavten Afrikanern und die rassistisch motivierte Versklavung von Afrikanern“ stelle das „schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in der Geschichte dar. Vor der Abstimmung warnt noch Botschafter Dan Negrea, der stellvertretende Repräsentant der USA in der Generalversammlung, mit deutlichen Worten. Der Entwurf sei „in unzähliger Hinsicht höchst problematisch“. Trotzdem nimmt die Generalversammlung mit 123 Ja-Stimmen den Resolutionsentwurf schließlich an; drei Länder – Argentinien, Israel und die USA – stimmen mit Nein; 52 Staaten enthalten sich. Auf der Website der Vereinten Nationen heißt es zum Ergebnis wörtlich: „Im Saal der UN-Generalversammlung brach am Mittwoch Applaus aus, als die Mitgliedstaaten eine Resolution verabschiedeten, in der der transatlantische Sklavenhandel als das schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt wurde.“ Zwar besteht historisch betrachtet kein Zweifel, dass der transatlantische Sklavenhandel vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zu den großen Verbrechen der Weltgeschichte gehört. Als einigermaßen gesichert gilt, dass in dieser Zeit elf bis zwölf Millionen Afrikaner mit Sklavenschiffen über den Atlantik geschafft wurden. Davon gelangten 97 Prozent nach Brasilien oder in die Karibik, allerdings „nur“ drei Prozent in das Gebiet, das ab 1776 die USA werden sollten. Doch kann man diesen Teil der kommerzialisierten Unfreiheit von Menschen nicht seriös betrachten, ohne sich um weitere Aspekte zu kümmern. Es sind mindestens drei: die Rolle afrikanischer Ethnien oder Clans (um nicht umstrittene Begriffe wie „Stamm“ zu verwenden) bei der Versklavung anderer Afrikaner, die Rolle arabischer, meist muslimischer Zwischenhändler und schließlich der Sklavenhandel nicht über den Atlantik, sondern über den Indischen Ozean. Die zentrale Rolle bei der Versklavung von (meist dunkelhäutigen) Menschen aus dem Gebiet südlich der Sahara spielten stets ihre Nachbarn. Drei Beispiele dafür: Erstens die Menschenjäger in Westafrika, die ab dem frühen 16. Jahrhundert den dafür erhaltenen Lohn in Form von Messing-Manillen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244687400/Restitution-Material-der-Benin-Bronzen-aus-dem-Sklavenhandel.html) bekamen, aus denen die inzwischen bekannten Benin-Bronzen entstanden. Zweitens die Königin Nzinga (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article165584881/Streit-ueber-Strassennamen-Ist-eine-Sklavenhaendlerin-besser-als-ein-Rassist.html) , im 17. Jahrhundert Herrscherin im Gebiet des heutigen Angola. Sie war mit Menschenhandel reich geworden und sollte trotzdem nach dem Willen einiger Berliner „post colonials“ zur Namenspatronin einer Straße im Afrikanischen Viertel im Bezirk Wedding werden, was im letzten Moment verhindert wurde. Drittens Ayuba Suleiman Diallo (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68dcd3e312c5eba0ff7617b4/ayuba-suleiman-diallo-dieser-sklavenhaendler-wurde-selbst-als-sklave-verkauft.html) , der erste namentlich bekannte Schwarzafrikaner auf einem Porträt aus dem 18. Jahrhundert – er geriet selbst in die Hände von Sklavenhändlern und wurde verkauft, als er zwei Sklaven zu einem britischen Abnehmer bringen sollte. Ein weiterer Aspekt ist die Bedeutung muslimischer (Zwischen-)Händler im Sklavengeschäft, zu denen übrigens auch Ayuba Suleiman Diallo gehörte, der in London mit seiner guten Kenntnis des Korans für Aufsehen sorgte. Michael Zeuske, Autor des 1425 Seiten starken „Handbuchs Geschichte der Sklaverei“ betont zwar, dass es eine „einheitliche islamische Sklaverei“ nicht gegeben habe. Zu widersprüchlich seien die grundlegenden Texte, ob nun der Koran oder die Hadith, Sammlungen (angeblicher) Aussprüche Mohammeds. Jedoch sei das Phänomen Sklaverei im Islam „quantitativ gigantisch“ gewesen: „In den Entstehungsgebieten des Korans gab es viele Sklaven, stellte Sklaverei eine traditionelle und legitime Institution dar.“ Noch schärfer formuliert der Historiker Egon Flaig (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article4348105/Historikerstreit-Waren-die-Muslime-die-groessten-Sklavenhalter.html) in seiner „Weltgeschichte der Sklaverei“ (Verlag C. H. Beck. 246 S., 14,95 Euro). Ausdrücklich nennt er die islamische Welt das „größte und langlebigste sklavistische System der Weltgeschichte“. Dieses Urteil hat erbitterte Reaktionen hervorgerufen, allerdings keine belastbare Widerlegung. Zum tatsächlichen Umfang des muslimischen Sklavenhandels in Richtung Osten gibt es nur vage Schätzungen; die Angaben für den unfreiwilligen Menschen-„Export“ schwanken stark: Mindestens acht und möglicherweise 17 Millionen (so schreibt es unter anderem der senegalesische Ökonom Tidiane N'Diaye in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“, auf Deutsch erschienen 2010 und seit Langem vergriffen), vielleicht aber auch wesentlich mehr Afrikaner wurden zwischen dem 8. und dem 20. Jahrhundert von islamischen Herrschern und ihren Handlangern als Sklaven verschleppt. Hinzu kommen mindestens 1,5 Millionen West- und Südeuropäer sowie mindestens vier Millionen Slawen, ferner etwa zwei Millionen Einwohner der Philippinen. Gewissheit über die Gesamtzahl der in islamischen Gesellschaften versklavten Menschen lässt sich allerdings nicht gewinnen, denn es gibt nicht nur keine fragmentarischen, sondern gar keine verlässlichen Aufzeichnungen. Jedenfalls urteilt N'Diaye, „dass der von den arabomuslimischen Räubern betriebene Sklavenhandel weitaus verheerender für Schwarzafrika war als der transatlantische“. Das ist so wenig zu beweisen wie zu widerlegen. Im Gegensatz zu einer immer wieder zu lesenden Behauptung hinterließen die über den Indischen Ozean nach Osten exportierten Sklaven übrigens deutliche genetische und auch phänotypisch erkennbare Spuren in der dortigen Bevölkerung. So leben aktuell in Saudi-Arabien etwa 3,6 Millionen sogenannte Afro-Arabs, im Jemen sollen es 3,5 Millionen sein sowie im Irak und Mauretanien je anderthalb Millionen. An den Schrecken des transatlantischen Sklavenhandels ändert all das nichts. Aber es vervollständigt das Bild – und nur eine annähernd komplette Übersicht kann Grundlage für eine seriöse Beschäftigung mit einem Thema sein. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Mit Egon Flaig diskutierte er schon vor dem ersten Erscheinen seines Buches auf einer denkwürdigen Autofahrt durch Hessen über muslimischen Sklavenhandel.