Welt 23.03.2026
07:26 Uhr

Wer diesen Hut trug, landete im Gefängnis


Um Spanien zu modernisieren, verbot König Karl III. 1766 das Tragen des Sombreros und der langen Capa. Wenige Tage später kam es in Madrid zum „Hutaufstand“. König und Minister flohen. Hinter der Revolte steckte eine mächtige Organisation.

Wer diesen Hut trug, landete im Gefängnis

Aufstände gegen die Obrigkeit wurden durch die merkwürdigsten Anlässe entzündet. So provozierte die Aufführung der Oper „La Muette de Portici“ von Daniel Auber im Opernhaus von Brüssel 1830 die Revolution der Belgier (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article157848538/Eine-Oper-provoziert-eine-Revolution.html) , die ihre Selbstständigkeit von den Niederlanden forderten und gewannen. 64 Jahre zuvor waren es Hüte, die die Bewohner von Madrid am 23. März 1766 auf die Barrikaden trieben. Der König musste fliehen, sein Minister wurde in die Wüste geschickt, die Sombreros durften bleiben. Nicht bleiben durfte jedoch eine der mächtigsten Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche, die Jesuiten. Dass Kleidung sozialen Rang dokumentieren kann und soll, gehört zu den Grundzügen menschlicher Gesellschaften. Dass aber Staaten daran gingen, das Tragen von Kleidungsstücken aus erzieherischen Gründen zu verbieten, ist eine Erfindung der Frühen Neuzeit. Berühmt sind die Ukasse des russischen Zaren Peter des Großen (1672–1725) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article157929469/Zar-Peter-der-Grosse-verbietet-Baerte.html) , in denen er seinen Untertanen die langen Kaftane verbot und von seinen Eliten das Tragen westlicher Gewänder einforderte. Das nahmen sich auch die Bayern zum Vorbild, die 1832 daran gingen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article166995940/Griechenland-Krise-Der-erste-Deutsche-der-im-Athener-Chaos-unterging.html) , den neu gegründeten griechischen Nationalstaat zu modernisieren. „Die Tracht wirkt wie Weniges auf die Sitte, Costume und Coutume (Sitte) haben eine Wurzel“, schrieb einer der Verantwortlichen: „Peter der Große steckte seine russische Armee, die vor einer Handvoll Schweden zerstob, in teutsche Röcke und in wenigen Jahren war er seinem europäischen Gegner gewachsen.“ Daher steckten die Bayern die griechische Armee in westliche Uniformen. Peters Beispiel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article118502066/Peter-der-Grosse-Der-Zar-der-seine-Feinde-eigenhaendig-koepfte.html) stand auch dem Bourbonen Karl III. (1716–1788) vor Augen, als er 1759 seinem Halbbruder Ferdinand VI. auf den spanischen Thron nachfolgte. Zuvor hatte sich Karl als Herzog von Parma und Piacenza (1731–1735) und König von Neapel (1735–1759) als umsichtiger Landesherr erwiesen und mit seinen Mitarbeitern zahlreiche Reformen angeschoben. Mit dem neuen König kam der Marqués de Esquilache (1699/1700–1785) nach Madrid. Er hatte als Finanzminister maßgeblichen Anteil daran gehabt, dass in Neapel der Großgrundbesitz entmachtet und Kirchengüter besteuert wurden. Mit Karls Rückendeckung machte sich Esquilache daran, auch Spanien im Sinn des aufgeklärten Absolutismus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article238416421/Aufklaerung-in-Daenemark-Der-Koerper-des-Ministers-wurde-aufs-Rad-geflochten.html) zu modernisieren, was nicht zuletzt fiskalische Gründe hatte. Denn seine Vorgänger auf dem Thron hatten nicht nur einen riesigen Schuldenberg angehäuft, sondern Spanien auch an der Seite Frankreichs in den verlustreichen Siebenjährigen Krieg geführt. „Madrid war eine der schmutzigsten Hauptstädte Europas, ohne Kanalisation, Straßenbeleuchtung und nennenswerte urbane Dienstleistungen“, schreibt der Historiker Horst Pietschmann (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Pietschmann) . Damit spiegelte die Stadt die Probleme und Defizite der gesamten Monarchie wider. Um Handel und Gewerbe im Geist des Merkantilismus zu fördern, wurden die Getreidesteuer abgeschafft sowie Manufakturen, eine Staatsbank und die „Lotería Nacional“ gegründet. Um die grassierende Armut zu bekämpfen, entstanden Hospitäler und Armenhäuser. Bettler wurden zur Flotte eingezogen. Von ihren Wohltaten für die Menschheit überzeugt, überhörten die Modernisierer die Klagen von Betroffenen geflissentlich, die mit Kindern verglichen wurden, „die schreien, wenn ihre Gesichter gewaschen werden“. Von arroganter Überheblichkeit zeugte auch das Gesetz vom am 10. März 1766, das in der Hauptstadt Männern das Tragen des breitkrempigen Hutes (sombrero redondo) und des wadenlangen schwarzen Mantels (capa larga) verbot und stattdessen Dreispitz und kurzen Mantel nach französischem Vorbild vorschrieb. Zur Begründung hieß es, dass auf diese Weise Verbrecher daran gehindert werden sollten, Waffen zu verbergen. Verweigerern drohten Geldstrafen und Gefängnis. Tatsächlich ging es auch darum, Madrid ein modernes Gepräge zu geben, um damit zu signalisieren, dass auch in Spanien Aufklärung und Fortschritt Einzug gehalten hatten. Dazu gehörten auch Maßnahmen, das Land, das über Jahrhunderte von der Inquisition geprägt worden war (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article205639371/Spanische-Inquisition-Streckbank-Autodafe-Scheiterhaufen.html) , aus der engen Bindung an das Papsttum zu lösen. Dagegen liefen die Jesuiten Sturm, die das Bildungssystem und weite Teile der Wirtschaft kontrollierten. Ihre Slogans fanden umso leichter Gehör, weil Versuche der Regierung, die Staatsschulden abzubauen, zu einer Verteuerung von Brot und anderen Lebensmitteln führten. Das traf – wie die neuen Kleiderregeln – vor allem die ärmere Bevölkerung, also 80 Prozent der Madrilenen (verlinkt auf https://www.deutschlandfunk.de/vor-250-jahren-in-madrid-revolte-gegen-verbot-von-mantel-100.html) . Nur 13 Tage nach Bekanntgabe des Sombrero-Verbots kam es zum Aufstand. Es war der Palmsonntag des Jahres 1766, und zahlreiche Menschen waren auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs. Viele trugen als Zeichen des Widerstands die traditionellen Hüte und Mäntel. Sie skandierten „Muera Esquilache!“ (Stirb Esquilache!) und „Muera el mal gobierno!“ (Tod der schlechten Regierung). Auch auf dem Land kam es zu Demonstrationen und Kämpfen. Die Polizei zeigte sich ohnmächtig. Als der „Motin de Esquilache“ (Aufstand gegen Esquilache) auch durch den Einsatz der wallonischen Königsgarde nicht eingedämmt werden konnte und es zu Straßenschlachten kam, in denen neben zahlreichen Geschäften auch die Häuser von Ministern verwüstet worden waren, floh Karl III. in seine Sommerresidenz Aranjuez. Schließlich sollen es Jesuiten gewesen sein, die die Aufständischen beruhigten, indem sie ihnen den geforderten Kopf präsentierten: Der Marqués de Esquilache wurde entlassen und rettete sein Leben durch die Flucht nach Neapel. Von dort schickte ihn Karl als Botschafter nach Venedig. Der Sombrero blieb ein typisches spanisches Kleidungsstück. Dass der Hutaufstand keine spontane Hungerrevolte war, wie sie im Ancien Régime immer wieder vorkam, wurde schnell deutlich. So wurde den Händlern, deren Geschäfte zerstört worden waren, ihre Verluste von zahlungskräftigen Dunkelmännern umgehend ersetzt. Auch fehlte es nicht an Provokateuren, die die Menge zum Aufstand antrieb. „Es spricht viel dafür, dass die Erhebung einen politischen Hintergrund hatte und das Ziel verfolgte, Karl entweder zu einer militärischen Überreaktion oder zur Änderung seiner Politik durch die Berufung von spanischen, den Drahtziehern gewogenen Führungspersonals zu veranlassen“, urteilt Horst Pietschmann. Für Karl waren die Jesuiten die Drahtzieher gewesen und vermutlich lag er damit nicht ganz falsch. Am 27. Februar 1767 erging das Dekret, das den Orden in dem Land, a us dem ihr Gründer Ignatius von Loyola stammte (verlinkt auf https://www.welt.de/print-wams/article104888/Die-Jesuiten-der-groesste-katholische-Orden.html) , auflöste. Seine Mitglieder wurden verhaftet und exiliert, seine Besitzungen eingezogen. Auch in den hispanoamerikanischen Kolonien, zumal im „Jesuitenstaat“ Paraguay, (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article163688151/Jesuiten-in-Amerika-Wer-Indianer-rettet-wird-mit-dem-Tode-bestraft.html) wurde das Verbot durchgesetzt. Karl folgte damit den Beispielen von Portugal und Frankreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article143658600/Orden-des-Papstes-Wie-Portugal-und-Spanien-die-Jesuiten-ausloeschten.html) , die bereits 1759 bzw. 1764 den Jesuiten-Orden für aufgelöst erklärt hatten. In beiden Fällen war ihm die enge Bindung an den Vatikan und damit Hochverrat vorgeworfen worden. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.