Welt 17.08.2026
14:21 Uhr

Was die kleine Rose im NRW-Wappen über die Geschichte des Landes verrät


Als NRW im Jahr 1946 gegründet wurde, war es noch nicht komplett. Ein Zwergstaat im Osten kam noch dazu. Dort regierte Heinrich Drake – und der handelte mit Schläue und Hartnäckigkeit etliche Sonderrechte aus.

Was die kleine Rose im NRW-Wappen über die Geschichte des Landes verrät

DDie Gespräche zogen sich in die Länge. Irgendwann baten die Verhandlungspartner aus Düsseldorf um eine Erfrischung. Und was tat Heinrich Drake? Er ließ ein Fenster öffnen. Dies ist eine von vielen Geschichten, mit denen man sich in Lippe an diesen Herrn Drake erinnert. Dort wird der zähe Politiker bis heute für seine schlaue Verhandlungsführung und seine lippische Gesinnung gefeiert. Denn der Mann, der ein Fenster öffnete, anstatt Getränke bringen zu lassen, sorgte dafür, dass dem kleinen, ehemals eigenständigen Land Lippe bei der Vereinigung mit dem großen Bundesland Nordrhein-Westfalen Privilegien eingeräumt wurden. Dass die lippische Rose einen Platz im neuen NRW-Landeswappen bekam, ist nur eines von vielen. Davon später mehr. Nordrhein-Westfalen feiert in diesem Jahr 80-jähriges Bestehen. Das ist insofern berechtigt, als im August 1946 die britische Besatzungsmacht die ehemals preußische Provinz Westfalen mit dem nördlichen Teil der Rheinprovinz zu Nordrhein-Westfalen vereinigte, Codename der Gründung: „Operation Marriage“. Jedoch sahen die kartografischen Umrisse dieses frisch vermählten Bindestrich-Bundeslands anders aus als heute. Denn noch fehlten im Osten des Landes jene knapp 1300 Quadratkilometer um die Städte Detmold und Lemgo, die erst ein halbes Jahr später hinzukamen. Sie bildeten bis zum Januar 1947 einen Freistaat. Und dessen Präsident war seit Kriegsende Heinrich Drake. Um die Geschichte des Sonderfalls Lippe zu ergründen und um herauszufinden, wer dieser Drake war, fährt man am besten nach Detmold ins Lippische Landesmuseum. Vor dem Eingang blickt eine überlebensgroße Bronzebüste Heinrich Drakes von einem Steinsockel herab. Beim Termin anwesend: Michael Zelle, Museumsleiter, und Julia Schafmeister, im Haus zuständig für die Abteilung Geschichte. Außerdem: Ursula Moltrecht und Nora Karrasch, Enkelin und Urenkelin von Heinrich Drake. Nachdem US-amerikanische Truppen im April 1945 Lippe besetzt hatten, wurde das Gebiet der britischen Besatzungszone zugeordnet. Zum Landeschef des ehemaligen Freistaats erklärten die Alliierten einen Mann, der nach heutigen Begriffen kurz vor der Rente stand: Heinrich Drake. Legendär sind seine Aufrufe, mit denen er in der Not der Nachkriegszeit die Bevölkerung aufforderte, die Ärmel hochzukrempeln. Auf einem Plakat, das er im April 1945 aushängen ließ, heißt es: „Steht nicht umher und bekakelt die Lage! Sie wird dadurch nur schlechter. Arbeitet! Pflanzt Kartoffeln!“ Der damals 63-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt eine politische Laufbahn hinter sich, die bis in die Anfangsstunde der Demokratie zurückreichte. 1918, als der letzte regierende Fürst zur Lippe im Zuge der Novemberrevolution abdankte, gehörte der Sozialdemokrat Drake, Sohn eines Schuhmachers, gelernter Drucker, Stenograf und Zeitungsmacher, einem Volks- und Soldatenrat an, der den Weg zum Freistaat ebnete. Typisch Drake, sagt Julia Schafmeister, sei schon zu dieser Revolutionszeit gewesen, dass er nicht zum Aufruhr anzettelte, sondern an die Menschen appellierte, sich an die bestehende Ordnung zu halten. Von 1920 an hatte Drake dann 13 Jahre lang den Vorsitz im Landespräsidium inne. Erst als die Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen im Januar 1933 den Status der stärksten Fraktion an die NSDAP verloren, wurde Drake aus der Regierung gedrängt. Er zog sich mit seiner Familie in ein Häuschen am Rand von Detmold zurück. Mehrere Tage verbrachte er in sogenannter Schutzhaft, es wurde Polizeiaufsicht über ihn verhängt, seine Post kontrolliert. 1939 entzog man dem langjährigen Regierungschef die ihm zustehenden Versorgungsbezüge und gewährte ihm nur noch ein Unterhaltsgeld. Ihr Großvater sei damals „in die innere Emigration gegangen“, so formuliert es Ursula Moltrecht, Drakes Enkelin. Er habe Gemüse angebaut und in seiner Werkstatt Schreinerarbeiten gemacht, „er beherrschte sogar die Kunst, Intarsien zu fertigen“, erzählt sie. Und er habe Englisch gelernt. Als hätte Drake schon in Kriegszeiten geahnt, dass eines Tages englische oder amerikanische Offiziere an ihn herantreten würden, um über die Zukunft Lippes zu sprechen. Dass dieser Zwergstaat überhaupt so lange existierte, war unter anderem einer Fürstin Pauline zu verdanken, die in Lippe bis heute als Landesmutter und Säulenheilige verehrt wird. Ihr war es zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelungen, die Eigenständigkeit über die Umwälzungen der napoleonischen Zeit und des Wiener Kongresses hinwegzuretten. Persönlich sprach sie bei Napoleon vor, um ihre Ziele durchzusetzen. In diesem Akt von Selbstbehauptung und Souveränität begründet sich der Stolz der Lipper. Auch Drake war erfüllt davon. Obwohl er ein Demokrat durch und durch war, soll in seinem Büro ein Porträt der Fürstin Pauline gehangen haben. Doch Eigenständigkeit hin oder her: Drake sei sich zugleich stets bewusst gewesen, dass Lippe auf Dauer nicht überlebensfähig war und eines Tages der Anschluss an ein größeres Staatengebilde unvermeidbar wäre, sagt Julia Schafmeister. Schon in den 1920er-Jahren habe er Gespräche in Berlin geführt, um eine Eingliederung vorzubereiten. Nach Kriegsende war klar, dass nun kein Weg mehr daran vorbeiführte. Jetzt ging es darum, das Bestmögliche für Lippe rauszuschlagen. Drake verhandelte zunächst mit Niedersachsen, das landwirtschaftlich geprägte Bundesland schien besser zu passen als das Industrieland NRW. „Doch es zeichnete sich ab, dass man dort für Lippe keine Extrawürste braten würde“, sagt Museumschef Michael Zelle. Schließlich musste Niedersachsen auch die anderen Freistaaten Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe integrieren. In Nordrhein-Westfalen hingegen genoss Lippe ein Alleinstellungsmerkmal. Drake wusste das auszunutzen. In langen Verhandlungen ließ er sich zusichern, dass das Landesvermögen, zu dem riesige Waldflächen und zwei Staatsbäder gehörten, dem lippischen Gebiet erhalten bleibt. Damit sollten Kultureinrichtungen wie das Landestheater und das Landesmuseum finanziert werden. Verwaltet wurde das Ganze von einem eigens gegründeten Landesverband Lippe, der bis heute existiert. Außerdem sorgte Drake dafür, dass aus dem ehemaligen lippischen Landesarchiv das dritte nordrhein-westfälische Staatsarchiv hervorging; und dass die ehemalige Landeshauptstadt Detmold zum Sitz eines Regierungspräsidiums gemacht wurde, das man deswegen aus Minden abzog. Der Ärger, den Drake sich aus Minden dafür einhandelte, war gewaltig. Unter dem Titel „Lippische Punktationen“ gingen all diese Vereinbarungen in die NRW-Geschichte ein. „Im Grunde war das noch nicht einmal ein richtiger Vertrag“, sagt Michael Zelle, „sondern nur ein banaler Verwaltungszettel mit einer Art Gentlemen’s Agreement.“ Die Hartnäckigkeit, mit der Drake solche Privilegien einforderte, sei allerdings nicht nur ein Resultat der sprichwörtlichen lippischen Sturköpfigkeit, sagt Zelle. Sie erkläre sich vielmehr aus den Erfahrungen, die Drake gemacht hatte, als es nach der Revolution von 1918 darum ging, mit dem abgedankten Fürsten Leopold IV. auszufechten, welche Besitztümer in Landesbesitz übergehen sollten – und welche zum privaten Eigentum der Familie zur Lippe erklärt wurden. „Überspitzt gesagt“, so Zelle, „wurde damals um jeden einzelnen Kronleuchter verhandelt.“ Und natürlich habe Drake verhindern wollen, dass das Lipper Land bei der Eingliederung nach NRW all das verlöre, was einst so mühsam errungen worden war. Interessante Randnotiz: Als Drake die lippischen Sonderrechte durchgeboxt hatte, soll sogar der abgedankte Fürst Leopold, der noch bis 1949 in Detmold lebte, anerkennende Worte über seinen alten Widersacher verloren haben. Als die britische Militärregierung am 21. Januar 1947 die Eingliederung Lippes in das Land NRW bekanntgab, hatte Drake also sein Meisterwerk vollbracht. Er wurde Regierungspräsident des neu geschaffenen Regierungsbezirks Minden-Lippe und blieb noch bis 1966 Vorsteher jenes Landesverbandes Lippe, der auf sein Betreiben hin gegründet worden war. Ansonsten pflegte er sein Image als knorriger Landesvater mit Herz – und ließ der Legendenbildung freien Lauf. „Es heißt, dass er immer wieder mal frühmorgens zum Hermannsdenkmal hochgelaufen und anschließend trotzdem der Erste im Büro gewesen sei“, erzählt seine Enkelin Ursula Moltrecht. Typisch Drake ist auch eine Geschichte, die über seinen 80. Geburtstag im Jahr 1961 kursiert. Lipper Honoratioren versammelten sich vor seinem Haus, Drake öffnete die Tür, jeder bekam ein Glas Sekt. Und nach 20 Minuten entließ er die Runde mit den Worten: „Heute ist ja so schönes Wetter. Wir müssen gleich in den Garten.“ Ob das tatsächlich stimmt, wo er doch im Dezember Geburtstag hatte? Seine Enkelin kommentiert die Anekdote so: „Dass er Sekt ausgeschenkt haben soll, erscheint mir sehr ungewöhnlich.“ Ursula Moltrecht erinnert sich an einen resoluten Großvater, vor dem man Respekt hatte, aber keine Angst zu haben brauchte. „Und wenn wir Enkel unser Taschengeld haben wollten“, so sagt sie, „dann mussten wir zu ihm ins Büro gehen und darum bitten.“ Sie hat zum Gespräch ein Blatt Papier mitgebracht, auf dem Heinrich Drake mit der Schreibmaschine eine Lohnabrechnung für seinen Enkel erstellt hat. „Arbeit zur Herstellung eines Sand-Spielkastens“, steht darauf. Dann folgt eine akribische Auflistung der geleisteten Tätigkeiten. Und schließlich: „Lohn für zwei Stunden Arbeit je 15 Deutsche Bundesrepublikpfennige, macht zusammen 30 Bundesrepublikpfennige.“ Dann die Unterschrift in staatsmännischem Gestus: „H. Drake, Grossvater“. Und wie präsent ist der 1970 verstorbene Heinrich Drake heute – abgesehen von seinem Denkmal vor dem Landesmuseum sowie ein paar Straßen und Schulen, die man im Kreis Lippe nach ihm benannt hat? Nora Karrasch, Drakes Urenkelin, berichtet, sie werde häufiger auf ihn angesprochen. „Ein Großvater eines Freundes von mir erzählte oft, wie er als Kind zu Fuß im Schneesturm unterwegs gewesen sei.“ Dann hielt ein Auto an. Es waren Heinrich Drake und sein Fahrer, die den Jungen im Dienstwagen mitfahren ließen. „Bei solchen Geschichten“, sagt Karrasch, „spüre ich, wie eng sich manche Lipper mit ihm verbunden fühlen.“ Die Beliebtheit Drakes geht aber über das Anekdotische hinaus: Vor einigen Jahren startete die „Lippische Landeszeitung“ eine Umfrage zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in Lippe. Auf Platz 1 landete die oben erwähnte Fürstin Pauline, deren Porträt in Heinrich Drakes Büro hing. Auf Rang 2 stand Drake selbst – noch vor Arminius, dem Sieger der Varusschlacht. Keine schlechte Lebensbilanz für einen Mann, der seine Ziele durchzusetzen wusste, indem er ein Fenster öffnen ließ.