Welt 31.05.2026
11:04 Uhr

„Warum haben wir in Deutschland ein Problem mit Ehrlichkeit?“


Kaum ein Trainer polarisiert mehr als Claus-Dieter Wollitz. Im Interview verrät er, weshalb Ewald Lienen sein Vorbild ist und Tolga Cigerci mehr Aura hat als Bernd Schuster. Zum Aufstieg mit Energie Cottbus will sich der 60-Jährige eine Rolex gönnen.

„Warum haben wir in Deutschland ein Problem mit Ehrlichkeit?“

Es ist seine dritte Amtszeit in der Lausitz. Claus-Dieter Wollitz trainierte Energie Cottbus bereits von 2009 bis 2011 und von 2016 bis 2019. Sein insgesamt elftes Trainerjahr bei den Brandenburgern wird der 60 Jahre alte Fußballlehrer nach dem geglückten Aufstieg in der Zweiten Liga beginnen. Frage: Herr Wollitz, Glückwunsch zum Aufstieg! Sie ecken mit Ihrer Art und Ihren klaren Aussagen oft an. Werden Sie sich in der 2. Liga mehr zurückhalten? Claus-Dieter Wollitz (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/claus-dieter-wollitz/) : Ich werde mich nicht ändern, ich will ehrlich bleiben. Und frage mich: Warum haben wir in Deutschland ein Problem mit Ehrlichkeit? Und warum darf man aus Enttäuschung heraus nicht mal emotionaler sein oder über das Ziel hinausschießen, ohne gleich in eine Schublade wie „Der ist ja geisteskrank!“ gesteckt zu werden? Frage: Wenn Sie sich Ihre Interviews im Nachhinein noch einmal anschauen, erschrecken Sie sich manchmal? Wollitz: Nein. Aber ab und zu ist eine Aussage auch etwas drüber. Dann bin ich aber der Erste, der sich entschuldigt. Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify (verlinkt auf https://open.spotify.com/show/7CX3rSNRL11YEnW7IzkWIS?si=82f337b82c6b4e32&nd=1&dlsi=56417d9ce6fc406c) , Apple Podcasts (verlinkt auf https://podcasts.apple.com/de/podcast/weltmeister/id1852960967) oder direkt per RSS-Feed (verlinkt auf https://weltmeister.podigee.io/feed/mp3) . Frage: Stehen Sie mit anderen Trainern im Austausch? Wollitz: Vor dem Spiel in Regensburg haben mir drei Trainer aus der Liga per Sprachnachricht den Aufstieg gewünscht. Und nach dem Aufstieg hat mich Dynamo-Trainer Thomas Stamm persönlich angerufen und gratuliert. Mit vielen Kollegen tausche ich mich regelmäßig aus. Frage: Und wer ist Ihr Trainer-Vorbild? Wollitz: Ewald Lienen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ewald-lienen/) schätze ich am meisten. Seine Demut und sein Umgang mit Menschen waren außergewöhnlich. Für mich war er als Gesamtpaket der beste Trainer meiner Spielerzeit. Frage: Hat er sich nach dem Aufstieg gemeldet? Wollitz: Das weiß ich gar nicht, ehrlich gesagt. Ich habe noch rund 400 Nachrichten, die nach dem Spiel reinkamen und die ich noch nicht gelesen habe. Wer sich auf jeden Fall gemeldet hat, sind Spielerberater. Uns wurden mehrere Hundert Spieler für die 2. Liga angeboten. (verlinkt auf https://www.transfermarkt.de/fc-energie-cottbus/startseite/verein/25) Frage: Welche Art von Spielern suchen Sie denn? Wollitz: Wir wollen mutigen Fußball spielen. Uns ist klar, dass wir damit auch mal hoch verlieren können. Und wir brauchen Spieler mit der richtigen Mentalität. Einen wie Tolcay Cigerci. Wir liegen in Stuttgart hinten, er kommt rein, und wir drehen das Spiel. Frage: Sein Bruder Tolga soll auch verlängern... Wollitz: Ich habe mit Andreas Brehme zusammengespielt und hatte den früheren Weltklassespieler Bernd Schuster (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/bernd-schuster/) als Trainer. Aber solch eine Aura wie die von Tolga habe ich in der Umkleide noch nie erlebt. Er führt die jungen Spieler, nimmt die alten mit und bringt auch die Mitarbeiter dazu, alles für den Verein zu geben. Da ziehe ich alle Hüte! Frage: Worauf freuen Sie sich in der 2. Liga am meisten? Wollitz: Auf St. Pauli, wegen der Stimmung am Millerntor. Dann auf Hertha im Olympiastadion, da bin ich früher oft als Zuschauer gewesen. Ich freue mich auf den Betzenberg in Kaiserslautern und auf Dynamo Dresden. Frage: Gerade die Ost-Derbys haben ja viel Brisanz... Wollitz: Ich hoffe, dass diese Rivalität sportlich auf dem Platz bleibt. Und ich wünsche mir, dass wir außerhalb des Platzes ein anderes Bild abgeben. Rivalität, Schlachtrufe – alles okay. Aber diese Gewalt in den Innenstädten oder, wenn gar Gullideckel geschmissen werden, das darf nicht sein. Wenn sich das ändert, dann ändert sich auch das Gesamtbild vieler Vereine zum Positiven. Frage: Wie sieht es mit der Vorfreude auf den Video-Assistenten aus? Wollitz: Oh, die ist groß. Natürlich kann es passieren, dass ich in einem Spiel nicht zufrieden sein werde mit der Entscheidung. Ich will mich nicht darüber aufregen, wie irgendwelche Linien gezogen werden oder wann einer im Keller auf einen Knopf drückt. Ich nehme mir fest vor, die Entscheidungen zu akzeptieren. Wäre ansonsten ja auch ein bisschen komisch, oder? In der 3. Liga habe ich mehrfach den VAR gefordert – da kann ich mich in der 2. Liga ja nicht ständig drüber aufregen. Frage: Wie reagieren die Schiedsrichter auf Ihre Emotionalität? Wollitz: Das ist viel besser geworden, man kann mit ihnen auch nach dem Spiel reden, auch mal emotionaler. Frage: Dann loben Sie doch mal einen Schiedsrichter. Wollitz: Ich mag Tobias Reichel, der hat unser Spiel in Regensburg gepfiffen. Das hat er richtig gut gemacht. Felix Brych war natürlich top früher. Und Patrick Ittrich hat meinen Spielern, die auf Mallorca den Aufstieg gefeiert haben, eine Sprachnachricht geschickt. Das fand ich menschlich großartig. Frage: Was ist denn Ihr Saisonziel für Liga 2? Wollitz: Wir werden jetzt nicht alles über den Haufen werfen, ich stehe immer für Offensivfußball. Letztes Jahr hat das funktioniert, weil sich die Spieler charakterlich gegenseitig unterstützt haben. Wenn wir diese Einheit wieder hinbekommen, dann sage ich: Feuer frei und Spektakelfußball – egal gegen wen. Das Saisonziel mache ich nicht am Tabellenplatz fest. Wenn diese Liebe zwischen Fans und Mannschaft bleibt, werden wir gute Ergebnisse erzielen. Frage: Erlauben Sie uns eine private Frage: Sie sind seit 36 Jahren verheiratet. Was ist das Geheimnis Ihrer Ehe? Wollitz: Drei Kinder, darunter ein schwerstbehindertes Kind, das wir großgezogen haben – meine Frau und ich sind safe. Ich erinnere mich noch genau an den Tag: Morgens bekam meine Frau Blutungen, wurde ins Krankenhaus gebracht und abends wurde das Kind per Kaiserschnitt geholt. Nach acht Wochen stellte sich heraus, dass das Kind schwerstbehindert ist. Sie kann nichts sehen und nicht selbst essen. Ich glaube, da bin ich zum ersten Mal erwachsen geworden, habe verstanden, was Verantwortung wirklich ist. Da habe ich mir gesagt: Jetzt kannst du dir selbst etwas beweisen. Darüber hinaus ist unser Erfolgsrezept, dass Privates privat bleibt. Frage: Was können Sie zu Hause gut? Wollitz: Ich kann nicht kochen, aber dafür gut einkaufen. Frage: Was ist immer dabei? Wollitz: Wein. Damit kenne ich mich ein bisschen aus. Meine älteste Tochter hat mir letzte Woche eine Flasche Tignanello für den Rückweg nach dem Aufstieg mitgebracht. Sehr ordentlich. Frage: Und wie belohnen Sie sich selbst für den Aufstieg? Wollitz: Ich bin ein Uhrenfreak, werde mir wahrscheinlich wieder eine Rolex (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/rolex/) kaufen. Meine Familie bekommt auch immer etwas. Meine Frau hat Zugang zu allen Konten und kann das selbst entscheiden. Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/) „Bild“ (verlinkt auf https://www.bild.de/sport/startseite/sport/sport-home-15479124.bild.html) , „Sport Bild“ (verlinkt auf https://sportbild.bild.de/) ) geführt und zuerst in „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.