Welt 01.10.2026
07:28 Uhr

Warum Maos „Krönungsgemälde“ immer wieder verändert wurde


Es ist weltbekannt: das Gemälde, das Mao bei der Ausrufung der Volksrepublik China zeigt. Doch wer glaubt, das Bild, das altarähnlich in Peking im Nationalmuseum hängt, sei das Original, erliegt einem Irrtum. Denn es ist die vierte (oder fünfte) Version des Bildes.

Warum Maos „Krönungsgemälde“ immer wieder verändert wurde

„Nicht selten wird die Geschichte gleich von denen gefälscht, die sie machen.“ Der Aphorismus des Polen Wieslaw Brudzinski erweist sich als unausgesprochenes Motto des chinesischen Nationalfeiertages, dem 1. Oktober. Er soll die Erinnerung wachhalten, dass Mao Tse-tung (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/mao-zedong/) 1949 an diesem Tag vom Tor des Himmlischen Friedens, dem Haupttor zur einst kaiserlichen Verbotenen Stadt, die Volksrepublik China ausrief. 中国人民站起来了 = „China ist...“ oder „Die Chinesen sind aufgestanden“ soll er damals verkündet haben. Allerdings sind sich die Zeitzeugen längst einig, dass diese Worte an diesem Tag nicht gefallen sind (in dem fünften Band von Maos „Gesammelten Werken“ sucht man diese Rede vergebens). Die Floskel benutzte er in seiner Eröffnungsansprache zur Politischen Konsultativkonferenz, die zehn Tage zuvor in Peking (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/peking/) die Machtübernahme der KPCH mit einem ganzen Bündel an Versprechen unterstrich, welche Wohltaten das Volk künftig unter der Herrschaft der Kommunisten erwarten dürfe. Und genauso populär und zugleich genauso fragwürdig wie dieses Zitat ist die Authentizität des Gemäldes, das als Ikone der Gründungszeremonie auf dem Tor zum Platz des Himmlischen Friedens ausersehen wurde. Allenthalben wird es seitdem abgedruckt – als Poster, auf Briefmarken, in Büchern und Zeitschriften –, um das Ereignis zu überhöhen. Da scheute man sich nicht, den westlichen Brauch der „Krönungsgemälde“ – wie es u. a. von Menzel von der Krönung Wilhelms I. in Königsberg, Anton von Werner von der Kaiserproklamation Wilhelm I. in Versailles oder David von der Krönung Napoleons gemalt hatten – aufzugreifen. Das geschah – ungeachtet aller chinesischer Kunsttraditionen – im westlichen Stil der Ölmalerei: groß (2,30 x 4 Meter) und farbfreudig mit viel Rot. 1953 hatte Dong Xiwen das Gemälde im Stil des „Sozialistischen Realismus“ vollendet. Nachdem es die Pekinger „Volkszeitung“ gedruckt hatte, wurden angeblich innerhalb von drei Wochen eine halbe Million Reproduktionen verkauft. Fortan galt es als gelungene Sinisierung der bis dato in China kaum gepflegten Ölmalerei und damit als Beispiel einer Revolutionierung, Nationalisierung und Modernisierung der chinesischen Kunst. „Unsere Gemälde finden international Anklang. Andere können sich nicht mit uns messen, da wir eine einzigartige nationale Formensprache besitzen“, soll Mao dazu gesagt haben, nachdem er das Gemälde seines Blickes gewürdigt hatte. Und 1955 und 1958 wurde es in Moskau ausgestellt. Wohl um den sowjetischen Freunden vorzuführen, was wahrer „Sozialistischer Realismus“ ist. Aber das verhinderte nicht, dass dem Gemälde ein etwas ungewöhnliches Schicksal zuteilwurde. Wer glaubt, das Bild, das altarähnlich gerahmt hinter zwei Kanonen in Peking im Nationalmuseum hängt, sei jenes von Dong, erliegt einem Irrtum. Denn es ist die vierte (oder fünfte) Version des Bildes. Die erste zeigt Mao, der vor zwei Mikrofonen ein Blatt mit seiner Rede in der Hand hält, während sich hinter ihm die Parteiprominenz aufreiht. Darunter ist als einzige Frau Soong Ching Ling, eine der „drei Schwestern“ aus der einflussreichen Familie Soong. Sie war mit dem „Vater der chinesischen Republik“, Sun Yat-sen, verheiratet und damit gleichsam nachlebendes Symbol seiner Ideen. Eine ihrer Schwestern war die Frau des Industrieministers der Kuomintang-Regierung, die andere die Frau von Tschiang Kai-shek. Dass Soong Ching Ling tatsächlich als Vertreterin der nichtkommunistischen Unterstützer von Mao bei der Zeremonie dabei war, ist allerdings nicht zu belegen. Auf den Fotos des Ereignisses ist sie jedenfalls nicht zu finden. Trotzdem ist sie auf allen Versionen des Gemäldes präsent, während einige von Maos Partei- und Weggenossen auf diese Beständigkeit verzichten müssen. Als Ersten traf es Gao Gang, der sich als militärischer Führer in Nordchina hervorgetan hatte, dann Vorsitzender der Staatlichen Planungskommission wurde, in den parteiinternen Intrigen jedoch Chen Yun und Deng Xiaoping unterlag. Also musste Dong, nachdem Gao 1953 Selbstmord begangen hatte, 1954 erneut zum Pinsel greifen und Gao, der neben der Säule stand, eliminieren. Knapp zwei Jahrzehnte später, 1972, ist erneut eine Übermalung fällig. Da Staatspräsident Liu Shaoqi in den Mühlen der Kulturrevolution zermahlen worden war, hatte er seinen Platz zu räumen. Statt seiner sollte nun Lin Piao, damals noch nicht Volksfeind Nr. 1, nachträglich in den auserwählten Kreis aufgenommen werden. Dong Xiwen war dazu nicht bereit, weshalb ihm eine „bürgerlich reaktionäre Linie“ nachgesagt und er aus der KP ausgeschlossen sowie zusätzlich zu Zwangsarbeit verurteilt wurde. Da halfen auch die Lobpreisungen seines Staatsgemäldes nicht. Einer seiner Schüler übernahm es deshalb, Liu in Dong Biwu, einen seiner Stellvertreter, zu verwandeln. Aber das war nur ein Interregnum. 1978, nachdem die Kulturrevolution als beendet erklärt worden war, hatte Dong auf der vierten Fassung nun Liu zu weichen. Und auch Gao durfte wieder hinter der Säule hervorkommen. Da waren, weil Dong Xiwen inzwischen gestorben war, inzwischen zwei seiner Schüler am Werk. Ob im Museum das vielfach übermalte Original hängt. Oder die Kopie, die die Schüler Dongs angefertigt hatten, werden wohl nur die Kustoden beantworten können. Dagegen ist es offensichtlich, dass das Gemälde es mit den Realitäten und dem Realismus nicht so genau nimmt. Mao als die Hauptgestalt ist viel größer gemalt, als er es im Verhältnis zu den anderen Akteuren sein müsste. Außerdem standen ihm bei der Erstfassung, wie die ersten Plakate verraten, nur zwei Mikrofone zur Verfügung, die dann, um seinen Auftritt bedeutungsvoller zu machen, verdoppelt wurden. Dabei war der Maler, der sich für eine schlanke Form entschied, weit seiner Zeit voraus. Denn auf den spärlichen Fotografien sind es sieben noch recht unhandliche, wie damals üblich in einem Ring schwingungsfrei kardanisch aufgehängte Großmembran- oder die schmaleren Ribbon-Mikrofone. Und selbst der Himmel muss sich sagen lassen, dass er nicht das dem Ereignis angemessene Wetter geboten hätte. Denn statt des blauen mit weißen Wolken dekorierten Gemälde-Himmels war es ein trüber und wolkenverhangener Tag. Das aber hat Yue Minjun, der sich bereits seit Jahren mit seinen grinsenden nackten Chinesen Aufmerksamkeit ermalt hat, respektiert. Er hat 1997 die „Gründungszeremonie“ erneut auf die Leinwand gebracht. Nur beschränkt er sich sarkastisch allein auf den Ort des Geschehens, den, nun menschenleer, alle Akteure verlassen haben – wie die meisten bereits auch die Welt. Doch zuvor muss man sich wohl mit Robert Walsers Erkenntnis abfinden: „Beim Schaffen sitzen Leben und Kunst heimtückisch wie auf der Lauer beisammen.“