Welt 09.05.2026
09:13 Uhr

Vorsorge statt Fitnessstudio – Welche Benefits Arbeitnehmer wirklich wollen


Der Wettbewerb um Fachkräfte wird nüchterner: Statt „Teamspirit“ zählen heute Zusatzurlaub, Zuschläge und Gesundheitsleistungen. Beispiele aus Hamburg zeigen, wie Arbeitgeber ihre Angebote neu ausrichten.

Vorsorge statt Fitnessstudio – Welche Benefits Arbeitnehmer wirklich wollen
Keine guten Aussichten für seine Labour-Partei: Premier Keir Starmer geht am Donnerstag mit seiner Frau Victoria in London wählen. Kirsty Wigglesworth/AP

Hamburg ist eine Stadt, in der schnell zu spüren ist, ob ein Versprechen Substanz hat. Wer lange morgens pendelt, einen großen Teil des Gehalts für die Miete aufwendet und als Kassenpatient erlebt, wie mühsam das Vereinbaren von Arztterminen geworden ist, beurteilt Zusagen von Arbeitgebern, die auf Kultur und Haltung abzielen, wohl anders als noch vor ein paar Jahren. Arbeitgeber merken das – und ihre Stellenanzeigen haben sich deutlich verändert. Es geht seltener um weich gezeichnete Betriebskultur; Obstkorb oder Tischkicker tauchen nur noch am Rande auf. Vornean stehen Leistungen, die im Alltag wirken: Urlaubstage, Geld, Planbarkeit, Absicherung, eine bessere Gesundheitsversorgung – und selbst Wohnraum. Eine Auswertung der Bertelsmann‑Stiftung zeigt, wie stark sich diese Verschiebung in der deutschen Arbeitswelt niederschlägt. Seit 2019 hat sich die Zahl der in Stellenanzeigen genannten Zusatzleistungen nahezu verdreifacht. Besonders deutlich ist der Zuwachs bei entgeltähnlichen Leistungen und Angeboten zur Arbeitsorganisation. Unternehmenskultur wird weiterhin erwähnt, aber deutlich seltener als tragendes Argument. Tim Bütecke, Geschäftsführer des Hamburger Anbieters „Faktor Mensch“, vermittelt Zusatzkrankenversicherungen an Unternehmen, die diese an Mitarbeitende weitergeben. Betriebliche Krankenversicherung (bKV) nennt sich dieses System, das wie eine private Krankenversicherung einen schnelleren Zugang zu Fachärzten oder Vorsorgeuntersuchungen ermöglicht – auch für die Familie. Büteckes Perspektive ist marktnah, auch wenn sie nicht interessenfrei ist. Aus seiner Sicht sollten Arbeitgeber ihre Zusatzleistungen so gestalten, dass sie möglichst viele Beschäftigte erreichen. Eine Zusatzkrankenversicherung mit einem Budget, das frei für Vorsorge, Zahnersatz, Physiotherapie oder Leistungsdiagnostik eingesetzt werden kann, sei für viele Unternehmen ein sinnvoller Benefit. Danach könne man über Diensträder, Fitnessstudio oder Geschenkgutscheine sprechen. „So ein Dienstradleasing hat eine Durchdringung von fünf bis 18 Prozent“, sagt Bütecke. Beim Fitnessstudio sei es ähnlich. „Ich bringe niemanden ins Fitnessstudio, nur weil ich es anbiete.“ Gesundheitsleistungen dagegen erreichten, sinnvoll aufgesetzt, fast alle. Bütecke beschreibt auch den Stand des Wettbewerbs. Noch stellten Bewerber selten detaillierte Vergleiche zwischen Unternehmen an, doch das Vorhandensein werthaltiger Zusatzangebote spiele zunehmend eine Rolle bei der Arbeitgeberwahl. Das spiegelt die Bertelsmannstudie wider. So ändere sich die Sprache in Anzeigen: Sie wird nüchterner und zahlenlastiger – auch, weil Erwartungen steigen und Angebote sich messen lassen müssen. Hamburg liefert dafür Beispiele aus unterschiedlichen Branchen. Bei der Haspa spricht Vorstandssprecher Harald Vogelsang über Attraktivität nicht als Imagefrage, sondern als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. „Für uns ist wichtig, als Arbeitgeber maximal attraktiv zu sein“, sagt Vogelsang. Hintergrund ist die demografische Entwicklung: Je nach Renteneintritt verliert die Bank in den kommenden Jahren rund 2000 Beschäftigte. Wer so rechnet, muss Angebote schaffen, die im Alltag tragen. Die Haspa‑Anzeigen lesen sich entsprechend. Für eine Führungskraft beispielsweise werden flexible Urlaubsmodelle genannt, optional bis zu 36 Tage, dazu 13,66 Gehälter, variable Vergütung, vermögenswirksame Leistungen, ein Apple‑Paket zur privaten Nutzung, Mentoring‑Programme, Trainingsangebote, Fahrradleasing, Deutschland‑Ticket und weitere Vergünstigungen. Unternehmenskultur taucht ebenfalls auf („Vernetzung, Vertrauen, Verantwortung, Teamspirit, Duzkultur, gelebte Vielfalt“), eingebettet zwischen Angaben zu Urlaub und Geld. Auffällig ist zudem, dass Trainees nahezu das gleiche Grundpaket erhalten. Attraktivität wird früh angelegt und standardisiert. Azubiwohnen als Wettbewerbsvorteil Vogelsang nennt ein Beispiel, das in Hamburg besonderes Gewicht hat: Azubi‑Wohnen. Er beschreibt den Aufwand für Onboarding und Ausbildung und hebt das Angebot ausdrücklich hervor. In einer Stadt, in der Wohnkosten über den Berufsstart entscheiden können, greift das unmittelbar – kostspielig, aufwendig, aber wirksam. Dass diese Logik auch dort greift, wo Arbeitsbedingungen besonders belastend sind, zeigt das Beispiel Asklepios. Mit mehr als 18.000 Beschäftigten zählen die Hamburger Kliniken zu den größten Arbeitgebern der Stadt. Der Fachkräftemangel trifft das Unternehmen besonders in hochintensiven Bereichen wie Operationssälen, Intensivstationen, der Geriatrie oder den Zentralen Notaufnahmen. „Die Bewerberinnen und Bewerber erwarten heute eine verlässliche Dienstplanung, geregelte Arbeitszeiten und, wo möglich, weniger Nachtschichten“, sagt Asklepios‑Sprecher Mathias Eberenz. Entsprechend werden Belastung und Ausgleich in den Stellenanzeigen klar benannt. Für einen Patienten‑Manager etwa stehen Drei‑Schicht‑System und 24‑Stunden‑Betrieb ebenso im Text wie der Gegenwert: Zusatzurlaub von bis zu neun Tagen, eine Wechselschichtzulage von bis zu 250 Euro im Monat, Jahressonderzahlungen, arbeitgeberfinanzierte Altersversorgung, Gesundheitsprävention und eine eigene Kita auf dem Klinikgelände. Es sind Maßnahmen, die den Arbeitsalltag unmittelbar beeinflussen sollen. Handfeste Versprechen sollen Pflegekräfte locken und halten Noch deutlicher wird dieser Ansatz im Pflegepool der Intensivstationen. Asklepios setzt hier auf ein Modell, das Planbarkeit und Wahlmöglichkeiten verbindet. „Wir bieten eigene Dienstplanung, verbindliche Dienstpläne und unterschiedliche Einsatzoptionen“, sagt Eberenz. Möglich wird das über ein System, das von langfristig geplanten Zusatzdiensten bis zu klar geregelten Rufdiensten reicht. Ergänzt wird dies durch klar bezifferte Leistungen: Zulagenpakete, Zuschläge, 30 Urlaubstage plus Zusatzurlaub, HVV‑Ticket oder Parkausweis, Jobrad, Prämien und eine Umzugshilfe. Der Ansatz zielt auf ein handfestes Versprechen: dort Gestaltungsspielräume zu schaffen, wo sie möglich sind – und dort verlässlich auszugleichen, wo Belastung bleibt. So entsteht aus Hamburg ein Bild, das zur Diagnose Büteckes passt. Arbeitgeber setzen ihre Ressourcen zunehmend weniger für symbolische Wohlfühlangebote ein, sondern für Belastbares – in einer Stadt, in der Wohnraum teuer, Gesundheitsversorgung knapp und Zeit ein teures Gut ist. Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) ist Redakteurin der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) der WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik und Wirtschaftsthemen.