Welt 02.10.2026
08:02 Uhr

Trumps verzweifelte Drohung verschärft Europas Diesel-Krise


US-Präsident Donald Trump fordert Diesel aus europäischen Reserven und droht der EU mit einem Lieferstopp. Engpässe halten Experten zwar für unwahrscheinlich – dennoch dürften Verbraucher die Folgen spüren.

Trumps verzweifelte Drohung verschärft Europas Diesel-Krise

Diesel-Fahrer und Heizölkunden müssen sich für die kommenden Monate auf weiterhin hohe, womöglich steigende Preise einstellen. Denn die globale Dieselkrise droht sich weiter zu verschärfen. Aktuell trägt dazu US-Präsident Donald Trump bei, der die Europäer mit der Drohung eines Diesel-Exportstopps unter Druck setzen will. Seine Regierung verlangt von den EU-Staaten die Freigabe großer Mengen Diesel aus ihren nationalen Reserven. Sonst könnten die USA ihre Lieferungen nach Europa einstellen. Hintergrund ist der Versuch Trumps, die Preise an den Zapfsäulen im eigenen Land zu senken. Vor den Zwischenwahlen am 3. November sind seine Beliebtheitswerte im Keller, vor allem weil die Amerikaner unzufrieden über die hohen Preissteigerungen im Land sind. Nun wirft Trumps Regierung den europäischen Ländern vor, die im Frühjahr vereinbarte Freigabe von Öl- und Kraftstoffmengen aus den Notfallreserven nicht vollständig umgesetzt zu haben. Tatsächlich hat ein Drittel der im März beschlossenen 400 Millionen Barrel den Markt laut Internationaler Energieagentur (IEA) noch nicht erreicht. Deutschland hat nur rund ein Viertel der zugesagten Menge verkauft – für den Rest fehlte dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge die Nachfrage. Trump fordert nun angeblich die Freigabe von 120 Millionen Barrel Diesel in den nächsten sechs Monaten. EU in engem Austausch mit der US-Regierung Die Aufregung ist nun groß in Brüssel, Trumps Drohung scheint die EU-Kommission überrascht zu haben. „Viele Telefongespräche, viele Treffen“ gebe es derzeit, sagt eine Sprecherin der Behörde. Man stehe „in engem Austausch mit der US-Regierung“ – eine Floskel für jene Momente, wenn die Beamten nicht wirklich wissen, wie sie reagieren sollen. Immerhin ruft die Brüsseler Behörde die USA – indirekt – zur Besonnenheit auf. Es gebe ein „Interesse auf beiden Seiten“, sich die Konsequenzen von „Diesel-Maßnahmen“ zu vergegenwärtigen, so die Sprecherin der Kommission. Man kann das als stark verklausulierte Botschaft an Trump lesen: Ein Exportstopp, so lautet sie wohl, droht alles zu verschlimmern, auch für Amerika selbst. Denn dann würde der Kraftstoff weltweit noch knapper und teurer als jetzt schon. Ohnehin sind die Möglichkeiten der Kommission begrenzt. Sie kann die EU-Staaten nicht zur Freigabe von Diesel zwingen. Die Sache funktioniert so: Zunächst schlägt die IEA vor, wer wie viel auf den Markt bringen sollte, damit die Preise sinken. Dann beraten die europäischen Regierungen, wobei die Kommission mit ihrer sogenannten „Koordinierungsgruppe für Erdöl“ die Gespräche abstimmt, also versucht, eine gemeinsame EU-Position innerhalb der IEA zu finden. Auch in Berlin verweisen die Beamten von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf den Dienstweg. „Zur Stabilisierung der Märkte haben wir uns Anfang März an einer historischen IEA-Freigabe strategischer Ölreserven beteiligt. Derzeit gibt es keine neuen Anforderungen seitens der IEA“, sagt eine Sprecherin. Das Ministerium spekuliere nicht über künftige Ereignisse, zuständig seien die EU-Kommission und die IEA. Allerdings kommt es auch Deutschland darauf an, „zu koordinierten und gegenseitigen Lösungen zu kommen mit dem Ziel, die Märkte zu stabilisieren“. Eventuelle Maßnahmen müssten auf einer sorgfältigen gemeinsamen Lagebewertung im Rahmen der dafür vorgesehenen internationalen Verfahren beruhen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. „Der Markt darf nicht verunsichert werden.“ Das ist er allerdings schon längst. Denn der Streit zwischen Trump und den Europäern ist nur ein zusätzlicher Treibsatz für steigende Dieselpreise. Der erste Schock kam vom Iran-Krieg, ebenfalls angezettelt von Trump. Zwar kommt inzwischen wieder viel Rohöl aus den Golfstaaten auf den Markt, auch durch die Straße von Hormus. Aber keine raffinierten Ölprodukte wie Diesel oder Kerosin. Zusätzlich hat Russland seine Dieselexporte eingestellt, weil seine Raffinerien durch ukrainische Drohnenangriffe beschädigt worden sind. Verschärft wird die Situation aktuell noch durch einen teilweisen Diesel-Exportstopp in China, über den Bloomberg berichtet. Der Weltmarktpreis für Diesel hat sich weit vom Preis für Rohöl entkoppelt, daran verdienen Raffinerien – und Logistikunternehmen, Bauern und Verbraucher leiden darunter. Trumps Drohpotenzial gegenüber Europa ist bei den Diesel-Lieferungen relativ klein. Insgesamt importieren die Länder der EU nur etwa 20 Prozent ihres Dieselbedarfs vom Weltmarkt, davon etwa die Hälfte aus den USA. Diese Lieferungen können die Europäer auch aus anderen Ländern beziehen, oder selbst mehr Diesel aus Rohöl raffinieren. Weltweit ist das Diesel-Angebot zwar knapp, in Europa muss aber nicht mit Engpässen gerechnet werden. Die geringere Menge auf dem Weltmarkt führt zu höheren Preisen – und die Europäer können diese Preise bezahlen, im Gegensatz zu Entwicklungsländern in Afrika oder Südostasien. Die Versorgungssicherheit ist der EU-Kommission zufolge nicht in Gefahr. „Diesel ist extrem teuer, wir erleben eine Preiskrise“, heißt es von der Behörde. „Engpässe drohen derzeit aber nicht.“ Tatsächlich scheinen die Lager gut gefüllt. Laut Daten der EU befanden sich in den Tanks der 27 Mitgliedstaaten im Juni – jüngere Zahlen liegen noch nicht vor – rund 40,9 Millionen Tonnen Diesel für den Straßenverkehr. Ein Jahr zuvor waren es 40,6 Millionen, also ungefähr genauso viel. Trumps Forderung wäre nicht einfach zu erfüllen. 120 Millionen Barrel Diesel entspräche mehr als 16 Millionen Tonnen, also in etwa 40 Prozent der gesamten europäischen Reserve. Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich die EU aufgrund eines Briefes des US-Präsidenten zu diesem Schritt entscheidet. Dagegen spricht vor allem, dass die Reserven für Notfälle gedacht sind, in denen Öl oder Diesel tatsächlich knapp sind. Zur Korrektur der Preise sind sie dagegen nicht vorgesehen. Im Frühjahr hatte die Reserven-Freigabe durch die IEA auch nur einen kurzfristigen Effekt auf den Markt. Sie signalisierte zwar, dass die Industriestaaten bereit sind, in den Ölmarkt einzugreifen. Den Händlern war aber klar, dass dauerhafte Preissenkungen damit nicht erreichbar sind. Nun rechnen Ölmarktexperten damit, dass die Preise noch viele Monate lang hoch bleiben werden. Laut einer Umfrage der regionalen US-Notenbank (Fed) in Dallas geht rund die Hälfte der befragten Experten davon aus, dass der ungewöhnlich hohe Preisaufschlag von Diesel gegenüber dem Rohölpreis noch mehr als ein Jahr lang bestehen bleiben wird. Eine deutliche Mehrheit erwartet, dass die Lieferungen vom Persischen Golf bis Mitte 2027 wieder ihr früheres Niveau erreichen werden. Dennoch rechnen sie mit einem Ölpreis von dauerhaft mehr als 80 Dollar pro Barrel für die Texas-Sorte WTI. Im vergangenen Jahr hatte Öl im Durchschnitt 74 Dollar pro Barrel gekostet. Für Deutschland hätte ein Diesel-Embargo durch die USA nur indirekte Folgen, vor allem über den höheren Preis. Die Bundesrepublik ist bei Diesel und Benzin Netto-Exporteur. Das heißt: Die hiesige Mineralölwirtschaft führt mehr Diesel ins Ausland aus, als sie einführt. Im ersten Halbjahr betrugen die Diesel-Importe laut Statistischem Bundesamt (Destatis) 858.000 Tonnen, ein Minus von rund 24 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Treibstoff kam aus Belgien und den Niederlanden – dort landen die Tankerlieferungen aus anderen Weltregionen an. Exportiert hat Deutschland im ersten Halbjahr 2,06 Millionen Tonnen Diesel, fast 19 Prozent mehr als vor einem Jahr. Diese Ausfuhren gehen im Wesentlichen in europäische Nachbarländer. Deutschland verfügt in Europa über die größten Raffineriekapazitäten. Die hiesigen Anlagen haben ihre Produktion im ersten Halbjahr deutlich gesteigert. Laut Destatis stellten sie 15,8 Millionen Tonnen Dieselkraftstoff für Straßen- und Schienenfahrzeuge her, gut neun Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Davon profitiert die Mineralölindustrie und die Autofahrer leiden. Allein die Diesel-Menge war 6,4 Milliarden Euro wert – ein Anstieg um 42 Prozent. Dieser Artikel wurde für WELT und „ Business Insider Deutschland (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/) “ erstellt. Stefan Beutelsbacher (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/stefan-beutelsbacher/) ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York. Daniel Zwick (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/daniel-zwick/) ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.