Welt 04.10.2026
07:07 Uhr

Stilllegen oder bewirtschaften? Was ist besser für den Wald?


Lange wurde eine Region für die Ausweisung eines zweiten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen gesucht. Nun bringt sich der Kreis Siegen-Wittgenstein ins Spiel. Doch das Vorhaben ist selbst unter Forstexperten umstritten.

Stilllegen oder bewirtschaften? Was ist besser für den Wald?

Die Phase der öffentlichen Streiterei ist eingeläutet. Vor gut einer Woche hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen ein Rechtsgutachten vorgestellt. Tenor: Ein Nationalpark Siegen-Wittgenstein gefährde eine lange projektierte Verbindungsstraße, der Naturschutz drohe die dringend benötigte Infrastrukturmaßnahme zu blockieren. Landesregierung und Kreisverwaltung widersprachen umgehend. Beides lasse sich sehr wohl unter einen Hut bringen. Seit Tagen bestimmt die Auseinandersetzung die Berichterstattung der lokalen Medien. Die Idee von einem Nationalpark im waldreichsten Landkreis Deutschlands und zugleich in einer der industriestärksten Regionen an der südöstlichen Peripherie des Landes NRW ist zum Zankapfel geworden. Eigentlich hatte es noch vor nicht allzu langer Zeit den Anschein, als wäre ein weiterer Nationalpark in NRW ohnehin vom Tisch. Als die Landesregierung vor gut zwei Jahren die Regionen des Landes dazu aufrief, sie sollten sich um die Ausweisung eines Nationalparks bewerben, blieb dies ohne Resonanz. Allerorten wurden Sorgen vor Einschränkungen geäußert. Denn in einem Nationalpark-Gebiet, so sieht es das Bundesnaturschutzgesetz vor, soll die Natur weitgehend sich selbst überlassen werden. Die einzige erlaubte Nutzung ist die der Erholung – und das nur auf ausgewiesenen Wegen. Nirgendwo konnten sich die politischen Akteure auf ein solches Vorhaben einigen. Nirgendwo wollte man dem Vorbild der Eifel, wo 2004 der erste NRW-Nationalpark eingerichtet wurde und seitdem als Erfolgsmodell gefeiert wird, nacheifern. Und so sah es ganz danach aus, als hätte sich die aktuelle schwarz-grüne Landesregierung, in deren Koalitionsvertrag die Eröffnung eines zweiten Nationalparks vorgesehen ist, damit abgefunden, dass daraus nichts wird. Aber dann, vor einem halben Jahr, kam aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein die Nachricht, man ziehe doch noch eine Bewerbung in Betracht. Landrat Andreas Müller (SPD) erklärte im April im Interview mit WELT AM SONNTAG, was es damit auf sich hatte. Nach den Absagen aus den großen Naturräumen wie Eggegebirge in Ostwestfalen, Reichswald am Niederrhein oder dem rheinischen Siebengebirge habe man in Siegen-Wittgenstein erstmals die Chance gesehen, sich in aller Ruhe und ohne Konkurrenzdruck mit der Idee zu beschäftigen. Müller leitete einen Prozess der Meinungsfindung ein, in dem Fragen gestellt werden sollten. Im Rückblick bewertet der Landrat diese Vorgehensweise als positiv. Die breite Bevölkerung habe sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, so sagt er auf Anfrage: „Mehr als 400 Fragen sind eingereicht worden.“ Anschließend hätten Expertengremien diese beantwortet. Vor anderthalb Wochen überreichte Müller dem Kreistag eine Entscheidungsvorlage, über die am 13. November entschieden werden soll. Noch gilt als offen, wie die Abstimmung ausfallen wird. Dass die IHK als Vertreter der Industrie sich dagegen aussprechen würde – das zählt Müller zu den „reflexhaften und erwartbaren“ Stellungnahmen. Eine IHK-Umfrage, bei der von 17.500 Unternehmen der Region nur 322 teilgenommen hätten und davon nur 135 Nachteile für den Wirtschaftsstandort befürchteten, hält er für ein schwaches Argument. Und was die Bedenken wegen der eingangs erwähnten Verbindungsstraße, der sogenannten Route 57, angehe – so beruft sich Müller dabei auf Zusicherungen aus dem Umwelt- und Verkehrsministerium, wonach ein Nationalpark dem Bau nicht entgegenstehe. Es gibt aber auch andere Bedenken. Julia Möbus, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Säge- und Holzindustrie, bewertet es kritisch, wenn bei der seit Jahren durch Trockenheit und Borkenkäfer-Schäden angespannten Lage „ein weiterer Wald aus der Nutzung herausfiele“. Denn eine Nationalpark-Ausweisung des Staatswaldes im Kreis Siegen-Wittgenstein hätte genau das zur Folge: Ende der forstwirtschaftlichen Nutzung. Möbus sieht darin ein grundsätzliches Paradox: Einerseits werde der Holzbau, der mit heimischen und regional verfügbaren Rohstoffen arbeite, als zukunftsweisend und ökologisch gepusht, so sagt sie im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Als Beispiel führt sie einen „Holzbaugipfel“ an, zu dem das NRW-Landwirtschaftsministerium am 6. November eingeladen habe. „Und andererseits will das Land Wald aus der Bewirtschaftung herausnehmen.“ Auf Widersprüchlichkeiten weist auch Matthias Becker hin. Der Forstwissenschaftler ist Betriebsleiter der Wittgenstein-Berleburgschen Rentkammer und damit zuständig für den größten privaten Waldbesitz in NRW, der teilweise an die geplante Nationalparkfläche angrenzt. Der Staat, so sagt Becker, habe laut Landesforstgesetz eine Vorbildfunktion bei der Bewirtschaftung der Flächen. „Doch mit einem Nationalpark gibt der Staat den anderen Waldbesitzern zu verstehen: stilllegen ist besser als bewirtschaften.“ Becker verweist ebenfalls auf zunehmende Hitze und Trockenheit, die bereits großflächig Baumbestände in NRW absterben ließ. Oft werde die Situation so dargestellt, „dass auf solchen Kahlflächen wie Phönix aus der Asche etwas Neues entsteht“, sagt Becker. „Doch das passiert nicht, weil wir unter den sich verändernden Klimabedingungen Baumarten brauchen, die wir in der Region im Moment noch nicht haben. Also können sich Wälder auch nicht natürlich verjüngen.“ Einen klimaresistenten Mischwald, „in dem Bäume wie Douglasie, Lärche oder Roteiche wachsen“, bekomme man nur „durch menschliches Zutun“, so Becker. Doch genau das soll gemäß Naturschutzgesetz in einem Nationalpark auf Dauer unterbleiben. Der Forstwissenschaftler Christoph Ewers, Geschäftsführer eines Zweckverbands der privaten und kommunalen Waldbesitzer im Kreis Siegen-Wittgenstein sowie Vorsitzender des Gemeindewald-Verbandes NRW, vertritt einen ähnlichen Standpunkt. Gerade ein Staatswald müsse bewirtschaftet werden, sagt er auf Anfrage: „Wir müssen den Privatwaldbesitzern zeigen, wie es gehen kann; wie eine aktive Waldwirtschaft in Zeiten des Klimawandels funktionieren kann.“ Grundsätzlich, so führt Ewers weiter aus, schätze er die Nationalpark-Idee. Doch mit einer Ausweisung in Siegen-Wittgenstein tue man der Region keinen Gefallen. „Die Vorstellung, bei uns mit einem Nationalpark dem Wald zur Regeneration zu verhelfen“, so sagt er, „wurde vom Klimawandel überholt“. Als Landrat Andreas Müller seinen Plan öffentlich machte, sprach er auch davon, dass ein Nationalpark die Region attraktiver für Touristen und dringend benötigte Fachkräfte machen könnte. Seine Kritiker sind skeptisch. „Daran kann man zwar glauben“, sagt Christoph Ewers, „aber man geht damit große Risiken ein.“ Touristisch gut vermarktbare Nationalparke hätten meist auch andere Attraktionen – einen See etwa oder die NS-„Ordensburg“ in der Eifel. In Siegen-Wittgenstein hingegen gebe es außer Wald nicht viel zu sehen.