Millionen und Abermillionen Zugriffe: Das schier ungeheure Interesse unzähliger Deutscher an den im März 2026 online verfügbar gemachten Scans der NSDAP-Mitgliederkartei gehört zu den größten journalistischen Überraschungen des Jahres. Gleich drei überregionale Medien, die „ Zeit (verlinkt auf https://www.zeit.de/wissen/2026-04/nsdap-mitgliederkartei-karteikarten-familienmitglieder-suche) “, der „ Spiegel (verlinkt auf https://www.google.com/aclk?sa=L&pf=1&ai=DChsSEwi-gemMvqeXAxVprYMHHaShOC0YACICCAEQABoCZWY&co=1&ase=2&gclid=CjwKCAjw25fWBhAVEiwAMopNjvJxnQKHerubbEFdFb9emUYPwjm1vOyKyP1x6j_123uWVfJQxC6_wBoCjtQQAvD_BwE&cid=CAASsAHkaEGXKCdhdkT0VxEEBENA-V_cdIbckic37z5RK6dLjFtjMkwqcU4OCHIEkv-W5vS68Ef15aGUPn1CexXAX6Wzpazv0TNRsTh1qZT_aGNLuSNk_r3G84S71YUHjz3_fRcrILXGeq-RMFFI5t7jRwOoM3Izy_udjCtz2Y6c7wVEmat4WtCaPzYNgg1kJKALSSZpaxDcfWsT6_W8Pw0WGAVjdquKJmiQ9nitNdsNG25ydw&cce=2&category=acrcp_v1_32&sig=AOD64_3K41NUnZLaodDnxGSR_AoxfARPsQ&q&nis=4&adurl=https://abo.spiegel.de/microsites/pl/pl-1w1?sara_icid%3Dtarg_upd_xlLvv6thBzCxSZ9X7YVQ29VeIT0LYp%26requestAccessToken%3Dtrue%26targetUrl%3Dhttps%253A%252F%252Fwww.spiegel.de%252Fgeschichte%252Fnsdap-archiv-finden-sie-heraus-was-ihre-familie-unter-hitler-getan-hat-a-4b37a614-a790-4798-92e2-be6a921da384%26_gl%3D1*5pia4k*spon_gcl_au*MzEzNjUxNi4xNzc3Mjc0MzQw%26sara_dcid%3Dsea_pd_g_23859712977_196018228945_kwd-2482234000959_809531955242_%26gad_source%3D1%26gad_campaignid%3D23859712977%26gbraid%3D0AAAAABvO_eNE777EWVgcJ4uxV1YZReWKH%26gclid%3DCjwKCAjw25fWBhAVEiwAMopNjvJxnQKHerubbEFdFb9emUYPwjm1vOyKyP1x6j_123uWVfJQxC6_wBoCjtQQAvD_BwE&ved=2ahUKEwjUwuKMvqeXAxWzQvEDHdwUJWcQ0Qx6BAgPEAE) “ und die „ Süddeutsche Zeitung (verlinkt auf https://www.google.com/aclk?sa=L&pf=1&ai=DChsSEwipz6mYvqeXAxU_nmgJHbxANgAYACICCAEQABoCd2Y&co=1&ase=2&gclid=CjwKCAjw25fWBhAVEiwAMopNjhSDwlTFeYcogaU9Lha538-FGKupPwe6L6nFrS3IIkYHNLZiU-oX_hoCcRgQAvD_BwE&cid=CAASsAHkaMJNpqEZ1ouO6mgek8HL99FMBmsOUFnptx0DND8KDsE8_I0MR-o-LRXsEkM050k97YV_DlX2vi3eAZoNGx_JTkJ7hJzdShegbVLT-upmB-SrEzquW-RfYxLkyzEGFhZBaZJgTz_Qj8eLFx8xUTJEzBTSQnM4hDEd4Azz-dWe9UPWHbSUh-Vp1jT9U1PjCuojOGUAKicdBTG00qxdAEfVM9Llqem8L4BkaKX5riSP0Q&cce=2&category=acrcp_v1_32&sig=AOD64_2BUSuFmfSp4oC8VEjgc7AM6t5GlA&q&nis=4&adurl=https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/nsdap-mitgliederkartei-nazi-datenbank-archiv-e290410/?atr_src%3Dgoogle%26atr_mdm%3Dcpc%26atr_cp%3DDE_Plus_NSDAP_Archiv_Brand%26atr_ct%3DDE_Plus_NSDAP_Archiv_Brand%26atr_kw%3Ds%25C3%25BCddeutsche%2520zeitung%2520nsdap%26atr_cid%3D23968175211%26atr_aid%3D197090800759%26atr_acid%3D2008791722%26gad_source%3D1%26gad_campaignid%3D23968175211%26gbraid%3D0AAAAADNbFZNSMyIoRotABMwD65qTmhYKl%26gclid%3DCjwKCAjw25fWBhAVEiwAMopNjhSDwlTFeYcogaU9Lha538-FGKupPwe6L6nFrS3IIkYHNLZiU-oX_hoCcRgQAvD_BwE&ved=2ahUKEwiJ86KYvqeXAxV4VvEDHXdEMD0Q0Qx6BAgXEAE) “, ließen eigene KI-basierte Suchtools programmieren und warben damit erfolgreich zehntausende (Probe-)Abonnements. Dieser unerwartete Erfolg lenkt den Blick auf eine andere Kartei: das Verzeichnis der zuletzt rund 2,3 Millionen Mitglieder der SED. Doch während von den vier redundanten Teilen der NSDAP-Kartei rund 50 Tonnen erhalten sind und damit genug Material, um mehr als 80 Prozent der einstigen Mitgliedschaften zu rekonstruieren (die inzwischen auch online verfügbar sind, k ostenlos bei den US-amerikanischen National Archives (verlinkt auf https://catalog.archives.gov/id/12044361) oder gegen Bezahlung bei „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutscher“), ist das Verzeichnis der SED nahezu spurlos verschwunden. Wie kam es dazu? In den 1990er-Jahren galt es als ausgemacht, dass die Staatspartei Ost bald nach Amtsantritt des letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article125728065/Keine-Gnade-fuer-die-DDR.html) Mitte November 1989 diese Unterlagen beseitigt habe; das Bundesarchiv, das die erhaltenen Bestände der SED verwahrt, vertrat diese These. Zu ähnlichen Schlüssen kamen auch die beiden Enquetekommissionen des Bundestages, die in den 1990er-Jahren die SED-Diktatur sezierten. Allerdings fand sich nie eine schriftliche Vernichtungsanweisung, weshalb der Bundestag sogar ein Gutachten in Auftrag gab. Es hielt zu der „irregulären Kassation“ fest: „Die zentrale Gesamtmitgliederkartei wurde von der Abteilung Parteiorgane verwaltet und Ende 1989 vernichtet.“ Aufgrund des Hinweises eines damaligen Insiders begonnene Recherchen von WELT zeigten jedoch 2010 (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article7663752/Zeitgeschichte-So-trickreich-entsorgte-die-SED-ihre-Vergangenheit.html) : Diese größte Vertuschungsaktion der neueren deutschen Geschichte erfolgte erst nach der ersten und einzigen demokratischen Wahl der Volkskammer, teilweise sogar erst nach der Regierungsübernahme des letzten Ministerpräsidenten der DDR, des (Ost-)CDU-Politikers Lothar de Maizière. Hauptfigur des Schauspiels war, wie so oft in der SED-PDS-Linkspartei seit Ende 1989, der fintenreiche Rechtsanwalt und Polit-Entertainer Gregor Gysi (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article349723/Gysi-eine-unendliche-Geschichte.html) . Das Schlüsseldokument der Vernichtungsaktion ist eine „Vorlage für das Präsidium des Parteivorstandes“ der PDS, die gerade erst Tage zuvor den vorherigen Namen SED-PDS abgelegt hatte. Das Papier trägt das Datum 5. März 1990 und ging nur an den innersten Zirkel der PDS; es gab nur 23 Exemplare. Die Betreffzeile der Vorlage lautete: „Vernichtung von Kader- und Registraturunterlagen der ehemaligen SED“. Dieses offenbar Gysi & Co. sehr wichtige Ziel könne, so die Parteiführung, „durch kontrollierte Fremdvernichtung“ erreicht werden. Es war ein großes Vorhaben, denn es ging um wahre Berge von Dokumenten, mehr als 100 Tonnen insgesamt. Die SED-PDS stellte sich unter der Verantwortung des damaligen alleinigen Vorsitzenden Gysi dabei wesentlich schlauer an als die NSDAP fast genau 45 Jahre zuvor. Sechs Tage nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 bestellte die PDS auf der Messe Cebit in Hannover zwei Exemplare der „größten Aktenvernichtungsmaschine mit angeschlossener Papierpresse“, die damals europaweit auf dem Markt war. Der Hersteller, eine süddeutsche Maschinenfabrik, sollte die Geräte vom Format eines Kleinwagens „fix bis zum 6.4.1990“ liefern – zusammen mit 2000 speziellen Plastiksäcken, in denen sich 160 Tonnen ehemalige Akten gepresst abtransportieren ließen, was rund 80.000 gefüllten Ordnern entsprach. Als offizieller Käufer trat ein „Kfz-Instandhaltungsbetrieb“ aus dem Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf. Der Kaufpreis von 80.340 West-Mark wurde sofort an Ort und Stelle bezahlt – soweit bekannt: bar aus einem Koffer. Dieses Geschäft wurde bereits 1998 publik. Nicht bekannt war seinerzeit jedoch, dass die Maschinen unter anderem für die Entsorgung der SED-Personalunterlagen angeschafft wurden. Denn seinerzeit ging man ja fälschlich davon aus, dass diese Papiere bereits zur Jahreswende 1989/90 vernichtet gewesen seien. Dem war aber nicht so. Trotz der Super-Schredder kam das Zerstörungswerk nur langsam voran. Nach einer Übersicht der Kommission Organisation und Parteileben, die dem damaligen Gysi-Stellvertreter Wolfgang Pohl unterstand, mussten rund 15,9 Millionen einzelne Dokumente zerkleinert werden. Dazu zählten die Nachweiskarten aller Kandidaten und Mitglieder der SED seit 1951, Fragebögen und Lebensläufe, Beschlussunterlagen über die Erteilung und Löschung von Parteistrafen sowie die Zentrale Kaderregistratur mit 55.000 Akten ehemaliger oder aktiver Nomenklaturkader. Dann schaltete sich den Unterlagen zufolge erneut Gregor Gysi ein. Die SED-Mitgliederunterlagen lagerten in den weiträumigen Tiefkellern der ehemaligen Reichsbank. Das Gebäude am Werderschen Markt in Berlin-Mitte, heute Teil des Auswärtigen Amtes (verlinkt auf https://www.auswaertiges-amt.de/) , hatte das Zentralkomitee der SED 1959 bezogen. Nach der Friedlichen Revolution wurden hier Büros für die demokratisch gewählte Volkskammer eingerichtet, die Immobilie trug nun den Namen „Haus der Parlamentarier“. Ungeachtet dessen gingen die Aktenvernichter der PDS in den unterirdischen Etagen weiter ihrer Arbeit nach. Doch ihnen dämmerte inzwischen, dass sie mit ihrem Auftrag überfordert waren. Nun schritt die PDS-Parteiführung ein. Man erhoffte sich Hilfe vom höchsten Militär der DDR, dem „werten Herrn Admiral Theodor Hoffmann“. Auch „bei Ausschöpfung aller Möglichkeiten“ sei man nicht in der Lage, die Keller im Haus der Parlamentarier „von den dort lagernden Materialien kurzfristig selbst zu räumen“, schrieb die PDS an den Übergangs-Chef der Nationalen Volksarmee (NVA). Das aber sei zwingend geboten, denn es nahte die Währungsunion zum 1. Juli 1990, und für das neue Geld würden „von der Bundesbank der BRD und der Staatsbank der DDR“ sichere Lagerplätze benötigt. Der Brief schloss: „Wir bitten Sie deshalb im Interesse der Durchführung der notwendigen Maßnahmen zur Währungsunion ganz herzlich um Ihre dringende Unterstützung.“ Das Schreiben auf offiziellem PDS-Briefpapier war maschinenschriftlich mit „G. Gysi“ gezeichnet, von Hand unterschrieben hatte es „i. V.“ sein Vize Pohl. Doch Admiral Hoffmann war die falsche Adresse. Zu entscheiden über den Einsatz von NVA-Ressourcen hatte Rainer Eppelmann, der Verteidigungsminister in der Regierung de Maizière. Doch an den vormaligen „ Staatsfeind Nr. 1 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article113558210/Ein-Pfarrer-als-Staatsfeind-Nr-1-der-DDR.html) “ der SED-Diktatur wandte sich die PDS lieber nicht direkt. Stattdessen brachte man die Präsidentin der Volkskammer, die CDU-Politikerin Sabine Bergmann-Pohl, dazu, einen mit dem Schreiben von Gysi weitgehend identischen Brief an Eppelmann aufzusetzen. Das Schriftstück brachte ein Parteifunktionär persönlich in das Büro des Ministers. Der PDS wurde daraufhin gestattet, auf rund 60 NVA-Pioniere und 40 Mann der inzwischen fast funktionslosen DDR-Grenztruppen sowie auf schweres Gerät zurückzugreifen. Eppelmann kündigte an, die Partei solle sich auf eine gepfefferte Rechnung für diese Unterstützung gefasst machen. Weder er noch die Parlamentspräsidentin Bergmann-Pohl ahnten, dass sie insgeheim für die Vernichtung der SED-Mitgliederkartei eingespannt wurden. Bald ging es hektisch zu, und es floss viel Schweiß. Der Abteilungsleiter der PDS-Kommission Organisation und Parteileben, nach SED-Manier „Sekretär“ genannt, berichtete am 31. Mai 1990 über Fortschritte bei der „Auslagerung von org.-technischen Materialien der PDS aus dem Haus der Parlamentarier“. Die abgeordneten Soldaten schufteten im Akkord und mussten laut dem Leistungsnachweis der NVA 4376 Stunden Arbeit verrichten. Sie schafften rund 100 Tonnen geschreddertes Papier, ferner 130 Tonnen Klarsichtfolien und 180 Tonnen sonstiges Material aus den Tresoren. Der Parteisekretär war glücklich: „Da im Schichtrhythmus Tag und Nacht mit einem hohen körperlichen Einsatz geräumt wird, ist nach Abschluss der Arbeiten eine Prämierung vorgesehen.“ Armeelaster transportierten das Material ab; dabei legten sie nach Leistungsnachweis insgesamt 15.300 Kilometer zurück. Da das Ziel der NVA‑Lkw die Kleinstadt Schlieben im südlichen Brandenburg war (damals: DDR-Bezirk Cottbus) und die Strecke pro Richtung knapp hundert Kilometer von Berlin-Mitte entfernt lag, muss es sich also um mindestens 80 Fuhren gehandelt haben. In Schlieben unterhielt die Ost-Berliner Firma Werterhaltung- und Instandsetzungs GmbH (WIG) ein Zwischenlager. Die Gesellschaft, der ehemalige Baubetrieb der SED, war im Frühjahr 1990 gegründet und von der PDS mit einem Darlehen von 26 Millionen DDR-Mark bedacht worden. Die WIG gehörte zu einem Geflecht von Scheinfirmen, das während der Übergangszeit von der SED-Diktatur in die Bundesrepublik zum Verschieben von SED-Vermögen genutzt wurde. Erst Mitte Oktober 1990, nach der formellen Wiedervereinigung und Monate nach der Vernichtung der SED-Mitgliederkartei, schlug die Berliner Staatsanwaltschaft gegen diese kriminelle Struktur zu. Mit dem Einsatz der WIG begann das Finale. Ihr Hauptgeschäftsführer Wolfgang Teichmann stellte dem „Vorstand der PDS“ im Juni 1990 zwei Rechnungen, eine über 223.920,88 Mark vor allem als Lagermiete und eine weitere über 878.017,06 Mark. Auf dem Dokument mit dem höheren Betrag steht: „Wir bestätigen Ihre Erweiterung unserer Vereinbarung vom 12. Juni 1990 zur Vernichtung diverser Archiv- und organisatorisch-technischer Materialien. Mit einer diesbezüglichen Fachfirma wurde vereinbart, dass bis November 1990 die Vernichtung dieser Materialien abgeschlossen ist.“ Nach Angaben des Insiders verschwanden die in Schlieben zwischengelagerten Akten- und Karteireste in einer West-Berliner Papiermühle. Was dort nicht vernichtet werden konnte, etwa die Plastikfolien, ging wohl in einer westdeutschen Müllverbrennungsanlage in Rauch auf. Die Entsorgung der SED-Mitgliederkartei war einer der größten geheimen Erfolge der PDS im Frühjahr 1990. Sie machte eine spätere Aufarbeitung der Rolle von hunderttausenden kleinen und mittleren Funktionären der Staatspartei unmöglich. Parallel dazu verfing die Strategie, die (gefühlte) Schuld am sozialistischen Unrechtsstaat auf die Stasi abzuwälzen; deren schriftlicher Nachlass konnte durch den Einsatz engagierter DDR‑Bürger immerhin zu wesentlichen Teilen gesichert werden. Jedoch war der DDR-Geheimdienst nie mehr als „Schild und Schwert der Partei“: ein rein dienendes Instrument. Unter der Verantwortung des Vorsitzenden Gregor Gysi schaffte es die in PDS umbenannte SED, die personenbezogene Aufarbeitung ihrer Strukturen unterhalb der Spitzenebene zu verhindern. Ihre Mitgliederkartei wird niemals online gestellt werden können, weder vollständig oder auch nur fragmentarisch – einen entsprechenden Aufmerksamkeitsschub wird es niemals geben. Ziel erreicht. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seit 1974 lebt er in (West-)Berlin und lernte so die realen Folgen kommunistischer Politik aus eigener regelmäßiger Anschauung kennen.