Er ist der Herr des Verfahrens: Otto Fricke, Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbunds, blickt gespannt auf das Hamburger Olympia-Referendum, das am 31. Mai endet. Im Gespräch erzählt er, warum er schon das Bewerbungsverfahren als einen Gewinn für den Sport empfindet – und wie er die Argumente der Olympia-Gegner nicht nur in der Hansestadt gewichtet. WELT: Herr Fricke, als Vorstandsvorsitzender des DOSB sind Sie bei der Frage, welche Region am Ende die deutsche Bewerbung tragen soll, zur Neutralität verpflichtet. Aber generell gefragt: Hat Deutschland das Thema Olympia gerade wieder für sich entdeckt – entsteht gar so etwas wie Olympiafieber? Otto Fricke: Wenn man lange Politik gemacht hat, lernt man, gesellschaftliche Entwicklungen nicht als Sprint zu betrachten, sondern als lange Linie. Ich bin im September vergangenen Jahres offiziell gestartet, und relativ früh kam dann die erste, für viele überraschend positive Entscheidung in München. Viele Menschen haben danach ehrlich gesagt, dass sie gar nicht mit so einer hohen Zustimmung gerechnet hatten. Manche hofften auf Werte in den Fünfzigern – und dann landet man bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Das war ein Signal, das die weiteren Schritte befördert hat: nicht nur für München, sondern als Rückenwind für NRW und Kiel und in gewisser Weise für das ganze Verfahren. Das wird sich auch in Hamburg zeigen. WELT: Woher kommt diese Zustimmung aus Ihrer Sicht? Sind das die Bilder aus Paris, die gezeigt haben, wie moderne Spiele funktionieren können? Oder ist es ein allgemeines Bedürfnis, wieder mehr Gemeinschaft zu erleben? Fricke: Paris hat sicherlich geholfen, weil es sehr anschaulich gemacht hat, dass sich Spiele dank der IOC-Reformen mittlerweile einer Stadt anpassen – und nicht umgekehrt die Stadt den Spielen. Das ist für mich ein wichtiges Bild: keine Ruinen, keine Hinterlassenschaften, über die man später nur den Kopf schüttelt. Und dann ist da tatsächlich ein starker Wunsch nach gemeinsamem Erleben: im Sport, aber auch beim Zuschauen. Sport ist einer der Bereiche, der in unserer Gesellschaft gegenwärtig noch am ehesten Gemeinschaft erzeugen kann. Dazu kommt aus meiner Sicht noch etwas Drittes. Das ist schwer zu greifen, weil es abstrakter ist, aber man spürt es deutlich: Dieses Gefühl in der Gesellschaft, dass sich etwas bewegen muss. Dieses „So geht’s nicht weiter“. Sport kann zwar nicht alle Antworten auf wirtschaftliche, steuerrechtliche oder politische Fragen geben, aber er kann ein Zeichen setzen. Deswegen sprechen wir auch von der „Bewegung, die Deutschland jetzt braucht“ – nicht als Floskel, sondern als etwas, das man gerade tatsächlich nutzen kann: Menschen merken, dass Veränderung nötig ist, und sie sind eher bereit, sich darauf einzulassen, wenn sie spüren, dass es ein gemeinsames Projekt ist. WELT: Sie sprachen es an, in München, NRW und auch in Kiel gab es bereits Mehrheitsvoten. Berlin kommt ohne Referendum aus, das Parlament stimmte der Bewerbung zu. Hamburg stimmt am 31. Mai ab, und Umfragen deuten auf ein knappes Rennen hin. Wäre es Ihnen wichtig, dass Hamburg mit in den Wettbewerb kommt? Fricke: Ja, sehr. Am Anfang des Prozesses gab es die Idee, eine gesamtdeutsche Bewerbung einzureichen. Dann kam Paris, und viele haben festgestellt: Kompaktheit ist ein Schlüssel. Dieses Zeichen haben wir aus dem IOC deutlich erhalten. Ein klares Konzept, das zur Stadt passt, hat Gewicht. Und genau deshalb ist es aus meiner Sicht folgerichtig, dass Hamburg, wenn es die Bedingungen erfüllt, auch Teil dieser Auswahl und dieses transparenten Verfahrens ist. Am Ende werden die vier Bewerbungen nach denselben Maßstäben geprüft, und wenn alle vier die Bedingungen erfüllen, gibt es die demokratische Schlussabstimmung der Olympischen Verbände – am 26. September, live, am Nachmittag in der ARD. WELT: Welche Rolle spielt die Höhe der Zustimmung? Ein knappes Ja ist doch auch ein Ja? Fricke: Das schon. Aber es geht um die Stabilität der Bewerbungen. Deshalb spielt die Höhe des Ergebnisses ausdrücklich eine Rolle – nur ist sie eben nicht die alleinige, alles entscheidende Größe. Das Referendum ist eine von vielen Kategorien, die in die Bewertung einfließen. Wir arbeiten mit einer Matrix, die wir transparent gemacht und veröffentlicht haben, damit jede Bürgerin und jeder Bürger nachsehen kann, was geprüft wird. In diese Matrix fließen sehr viele Faktoren ein: Entfernungen, Kompaktheit, die Struktur eines olympischen Dorfes, Nachhaltigkeitsfragen, die Anordnung und Erreichbarkeit der Wettkampfstätten und vieles mehr. Wichtig ist der Rückhalt in der Bevölkerung vor allem deshalb, weil man gegenüber dem IOC glaubwürdig zeigen muss: Wir erfüllen die Bedingungen, und wir haben Rückhalt für dieses Projekt – und das im Idealfall, nachweisbar durch positive Referenden, im gesamten Land. Es geht nicht darum, Zustimmung als Showwert zu sammeln, sondern um Stabilität und Vertrauen. Und Vertrauen ist in Bewerbungsverfahren ein entscheidender Faktor. WELT: Sie haben Kompaktheit eben angesprochen. Hamburg argumentiert stark mit kurzen Wegen. Ist das aus Ihrer Sicht überzeugend? Fricke: Ja, ausdrücklich. Nur kommt an dieser Stelle die Neutralität des Vorstandsvorsitzenden: Jede Region hat ihre Vorzüge. Berlin hat seine Bekanntheit und Symbole, München hat viel Infrastruktur, die es schon gibt, NRW kann mit vielen potenziellen Zuschauern punkten. Hamburg hat wiederum sehr klare Argumente bei der Kompaktheit. Am Ende zählt aus Sicht des IOC aber auch das Gesamtbild: Mit wem lassen sich Spiele am besten umsetzen, wer liefert das stimmigste Paket? WELT: In Hamburg ist die Debatte traditionell skeptischer als anderswo. Gegner führen angeblich nicht abschätzbare Kosten, Folgen für Wohnraum und Mieten, ungeklärte Sicherheitsfragen, die Gefahr teurer Fehlplanungen an. Was ist aus Ihrer Sicht das stärkste Argument der Gegner – und was muss man am ehesten entkräften? Fricke: Für mich ist das Interessante: Das sind Argumente, die wir seit Jahren immer wieder hören. Und ich würde nicht sagen, dass sie grundsätzlich nicht nachvollziehbar sind. Es sind Ängste, und Ängste sind real. Ob diese Risiken eintreten, hängt sehr stark davon ab, wie geplant wird. Ich verweise da gerne auf München und darauf, dass nach den Spielen 1972 mehr Wohnraum da war und der ÖPNV besser, von dem man bis heute profitiert. Und auch in Frankreich hat sich gezeigt: Es ist eine Frage der Planung und der konsequenten Umsetzung. Ich sehe deshalb nicht „das eine“ Argument, das alle anderen überstrahlt. Ich erlebe eher, dass es Menschen gibt, die grundsätzlich sagen: „Ich will das nicht.“ Das muss man akzeptieren. Das Entscheidende ist dann, dass man trotzdem sachlich informiert und transparent bleibt: Was ist realistisch? Was sind Annahmen? Was ist planbar? Und wie lassen sich Risiken begrenzen? WELT: Bleiben wir bei der Sicherheit, weil das in Hamburg besonders präsent ist. Viele sagen: Sicherheitskosten sind unkalkulierbar, und am Ende trägt die öffentliche Hand die Last. Wie begegnen Sie diesem Punkt? Fricke: Ich begegne dem oft mit einer einfachen Frage, weil ich in der Debatte manchmal eine Unschärfe sehe. Wenn ich sage: „Dann sollte der Sport die Sicherheitskosten mit in die Finanzierung nehmen“, nicken manche sofort. Und wenn ich dann frage: „Heißt das, der FC St. Pauli soll für alle Sicherheitskosten bei einem Bundesligaspiel zahlen?“, heißt es plötzlich: „Nein, das ist etwas anderes.“ Ich finde, das ist nicht konsistent. Wenn jemand ernsthaft die Position vertritt, Sicherheitskosten seien grundsätzlich Aufgabe des Sports, dann muss er das auch gegenüber dem Profisport sagen. Und erst recht dort, wo viel Geld im System ist. Es wirkt nicht überzeugend, wenn man diese Forderung ausgerechnet bei Projekten stellt, die oft gerade gesellschaftliche Breite und langfristige Infrastrukturziele betonen. WELT: Häufig fällt in solchen Debatten der Satz: „Drei Wochen Olympiaparty, viel Geld, und danach ist alles vorbei.“ Sie betonen stattdessen den Weg zur Bewerbung. Was meinen Sie damit konkret? Fricke: Ich halte diese „Party“-Verkürzung für falsch, weil sie den Kern verfehlt. Dieser Weg – die „Road to“, der Weg dahin – ist bereits Teil der Geschichte, die man erzählt. Und er setzt etwas in Gang. Wenn man sich bewirbt, beschäftigt man sich zwangsläufig mit Fragen, die man sonst gern verschiebt: Zustand von Sportstätten, Breitensportförderung, Mobilität, Barrierefreiheit, Stadtentwicklung. Allein die Tatsache, dass wir eine Bewerbung haben, hat bereits dafür gesorgt, dass mehr Mittel für den Sport zur Verfügung stehen – auch für den Breitensport, auch um die Finanzierungslücke in der Sportstätten-Infrastruktur zu verringern. Und selbst der Bund, der dafür formal gar nicht zuständig ist, gibt eine Milliarde. Ich glaube nicht an die These, dass der „Kuchen“ immer gleich groß bleibt. Man kann ihn vergrößern, wenn man bereit ist, Energie hineinzustecken und Dinge anzupacken. Dafür steht dieses Bewerbungsverfahren aus meiner Sicht. WELT: Sie waren als Politiker mit Haushaltsfragen häufig konfrontiert. In 15 Jahren werden die öffentlichen Kassen eher knapper sein als heute. Kann eine Bewerberstadt dann sogar einen größeren Hebel haben, um Infrastrukturmaßnahmen durchzusetzen, die sonst vielleicht nicht möglich wären? Fricke: Definitiv. Und es geht nicht nur darum, was die Stadt selbst tut, sondern auch darum, wie die Stadt von Investoren gesehen wird. Hamburg ist dafür ein gutes Beispiel. Wäre Hamburg irgendwann stehen geblieben und hätte gesagt: „Geld ist knapp, wir machen nichts mehr“, dann hätte es viele Entwicklungen nicht gegeben, die heute selbstverständlich wirken. Ich glaube, wir haben als Gesellschaft verlernt, dass Investitionen in Zukunft materielle und immaterielle Vorteile schaffen können – weil sie Mentalitäten verändern und weil sie Dynamik auslösen. Dieses „Ins-Machen-Kommen“ ist aus meiner Sicht ein entscheidender Effekt. Bewegung erzeugt Energie, und Energie bringt uns voran. Und genau deshalb kann eine Bewerbung, unabhängig vom finalen Zuschlag, eine enorme Wirkung entfalten. WELT: Dennoch heißt es oft: „Sich für Olympia zu bewerben, ist mutig, vielleicht sogar riskant.“ Wie viel Mut braucht es wirklich? Fricke: Gar nicht so viel, wenn man versteht, dass es nicht um „Kampf“ geht. Der DOSB sieht es als Wettbewerb. Und Wettbewerb bedeutet im Kern: Alle werden besser. Durch den Vergleich entstehen neue Ideen, und man kommt schneller voran. Ich höre häufig den Satz: „Dann gibt es einen Gewinner und drei Verlierer.“ Ich widerspreche: Es gibt einen Gewinner, das ist der Sport. Und idealerweise gibt es einen zweiten Gewinner, nämlich Deutschland, wenn wir am Ende die Spiele bekommen. Aber selbst wenn nicht, bleibt der Erkenntnisgewinn und der angeschobene Fortschritt. WELT: Ein weiterer Punkt ist das IOC. Viele zweifeln daran, wie nachhaltig der Reformprozess wirklich ist. Sie sind nah dran. Wird dort Veränderung „von innen“ gelebt oder ist das am Ende eher Fassade? Fricke: Ich bin dankbar, wenn diese Frage gestellt wird, weil sich in den letzten 10 bis 15 Jahren tatsächlich viel verändert hat. Der frühere IOC-Präsident Thomas Bach hat Strukturen verändert und vieles besser gemacht. Man kann das an Vergaben und an Entscheidungen sehen. Niemand ist perfekt, und Kritik an Menschen wird es immer geben. Gleichzeitig bleibt das IOC ein internationales Gremium. Dort sitzen nicht nur Menschen, die klassische europäische Vorstellungen von Demokratie, Gewaltenteilung und Menschenrechten teilen. Wenn man – so wie ich – überzeugt ist, dass unser System mit Gewaltenteilung und parlamentarischer Kontrolle besser für die Menschen ist, dann muss man im IOC dafür arbeiten, dass solche Prinzipien stärker wirken. Ich halte es für richtig, Fachleute prüfen zu lassen und am Ende eine demokratische Entscheidung herbeizuführen. WELT: Wir reden in Deutschland in solchen Fragen sehr schnell über Kosten, Nutzen und Risiken. Aber Olympia ist ja auch ein emotionales, immaterielles Erlebnis, das eine Gesellschaft verändern kann. Kommt dieser Gedanke in der Bewerbungsphase zu kurz? Fricke: Ja, weil wir am Ende immer noch deutsch sind. Wir neigen dazu zu sagen: Emotionen sind schön, aber zuerst kommt die Rechnung. Ich halte das für zu kurz gedacht. Diese erwähnte „Road to“, also der Weg dahin, ist bereits Teil der Erzählung. Emotionen setzen Energie frei. Sie sorgen dafür, dass Menschen bei bestimmten Zielen sagen: „Dafür lohnt es sich, etwas zu tun.“ Wichtig ist deshalb aus meiner Sicht die Mischung: sachliche Information mit hoher Transparenz, ohne dabei die emotionale Dimension zu verdrängen. Und dann am Ende Menschen entscheiden zu lassen – mit Verstand und mit Gefühl. WELT: Wie realistisch ist es, dass eine deutsche Region am Ende tatsächlich Olympiastadt wird? Und welches Jahr es dann am ehesten wäre: 2036, 2040 oder 2044? Fricke: Eine Garantie gibt es nicht. Aber ich habe in Gesprächen bei Treffen zuletzt während der Winterspiele sehr oft gespürt: Deutschland wird als verlässlicher Partner wahrgenommen. Ich habe in diesem Zusammenhang den Satz gehört: „A good reliable friend is back“ – ein guter, verlässlicher Freund ist wieder da. Wir müssen eins klarstellen: Wir stehen nicht im direkten Wettbewerb mit allen möglichen Ländern weltweit. Das IOC vergibt die Spiele nach Märkten, und Europa ist für das IOC ein wichtiger Markt. Unsere Konkurrenten sind die anderen Bewerber aus Europa, aktuell sind Budapest und Istanbul offiziell bekannt, und es können neue dazukommen. Aber: Je später jemand einsteigt, desto mehr Schritte muss er erst aufholen. Und wir sind, was Vorbereitung und Verfahren angeht, weit. Das hat uns das IOC mehrfach bestätigt. Zur Jahreszahl: Man kann das nicht eingrenzen. Das IOC entscheidet, wann Europa dran ist. Und es wäre unklug, vorher zu signalisieren, welche Jahreszahl man auf keinen Fall will, weil das Wettbewerbsdynamiken auslösen würde. WELT: In Deutschland gibt es aber die Debatte um 2036 und die historische Last von 1936. Fricke: Sollte es 2036 werden, dann würde Deutschland die Spiele selbstbewusst durchführen, aber zugleich bewusst. Selbstbewusst als ein Land, das hundert Jahre später anders ist: diverser, moderner, klarer. Und bewusst, weil aus Geschichte Verantwortung erwächst. Wir sagen: Wenn Europa dran ist und das IOC uns als Gastgeber vorsieht, dann sind wir bereit – und dann gehen wir damit verantwortungsvoll um. WELT: Eine formale Frage zum Schluss: Haben Sie als DOSB-Vorstandsvorsitzender eine besondere Stimme in der Entscheidung – oder sind Sie einer von vielen? Fricke: Ich sitze in der Evaluierungskommission, die prüft, ob das Verfahren ordnungsgemäß gelaufen ist – ich vergleiche das manchmal mit einem Notar, der darauf achtet, dass Regeln eingehalten werden. In der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. September entscheiden aber laut unserer Satzung die Olympischen Fachverbände. Hinzu kommen Stimmen des Präsidiums und der persönlichen Mitglieder. Ich selbst stimme nicht ab. Das ist auch gut so, weil ich dafür zuständig bin, dass das Verfahren sauber läuft und ich es erklären kann. Otto Fricke , geboren am 21. November 1965 in Krefeld, ist Jurist und seit 1995 als Rechtsanwalt in Krefeld tätig. Politisch gehörte er dem Deutschen Bundestag von 2002 bis 2013 sowie erneut von 2017 bis 2025 an und war dort unter anderem haushaltspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Seit dem 1. September 2025 ist der Hockey-Fan Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).