Georg Kolbes „Tänzerinnenbrunnen“, der seit Jahrzehnten im Garten des Georg-Kolbe-Museums in Berlin steht, ist für 4,98 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) versteigert worden. Er kam am Abend des 4. Juni 2026 als Höhepunkt der Sommerauktionen des Berliner Auktionshauses Grisebach (verlinkt auf https://www.grisebach.com/los/4073819) unter den Hammer – weit über dem Schätzpreis von einer Million bis 1,5 Millionen Euro. Bei dem Brunnen aus Bronze und Travertin aus dem Jahr 1922 handelt es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Nach langen Verhandlungen und juristischer Klärung hatte das Museum den Brunnen an die Erben der Familie des ursprünglichen Eigentümers zurückgegeben. Der Bildhauer Kolbe war von Heinrich Stahl, dem damaligen Direktor der Victoria-Versicherungen, mit der Fertigung des Brunnens beauftragt worden. Stahl wurde 1933 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins. Unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung musste die Familie Stahl ihr Haus samt Brunnen verkaufen. „Wir haben hier auf jeden Besitz verzichten müssen, alle Gelder dem Reich übereignen müssen & gehen als Bettler in die ungewisse Zukunft“, schrieb Heinrich Stahl am 10. Juni 1942 an seine Kinder und Enkel. „Wenn wir die Kraft behalten, diese fürchterliche Prüfung zu überleben, bis vielleicht einmal eine Aenderung in der Regierung eintritt, besteht eine kleine Hoffnung, dass wir wieder Menschen werden.“ Im selben Jahr wurden Heinrich Stahl und seine Frau Jenny in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Stahl wurde dort ermordet, Jenny Stahl überlebte und wanderte in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Der „Tänzerinnenbrunnen“ gelangte zunächst in den Besitz eines bulgarischen Gesandtschaftsrats, von dessen Erben ihn das Kolbe-Museum 1978 kaufte und ein Jahr später im Garten des Hauses aufstellte. Der Kauf schien seinerzeit rechtmäßig zu sein. Denn Werner Stahl, ein Enkel von Heinrich Stahl, hatte im Jahr 2001 seinen Verzicht auf Ansprüche erklärt – allerdings geschah dies nicht im Namen der gesamten Erbengemeinschaft, wie sich später herausstellte. Seit 2024 erforschte das Georg-Kolbe-Museum die Provenienz des Brunnens intensiver; seit 2025 liefen Gespräche zwischen Vertretern der Erben, Anwälten und dem Museum. Im September 2025 unterbreitete das Georg-Kolbe-Museum den Erben ein Restitutionsangebot, das im Februar 2026 angenommen wurde. „Das wichtigste Ziel des Museums war es, eine faire sowie gerechte Lösung gemeinsam mit den Nachfahren des ursprünglichen Eigentümers herbeizuführen“, hieß es. Die Erben entschieden sich, den Brunnen bei Grisebach versteigern zu lassen. Das Museum hatte daraufhin mitgeteilt, wahrscheinlich nicht mitbieten zu können, da es keinen Ankaufsetat habe. Ob der Brunnen womöglich als Dauerleihgabe im Garten des Museums bleiben darf, wird die Zukunft zeigen. Dort wäre er wohl gut aufgehoben, denn die kunsthistorische Erschließung des Werks ist längst nicht abgeschlossen. Die Direktorin Kathleen Reinhardt hat in ihrem 2025 erschienenen Buch „Der Brunnen“ die antisemitische Objektbiografie des Brunnens rekonstruiert und zugleich die Ikonologie der Figuren untersucht: Die drei kauernden, afrikanischen Männergestalten, welche die Tänzerin tragen, können als kolonial codiertes Motiv gedeutet werden. In einem Essay der Dramaturgin und Autorin Marietta Piepenbrock im Sonderkatalog des Auktionshauses identifiziert sie den Somalier Mohammed Nur als Vorbild für das Trio der Tänzerinnenträger. Nur sei als Teil eines Ensembles nach Deutschland gekommen, das in rassistischen „Völkerschauen“ vorgeführt wurde, und habe Georg Kolbe in den 1920er-Jahren mehrfach als Modell gedient. Der Bildhauer arrangierte sich (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/kunst/plus207546297/Georg-Kolbe-So-kam-ein-grosser-Bildhauer-durchs-Dritte-Reich.html) ein Jahrzehnt später mit den nationalsozialistischen Machthabern und konnte seine Karriere bruchlos fortsetzen. Mit seinem „aufeinandergetürmten Mix an Zitaten und Anverwandlungen“ versteht Piekenbrock den Brunnen als ein „tanzendes Paradox aus Muschelkalk und Bronze, hinter dessen Kulissen sich die ganze Dramatik der deutschen Moderne anzudeuten beginnt“. Kurz nach der Versteigerung war noch nicht bekannt, wer den Zuschlag für den „Tänzerinnenbrunnen“ erhalten hatte.