Hamburg macht als drittes deutsches Bundesland den Besuch einer NS-Gedenkstätte für alle Schüler verbindlich. Künftig sollen Jugendliche während ihrer Schullaufbahn mindestens einmal einen Erinnerungsort an die Verbrechen des Nationalsozialismus besuchen. Der Senat begründet den Schritt mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand zur NS-Zeit, dem Wegfall von Zeitzeugen und einer wachsenden gesellschaftlichen Debatte über den Umgang mit der deutschen Erinnerungskultur. „Es gibt die Erinnerungen am Küchentisch nicht mehr“, sagte Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) bei der Vorstellung des Vorhabens. Immer seltener könnten Kinder und Jugendliche noch mit Großeltern oder anderen Familienangehörigen über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen. Deshalb sei es Aufgabe von Schule und Staat, Orte der Begegnung mit der Geschichte zu schaffen. Nach Angaben der Schulbehörde führen bereits rund 80 Prozent der Hamburger Schulen Gedenkstättenbesuche durch. Nun wird das Angebot für alle Schüler ab Klasse 5 verbindlich. Die Schulen entscheiden selbst, welchen Erinnerungsort sie auswählen. Zur Verfügung stehen unter anderem die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Gedenkstätte Bullenhuser Damm, die Gedenkstätten Fuhlsbüttel und Poppenbüttel, die Israelitische Töchterschule sowie das Mahnmal St. Nikolai. Der Eintritt ist für die Schülergruppen jeweils frei. Der Besuch soll jedoch ausdrücklich nicht auf einen einzelnen Ausflug reduziert werden. „Die Besuche beginnen im Unterricht und nicht in der Gedenkstätte“, sagte Bekeris. Schüler müssten vorbereitet werden, eigene Fragen entwickeln und die Eindrücke anschließend im Unterricht weiterverarbeiten können. Nur so könne nachhaltiges Lernen entstehen. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) stellte die Initiative in einen größeren politischen Zusammenhang. Gerade in Zeiten, in denen historische Fakten relativiert oder verdrängt würden, komme der historischen Bildung besondere Bedeutung zu. Als ein Beispiel nannte Brosda die Wahl von Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt – „ein Politiker einer Partei, deren ehemaliger Vorsitzender die zwölf Jahre Nationalsozialismus mal als einen Vogelschiss in tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte bezeichnet hat“. Als zweites Beispiel wählte Brosda die Entscheidung der Stadt Heidenau, Stolpersteine für Deportierte und Ermordete zur Zeit des NS-Regimes künftig nur noch auf Friedhöfen zuzulassen, damit sie „nicht mehr im Alltag stören“. „Die beiden Beispiele zeigen, wie relevant und wichtig es ist, dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass ein Bewusstsein für die Geschichte dieses Landes und für die aus dieser Geschichte sich ergebende Verantwortung in der Gegenwart nicht verloren geht“, sagte Brosda. Der Senator warb zugleich für ein Verständnis von Geschichte als Orientierungshilfe für die Gegenwart. Das Wissen um die Vergangenheit sei vergleichbar mit dem Moment des Aufwachens in einem fremden Hotelzimmer. Erst wenn man sich erinnere, wie man dort hingekommen sei, könne man sich orientieren. „Wenn ich nicht wüsste, wo ich bin und wie ich dahin gekommen bin, wüsste ich auch nicht, wie ich weitermache.“ Lange war ein verpflichtender Gedenkstättenbesuch umstritten. Kritiker bezweifelten, ob Schüler, die gegen ihren Willen kommen, überhaupt erreicht werden könnten. Brosda räumte ein, dass auch er skeptisch gewesen sei. Inzwischen sei er jedoch überzeugt, „dass wir vielleicht an einem Punkt sind, an dem es sinnvoll ist zu sagen: Wir gehen den Versuch mal ein, weil die Alternative, es nicht zu versuchen, jetzt auch nicht besser ist“. Unterstützung kommt von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte. Deren Vorstand Oliver von Wrochem sagte, die Verbrechen des Nationalsozialismus würden heute „im Analogen wie vor allem im digitalen Raum immer öfter negiert und angegriffen“. Gleichzeitig gebe es mehr Menschen, die sich mit ihrer Familiengeschichte beschäftigten, während andere „davon gar nichts mehr hören und nichts mehr erzählen wollen“. Gedenkstätten seien deshalb keine Orte der Vergangenheit allein. Sie zeigten, „wohin es führt, Grund- und Menschenrechte nicht mehr zu achten“, sagte von Wrochem. An solchen Orten könnten Jugendliche erfahren, „wie wertvoll es ist, eine freiheitliche Demokratie zu haben und zu leben“. Den Satz „Nie wieder“ mit Leben füllen Entscheidend sei jedoch, dass der Besuch nicht zu einer bloßen Pflichterfüllung werde. Denn auch die Gedenkstätten selbst waren lange skeptisch ob eines Pflichtbesuches. „Das große Anliegen“ sei gewesen, dass Lehrkräfte vorbereitet würden, dass Besuche pädagogisch eingebettet seien und Schülerinnen und Schüler mit ihren Fragen nicht allein blieben. Niemand solle den Eindruck gewinnen, ein Rundgang durch eine Gedenkstätte entbinde von weiterer Auseinandersetzung. Gedenken dürfe nicht zu einem „Ablasshandel“ werden, so von Wrochem. Hamburg gehört damit neben Bayern und dem Saarland zu einem kleinen Kreis von Ländern, die einen solchen Besuch verbindlich festschreiben. Für den Senat ist die Maßnahme nach eigener Aussage weit mehr als Geschichtsunterricht. Sie soll dazu beitragen, junge Menschen für die Folgen von Antisemitismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit zu sensibilisieren. Oder, wie Brosda es formulierte: Das oft beschworene „Nie wieder“ müsse mit Leben gefüllt werden. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Sie ist Co-Vorsitzende der Landespressekonferenz Hamburg, dem Verein der Landespolitikjournalisten.