Welt 29.03.2026
06:58 Uhr

Özils Töchter dürfen Erdogan „Opa“ nennen


Mit Deutschland wurde Mesut Özil 2014 Weltmeister. Längst hat er mit diesem Land gebrochen. Sein neues Leben spielt in Istanbul – zwischen Familie, politischer Unterstützung für Machthaber Erdogan und neuen sportlichen Plänen.

Özils Töchter dürfen Erdogan „Opa“ nennen

Anruf von Mesut Özil. Es ist Samstagnachmittag, Bundesliga-Zeit: Wolfsburg spielt gegen seinen Ex-Klub Werder Bremen, als auf dem Handy des Reporters seine türkische Nummer erscheint. Acht Jahre lang gab es keinen Kontakt zu ihm. Özil reagierte auf keine Nachricht, zumindest wenn sie aus Deutschland kam. Er beantwortete keine Journalistenfragen mehr, dabei gab es doch so viele: nach seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan direkt vor der WM 2018. Und nach seinem Rücktritt aus der Nationalelf. (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article69b7a947e74d99f444f8238c/joachim-loew-war-mir-zu-lang-loew-hat-oezils-ruecktrittserklaerung-nie-gelesen.html) Özil veröffentlichte auf Englisch noch ein langes Statement bei Twitter („Das Foto hatte keine politischen Absichten“). Dann begann Özil sein langes Schweigen. Einer der besten deutschen Fußballer aller Zeiten hatte diesem Land nichts mehr zu sagen. Özil war Spielmacher der Weltmeister-Elf von 2014, spanischer Meister, Pokalsieger in Deutschland und England. Er spielte für Schalke, Werder, Real Madrid, Arsenal. Seine Weltkarriere galt als Beispiel gelungener Integration. 2010 erhielt das Kind türkischer Einwanderer, geboren in Gelsenkirchen, einen Bambi. Was folgte, waren Jahre gegenseitiger Entfremdung. Selbst viele der früheren Mannschaftskollegen, mit denen er am besten konnte, haben keinen Kontakt mehr zu ihm: Tim Wiese zum Beispiel, der Ex-Nationaltorwart, der mit Özil bei Werder und in der DFB-Auswahl spielte, sagt zu „Bild“: „Mit Mesut habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesprochen. Leider ist der Kontakt abgerissen.“ Jetzt aber ist Özil tatsächlich am Handy, meldet sich bei Reporter Torsten Rumpf, der seine Karriere jahrelang begleitete: seine Stimme immer noch jungenhaft, fast vertraut, angenehm freundlich, zurückhaltend. Er spricht von seiner Familie in der Türkei, vom Glück in dieser Heimat. Nach knapp zehn Minuten verabschiedet er sich. Er sei froh, dass er inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt stehe, lässt er wissen. Sätze aus seinem neuen Leben – doch zitieren lassen will er sich nicht. Das neue Özil-Leben spielt in der Millionenmetropole Istanbul, im Stadtteil Küçük Çamlica, auf einem großen Hügel samt Fernsehturm, immer mit einem leichten Wind und einem eindrucksvollen Blick über die Stadt auf den Bosporus. Europa – das ist von hier aus die andere Seite. Özils Geburtsstadt Gelsenkirchen wirkt von hier wie in einer anderen Welt. Erdogan ist der „berühmteste Kontakt“ in Özils Handy 2019 hatte Özil in dieser mondänen Gegend ein Grundstück mit 4000 Quadratmetern erworben. Damals stand der Mittelfeld-Star noch bei Arsenal unter Vertrag. Und er hatte gerade die in Schweden geborene und 2014 zur „Miss World Turkey“ gekrönte Schauspielerin Amine geheiratet. Im Fünf-Sterne-Hotel „Four Seasons“ spielten sie das Lied „Ölürüm Türkiyem“ („Ich sterbe für dich, meine Türkei“), der Trauzeuge der Özils: Präsident Erdogan, der „berühmteste Kontakt“ in seinem Handy, wie Mesut einmal sagte. Dabei müsste Özil ihn gar nicht anrufen, er könnte einfach vorbeischauen: Denn wenn Erdogan aus seinem Regierungspalast in Ankara nach Istanbul kommt, lebt er nur wenige Gehminuten entfernt von den Özils. Rund zehn Millionen US-Dollar soll Özil einst für das Anwesen in dem Nobelviertel gezahlt haben, so berichten es türkische Medien. Er vermietete die darauf stehende Villa aber zunächst: für umgerechnet 17.500 US-Dollar, wie Dokumente zeigen, die „Bild“ vorliegen. Der Mieter damals: Sitki Ayan, ein besonders enger Vertrauter Erdogans, ein Unternehmer, besser gesagt: ein türkischer Oligarch. Ayan verdiente laut US-Behörden Millionen dank Ölgeschäften mit dem iranischen Regime. Als er 2019 die Villa der Özils bewohnte, soll sich Ayan für die iranischen Revolutionsgarden gerade zur Schlüsselfigur bei der Umgehung der Sanktionen auf iranisches Öl entwickelt haben. So steht es in einer Anklage aus den USA. 2020 zog er aus Özils Villa aus, das Luxus-Anwesen wurde daraufhin Großbaustelle. Luftaufnahmen von damals zeigen, dass die Özils keinen Stein auf dem anderen ließen, um nun ihr neues Leben in der Türkei zu bauen. Im März 2020 kam Özils erste Tochter Eda zur Welt. Im selben Monat machte Mesut sein letztes Spiel im Arsenal-Trikot, im Londoner Derby gegen West Ham (1:0). Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify (verlinkt auf https://open.spotify.com/show/7CX3rSNRL11YEnW7IzkWIS?si=82f337b82c6b4e32&nd=1&dlsi=56417d9ce6fc406c) , Apple Podcasts (verlinkt auf https://podcasts.apple.com/de/podcast/weltmeister/id1852960967) oder direkt per RSS-Feed (verlinkt auf https://weltmeister.podigee.io/feed/mp3) . Ihm wird damals vorgeworfen, für sein 20-Millionen-Euro-Jahresgehalt nicht genügend zu leisten. Zusätzliche Wut zieht er auf sich, als er es ablehnt, wegen der Corona-Krise, die auch die Fußballvereine heftig traf, auf 12,5 Prozent seines Gehalts zu verzichten. Der Abschied aus London zieht sich über Monate, am 24. Januar 2021 aber ist Schluss. Özil wechselt zu Fenerbahçe, schon als Kind sein Lieblingsverein neben Schalke 04. Istanbul ist viel mehr als die nächste Station: Es wird das Zuhause der Özils. Der Garten: wie eine Oase. Viel Wasser, Lounge-Möbel, dahinter eine Art Park, mittendrin: ein Kinderspielplatz mit mehreren Rutschen und Schaukeln. Für die nun sechs Jahre alte Eda und ihre Schwester Ela, die im September 2022 geboren wurde. „Willkommen, meine kleine Prinzessin“, schrieb Mesut damals auf Instagram. Und „Bild“ erfährt jetzt: die Özils erwarten nochmals Nachwuchs. Wieder ein Mädchen. Papa Mustafa hat keinen Kontakt mehr zu Mesut Seine Mutter Gülizar plant wegen des neuen Nachwuchses bereits, für eine längere Zeit nach Istanbul zu kommen. Sie will der immer größeren Familie Özil helfen. Als Mama und Oma. Mesuts Papa Mustafa plant keinen Besuch. Er hat keinen Kontakt mehr zu Mesut. Seit dem großen Bruch im Jahr 2013, als der Fußball-Star seinem Vater, der bis dahin gleichzeitig sein Berater war, die geplatzte Vertragsverlängerung bei Real Madrid ankreidete und den Kontakt abbrach. Mustafa Özil war im Alter von zwei Jahren als Kind von Gastarbeitern nach Deutschland gekommen. Mesut strich seinen Vater aus dem Leben, so wie später auch Deutschland. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Bis heute. Aber: Mesuts Töchter haben dennoch einen „Opa“. Sie dürfen Erdogan so nennen, den Staatschef ihrer türkischen Heimat. Das erfuhr „Bild“ aus Özils Umfeld. In der Villa der Özils gibt es eine große Wohnküche mit Billard- und Kicker-Tisch. Unten im Keller befindet sich ein riesiges Fitnessstudio. Dort präsentierte sich der Weltstar 2024, zwei Jahre nach seinem Karriereende, plötzlich als Muskel-Mesut. Er hatte so viel trainiert, dass er rund 20 Kilo zulegte und seine Mucki-Fotos um die Welt gingen. Inzwischen hat er sein Training wieder deutlich heruntergefahren, Mesut sieht wieder mehr aus wie Mesut, hat 10 Kilo weniger. Ein Foto mit seinem Fitnesstrainer sorgte für eine Kontroverse. Darauf zu sehen: ein Tattoo mit Symbolen der rechtsextremistischen „Grauen Wölfe“ auf Özils linker Brust. Im Februar 2025 ließ sich der Ex-Profi in ein Führungsgremium der Erdogan-Partei AKP wählen. (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article255514796/Tuerkei-Mesut-Oezil-zieht-in-den-Vorstand-von-Erdogans-Partei-AKP-ein.html) Er unterstützt den türkischen Machthaber mit öffentlichen Auftritten, auch im Ausland. Erst im Februar reiste Özil mit Präsidentensohn Bilal Erdogan in ein Flüchtlingscamp der muslimischen Rohingya in Bangladesch. Bei einem Bibliotheksgespräch im Dezember 2025 sagte er: „Es war mir vergönnt, mit Deutschland die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Aber wenn ich zurückblicke, habe ich mich auch oft gefragt, wohin ich gekommen wäre und was ich gefühlt hätte, wenn ich für die türkische Nationalmannschaft gespielt hätte. Ehrlich gesagt habe ich darüber viel nachgedacht, aber da ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, ist es nun einmal so.“ Eindeutig positionierte sich Özil auch im Gaza-Krieg. (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/article252773972/Mesut-Oezil-wuenscht-sich-bei-Instagram-die-Vernichtung-Israels.html) Er teilte 2024 mehrfach auf Instagram eine Landkarte, auf der „Israel“ durchgestrichen war. Darunter stand: „Palestine“. Noch immer ist auf seinem Profilfoto bei Instagram (27 Millionen Follower) die Palästina-Flagge zu sehen. Unklar ist, welche politischen Ambitionen er noch hat. Özil will moderne Fußball-Akademie aufbauen Fest steht: Özil verfolgt eigene Pläne, die mit Sport zu tun haben. Schon 2024 gründete er in der Türkei die Firma „Mesut Özil Spor Akademisi“. Er will als alleiniger Eigentümer eine moderne Fußball-Akademie aufbauen: in Istanbul. Im nächsten Jahr soll das „Herzensprojekt“ eingeweiht werden, ganz nach dem Vorbild der besten Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren. Auf dem Gelände sind modernste Trainingsplätze, eine Mensa und Wohnungen geplant: für Fußballtalente ab elf Jahren. Auch deutsche Trainer will Özil für sein großes Projekt gewinnen. Und er plant bereits eine „Filiale“ dieser Akademie: im international nicht als Staat anerkannten Nordzypern. Dort war Özil zuletzt 2025 zu Besuch. Eine von vielen Dienstreisen, die der Ex-Nationalspieler unternimmt: vor allem für Kinderhilfsprojekte in Entwicklungsländern oder Krisengebieten. Was Özil einst selbst an Förderung bekommen hat – vor allem von seinem „Ziehvater“, dem Schalker Jugendtrainer Norbert Elgert – das will er heute unbedingt zurückgeben. Nicht auf Schalke, sondern in Istanbul. In seinem neuen Leben. Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.