Die Umbildung der Bundesregierung kam spät – und manche meinten: zu spät. Denn Konrad Adenauer zog erst am 16. Oktober 1956, nach Monaten eines aufreibenden Gerangels mit dem unwilligen Koalitionspartner FDP und der Spaltung der Liberalen, die politische Notbremse. Auf Vorschlag des Kanzlers entband Bundespräsident Theodor Heuss am Nachmittag dieses Dienstages vier Bundesminister von ihren Ämtern. Die beiden „Minister für besondere Aufgaben“ Waldemar Kraft und Hermann Schäfer mussten ersatzlos gehen, denn sie waren für den neu gefügten Koalitionsproporz als Vertreter des Vertriebenenflügels der CDU und der FDP-Abspaltung FVP nicht mehr nötig. Der zur selben (kurzlebigen) Partei gehörende Justizminister Fritz Neumayer, mit 72 Jahren nach Adenauer das älteste Kabinettsmitglied, hatte sich schon länger den Unwillen des Kanzlers zugezogen. Trotzdem weigerte er sich standhaft zurückzutreten, formal: selbst ein Entlassungsgesuch zu verfassen. So wurde er der erste Bundesminister, der gegen seinen erklärten Willen das Amt verlor – derlei kam nur noch zwei weitere Male vor. In die Zukunft gerichtet war an dieser Umbildung der Ministerriege ohnehin nur eine Personalie: Der glücklose erste Verteidigungsminister Theodor Blank (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article241789469/Theodor-Blank-Wie-der-erste-Verteidigungsminister-scheiterte.html) wurde durch den erst 41-jährigen CSU-Politiker und bisherigen Atomminister Franz Josef Strauß ersetzt. Er sollte durch seinen Aufstieg von einem Ministeramt der zweiten Reihe in eines der fünf wichtigsten Ämter gewissermaßen neue Energie in die Regierungsarbeit einbringen. Äußerer Anlass für Blanks Entlassung war, dass sein Ministerium den zugesagten Aufbau der Bundeswehr (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article148751699/Mit-diesem-Waffen-Schrott-startete-die-Bundeswehr.html) nicht umzusetzen vermochte: Bis Ende des Jahres 1956 würden absehbar nicht 96.000 Soldaten unter Waffen stehen, wie dies der Nato zugesagt worden war, sondern nur 85.000 Mann. Weil Adenauer aber auf keinen Fall den Aufstellungsplan (500.000 aktive Soldaten bis 1958/59) riskieren wollte, brauchte er einen neuen Kopf an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Zumal mit dem laufenden Umbau von der reinen Freiwilligen- zur Wehrpflichtigenarmee mit der Einberufung der ersten Wehrdienstleistenden zum 1. April 1957 erheblicher Gegenwind zu erwarten war. Adenauer machte es seinem neuen jungen Minister sogar vergleichsweise leicht. Lapidar nämlich stellte der Kanzler fest, Bonn sei mit seinen Versprechungen für den Truppenaufbau zu weit gegangen. Das lud Strauß zwar auf, seinen Kollegen in den anderen Nato-Staaten peinliche Zugeständnisse machen zu müssen, erlaubte ihm aber zugleich einen Neustart mit Rückendeckung aus dem Palais Schaumburg (verlinkt auf https://www.wegderdemokratie.de/palais-schaumburg) , Adenauers Dienstsitz. Der neue Verteidigungsminister konnte damit auf eine realistische Politik umschalten, die nach dem Möglichen trachtet statt nach den Sternen. In Zahlen hieß dies: 300.000 Mann bis Ende 1959, davon zwei Drittel beim Heer. Statt zwölf hastig zusammengeraffter Divisionen vorerst die Hälfte, die allerdings in einem soliden Zustand. WELT analysierte: „Dieser ,New Look‘ einer vertretbaren Militärpolitik verlangt wahrscheinlich, dass die ersten Wehrpflichtigen nicht zum 1. April 1957 eingezogen werden. Vielmehr erst dann, wenn Unterkünfte bereitstehen und eine festgefügte Truppe die Rekruten auch ausbilden kann.“ Theodor Blank erwies sich übrigens im Gegensatz zu Fritz Neumayer als guter Verlierer. Auf der Fraktionssitzung um 15 Uhr, auf der Adenauer den CDU/CSU-Abgeordneten die Kabinettsumbildung bekanntgab, sagte er seinem Nachfolger „alle nur erdenkliche Unterstützung“ zu. Dafür erhielt Blank stürmischen Beifall, der ihn mit einem freundlichen Lächeln den Gang in die Villa Hammerschmidt (verlinkt auf https://www.bonn.de/bonn-erleben/aktiv-und-unterwegs/parks-und-gaerten/villa-hammerschmidt.php) zum formalen Akt der Entlassung antreten ließ. Auch Adenauer, immerhin im 81. Lebensjahr, stand auf dieser Sitzung erheblich unter Spannung: Als er den Namen von Franz Josef Strauß nennen wollte, sagte er stattdessen „Storch“, verwies also auf den ebenfalls renitenten Arbeitsminister Anton Storch (CDU). Als ihm das auffiel, entschuldigte sich der Kanzler schlagfertig: „In letzter Zeit verwechsle ich die beiden Vögel manchmal.“ Die Lacher waren ihm sicher. Franz Josef Strauß erwies sich als größtes politisches Talent seiner Generation. Zugleich belasteten sein „häufig vulkanisches Temperament“ (so sein Biograf Horst Möller (verlinkt auf https://www.ifz-muenchen.de/das-institut/mitarbeiterinnen/ea/mitarbeiter/horst-moeller) ) und seine emotionalen Ausbrüche nicht nur den politischen Gegner, sondern oft auch seine eigenen Parteifreunde bis zum Kanzler. Bestreiten konnte niemand Strauß’ überragende Intelligenz, sein enormes Wissen, seine Vielseitigkeit, seine argumentative Stärke und seine politische Durchsetzungskraft. Als Verteidigungsminister setzte er den Aufbau der Bundeswehr (fast) planmäßig durch, nachdem er die unrealistischen Versprechungen aus der Amtszeit seines Vorgängers abgeräumt hatte. Was an den bis heute allgegenwärtigen Korruptionsvorwürfen dran war, ließ sich nie wirklich klären: „In meiner Biografie (verlinkt auf https://www.piper.de/buecher/franz-josef-strauss-isbn-978-3-492-97008-2-ebook) habe ich gezeigt, dass keiner der Korruptionsvorwürfe bewiesen ist und es sich tatsächlich in der Regel um Skandalisierungen, nicht um wirkliche Skandale handelte“, urteilt Möller, der als langjähriger Direktor des renommierten Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin ein hervorragender Kenner der Materie ist. Den anhaltend schlechten Ruf des Politikers „FJS“ erklärt er einleuchtend: „Strauß hatte in den 1950er-Jahren zwei Ministerämter inne, bei denen er äußerst umstrittene Entscheidungen treffen musste, in der Atompolitik und in der Verteidigungspolitik.“ Seinerzeit griff die Kampagne „Kampf dem Atomtod“, die den militärischen Einsatz der Kernspaltung zur Abschreckung der Sowjetunion ebenso scharf ablehnte wie die friedliche Nutzung zur Energiegewinnung, zu heftigster Polemik: Die Gegner dieser Politik, für die beide niemand so sehr stand wie Strauß, wurden zu seinen persönlichen Feinden. Ein dritter Punkt kam hinzu, zunächst vor allem in informierten Kreisen, erst Jahre später in der Öffentlichkeit: Als Verteidigungsminister pflegte Strauß ab 1957 intensive Kontakte zu Israel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article158421583/Er-begann-mit-Franz-Josef-Strauss-die-Aussoehnung.html) , verhandelte die gegenseitige Lieferung von Waffen und Militärgerät. In den ausgehenden 1950er-Jahren gab es zwar noch zahlreiche Antisemiten mit nationalsozialistischer Vergangenheit, trotzdem war der Judenhass in der Öffentlichkeit weniger ausgeprägt als sieben Jahrzehnte später. Unvorstellbar, dass Adenauer ein Verhaltenspapier zum Antisemitismus zur Voraussetzung für Sondierungen mit einem potenziellen Koalitionspartner hätte machen müssen. Nach dem Verbot der NSDAP-Nachfolge-Organisation Sozialistische Reichspartei 1952 gab es, der moralischen und vielfach auch strafrechtlichen Belastung von hunderttausenden Deutschen zum Trotz, weniger öffentlich zur Schau getragenen Judenhass als heute. Außerdem machte der persönliche Hass, mit dem „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein Strauß verfolgte, zum leibhaftigen Gott-sei-bei-uns der westdeutschen Linken. Der Ausgangspunkt dieser Konfrontation war ein gemeinsamer Abend in der Hamburger Villa des Publizisten, am 9. März 1957, keine sechs Monate nach dem Wechsel ins Verteidigungsministerium. Seither überzog der „Spiegel“ als selbst ernanntes „Sturmgeschütz der Demokratie“ Strauß mit einer Skandalgeschichte nach der anderen. So brachte die Kabinettsumbildung vom 16. Oktober 1956 der Regierung Adenauer die dringend benötigte neue Energie. Der Erfolg bei der Bundestagswahl im folgenden Jahr mit der einzigen absoluten Mehrheit einer Partei sowohl der Stimmen als auch der Mandate wäre ohne das Revirement unvorstellbar. Andererseits verschärfte der Dauerstreit zwischen „Spiegel“ und Strauß die Konfrontation des linksliberalen Milieus mit der bürgerlichen Mitte. In der „Spiegel“-Affäre 1962, bei der Strauß’ Rolle übrigens deutlich kleiner war als im Heldennarrativ des Hamburger Magazins meist behauptet wird, erreichte sie ihren Höhepunkt. Sie beendete mit Verzögerung auch die Amtszeit Adenauers, der aber eigentlich schon seit seiner vierten Wahl zum Bundeskanzler 1961 auf Abruf stand. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Neben dem Nationalsozialismus und der SED-Diktatur zählt die Bundesrepublik zu seinen Themenschwerpunkten, besonders in der Ära Adenauer.