Welt 03.06.2026
08:09 Uhr

„Nagelsmann schafft sich unnötig Angriffsfläche“


In gut einer Woche wird das Auftaktspiel der Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen. Im Interview spricht Michael Ballack über das DFB-Team, Veränderungen im Fußball und wieso die WM kein Premium-Produkt mehr ist.

„Nagelsmann schafft sich unnötig Angriffsfläche“

Er selbst bestritt 98 Länderspiele und erzielte 42 Tore im Trikot der Nationalmannschaft. 2002 wurde Michael Ballack mit Deutschland Vize-Weltmeister, 2008 EM-Zweiter. Der 49-jährige ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft blickt im Gespräch auf die kommende Woche beginnende WM und das deutsche Team. Frage: Herr Ballack, am 11. Juni startet die XXL-WM (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article6a1e834a411d40cd4c74efba/zeitspiel-var-rote-karten-das-sind-die-8-neuen-regeln-bei-der-wm.html) . Was halten Sie vom neuen Format? Michael Ballack : Eine Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften hat nichts mehr mit einem Premium-Produkt zu tun. Es sollen nur die Besten gegeneinander antreten. Stattdessen sind nun kleine Länder wie Curaçao dabei, die sich normal für eine WM nie qualifiziert hätten. Wir werden jetzt einige Spiele haben, die auf keinem hohen Niveau stattfinden. Die Leistungsdiskrepanz zwischen einzelnen Ländern wird sehr groß sein. Aber so ist die Entwicklung des Fußballs, am Ende geht es ums Geld. Frage: Kann Deutschland Weltmeister werden? Ballack: Ja, natürlich. Aber wir haben einige Herausforderungen. Kai Havertz ist Gott sei Dank nach seiner langen Verletzung wieder in Form und löst das Problem auf der Mittelstürmerposition, da Nick Woltemade bei seinem Verein Newcastle United zuletzt auch nicht mehr gesetzt war. Jamal Musiala ist ein Weltklassespieler, aber noch lange nicht in Topform aufgrund seiner Verletzung. Wir haben auf den Außenverteidigerpositionen Luft nach oben, da­rum ist es wichtig, dass Joshua Kimmich rechts hinten spielt … Frage: … und nicht wie bei Bayern im Mittelfeld. Ballack: Richtig. Und wir haben keine eingespielte Mannschaft, keine sechs, sieben, acht Spieler, die unantastbar sind. Darum zählt Deutschland im Moment nicht zu den Top-Favoriten. Das heißt am Ende aber nicht, dass man chancenlos ist. Entscheidend ist, was Julian Nagelsmann aus dem Kader herausholt. Frage: Das heißt? Ballack: 2002 hatten wir auch nicht die beste Mannschaft, die Stimmung war nach dem EM-Vorrunden-Aus zwei Jahre zuvor am Tiefpunkt, in Deutschland hat keiner einen Cent auf uns gesetzt. Und dennoch erreichten wir das Finale, weil Rudi Völler ( war damals DFB-Teamchef; d. Red. ) das Optimum aus dem Kader herausholte. Frage: Florian Wirtz gilt beim Turnier in den USA, Kanada und Mexiko als einer der großen Hoffnungsträger. Zu Recht? Ballack: Ja, denn so einen Spieler hatten wir lange nicht mehr. Er hat ein richtig gutes Spielverständnis, ist physisch stark, hat sich beim FC Liverpool nach anfänglichen Problemen durchgesetzt. Und das in einer absoluten Weltklassemannschaft, weil Florian Wirtz einfach richtig gut ist. Zudem hat er in der Nationalmannschaft jetzt die Akzeptanz, die er bei der Heim-EM 2024 noch nicht so hatte. Frage: Sie sprachen die fehlende Qualität auf einzelnen Positionen an. Woran liegt das? Ballack: Wir sollten wieder vermehrt den Fokus auf einzelne Spielerprofile legen. Der Fußball hat sich nämlich systematisiert, damit meine ich vor allem die Spielweise. Den Spielern wird schon im Juniorenbereich sehr viel Taktisches vorgegeben, wie beim Pressing, damit eine Mannschaft im Ganzen funktioniert. Mit der Konsequenz: Die individuelle Ausbildung – dass Spieler auch gewisse Freiheiten haben – bleibt auf der Strecke. Das war zu meiner Zeit noch anders. Aber der Fußball hat sich in eine andere Richtung entwickelt, auch was die Intensität betrifft. Frage: Können Sie das konkretisieren? Ballack: Nehmen wir das Beispiel Mario Götze (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article6908a1493e6264ad0bd91132/eintracht-frankfurt-kann-es-nicht-mehr-verstecken-mario-goetze-ueber-seine-haar-transplantation.html) . Er war einer der besten Fußballer, die wir hatten. Er besitzt ein unglaubliches Spielverständnis. Aber die Physis des Spiels hatte immer mehr zugenommen. Hinzu kommt diese systematisierte Spielweise – beides hat ihn eingeholt. Die Individualisten, die für besondere Aktionen stehen, bleiben oft auf der Strecke. Es sei denn, sie heißen Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Grundsätzlich aber ist festzustellen: Der Effekt ohne Ball während eines Spiels ist viel größer geworden. Heute musst du als Spieler von den körperlichen Voraussetzungen auch fast schon ein Leichtathlet sein. Frage: Wie sehen Sie Julian Nagelsmann (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/julian-nagelsmann/) ? Ballack: Julian Nagelsmann ist ein Top-Fachmann, der total überzeugt von sich ist. Er wirkt sehr offen und ehrlich. Aber er erklärt meines Erachtens manchmal zu viel in der Öffentlichkeit und schafft sich dadurch unnötig Angriffsfläche. Frage: Kein gutes Bild gab er in der Causa Manuel Neuer und Oliver Baumann (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/wm/article6a0f452176df9d29da591450/manuel-neuer-die-ganze-welt-haette-ueber-uns-gelacht-matthaeus-verteidigt-nagelsmann.html) ab … Ballack: Für einen Nationaltrainer ist es die Pflicht, immer die besten Spieler zu einer WM mitzunehmen. Und Manuel Neuer ist Weltmeister und der beste Torhüter, den wir jemals hatten. Darum ist seine Nominierung als Nummer 1 richtig. Aber auch in diesem Fall kommt es wieder auf die Art und Weise der Kommunikation an. Die war im Fall Manuel Neuer nicht unbedingt optimal. Jedoch trägt Manuel ebenfalls eine gewisse Mitschuld. Er hätte sich frühzeitiger positionieren können, was seine Comeback-Ambitionen betrifft. Dann hätte das Thema früher geklärt werden können. Frage: Neuer gilt ebenfalls als großer Hoffnungs­träger. Ballack: Zu Recht, das Halten hat er nicht verlernt. Die Frage ist nur: Wie oft kann er seine Leistungen kontinuierlich abrufen? Denn eine WM ist stressig, alle vier, fünf Tage steht ein Spiel an. Das ist eine große Belastung in dem Alter ( Neuer ist 40 ). Manuel ist punktuell in der Lage, Top-Leistungen wie in der Champions League gegen Real Ma­drid oder Paris abzurufen. Frage: Nagelsmann hat eine Rollenverteilung für die Spieler eingeführt. Wie finden Sie die Vorgehensweise? Ballack: Für mich macht das Sinn. Jürgen Klinsmann hat das bei der WM 2006 auch so gemacht. David Odonkor etwa wusste, dass er nur als Joker für besondere Situationen aufgrund seiner Schnelligkeit gefragt war. Als Trainer brauche ich einen Konkurrenzkampf in der Mannschaft, aber auch interne Ruhe. Darum ist es wichtig, dass jeder Spieler weiß, wo er steht. Frage: Bei den vergangenen zwei WM-Turnieren scheiterte Deutschland in der Vorrunde, bei der EM 2021 und 2024 im Achtelfinale sowie im Viertelfinale. Was bedeutet ein frühes WM-Aus für Nagelsmann, dessen Vertrag der DFB im Januar 2025 bis 2028 verlängerte? Ballack: Die Kritik wäre dann groß. Aber was ich mich frage: Warum verlängert der DFB überhaupt so früh mit ihm? Ich bin der Meinung, dass ein Nationaltrainer immer einen Zweijahresvertrag bekommen sollte und daran gemessen wird, wie erfolgreich er bei einem Turnier ist. Das ist die Prüfung – und nicht eine erfolgreiche Qualifikation für eine WM oder EM. Frage: Im DFB‑Aufgebot steht auch Bayerns Senkrechtstarter Lennart Karl, den Sie als Berater betreuen. Waren Sie über die Nominierung überrascht? Ballack: Nein, ich bin ja von ihm überzeugt. Dennoch, und so ehrlich muss man sein: Wie schnell für Lennart alles gelaufen ist bei Bayern und in der Nationalmannschaft, das war vor einem Jahr nicht zu erwarten. Denn Lennart wurde im Februar erst 18 Jahre alt. Frage: Welche Rolle kann er bei der WM spielen? Ballack: Ich traue ihm eine gute Rolle zu. Er ist ein Offensivspieler, der aufgrund seiner Spielweise einen wichtigen Impact mitbringt. Und er spielte ein Jahr beim FC Bayern auf einem ganz hohen Niveau, machte bereits 39 Pflichtspiele, erzielte neun Treffer, gab acht Torvorlagen. Und eines darf man nicht vergessen: Er hat einen Michael Olise vor sich, den wahrscheinlich im Moment besten Spieler im Weltfußball auf der Position. Frage: Der wohl beste Mittelstürmer ist zurzeit Harry Kane. Sollten die Bayern seinen 2027 auslaufenden Vertrag vorzeitig langfristig verlängern? Ballack: Der Klub wird sich genau überlegen, wie lange er mit Harry Kane verlängern möchte. Denn er wird im Sommer 33 Jahre alt. Ich hatte ebenfalls das Thema am Ende meiner Karriere beim FC Chelsea. Ich wollte 2010 einen Zweijahresvertrag, mir wurde ein Einjahresvertrag angeboten. Ich lehnte ab, ging. Frage: Stichwort England: Führt Trainer Thomas Tuchel die „Three Lions“ zum WM-Titelgewinn? Ballack: England hat super Spieler. Dennoch haben sie mich nicht überzeugt in den Partien unter Thomas Tuchel. Hinzu kommt ein großer Nachteil: die lange Saison in England, die daraus resultierende Müdigkeit bei den Spielern. Was nicht zu unterschätzen ist: Der Anspruch und Druck einer ganzen Nation ist immens. Das habe ich während meiner Zeit in England wahrgenommen, dass viele Spieler damit nicht gut umgehen konnten und bei Chelsea befreiter spielten als in der Nationalmannschaft. Frage: Wer wird Weltmeister? Ballack: Ich sehe Frankreich als heißesten Anwärter. Der Kader hat eine unglaublich hohe Qualität. Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/) „Bild“ (verlinkt auf https://www.bild.de/sport/startseite/sport/sport-home-15479124.bild.html) , „Sport Bild“ (verlinkt auf https://sportbild.bild.de/) ) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.