Es war ein Satz, der im Ballsaal des Shangri-La-Hotels in Singapur für einen Moment die Klimaanlage übertönte. Die Ära, in der die Vereinigten Staaten die Verteidigung wohlhabender Nationen subventionierten, sei vorbei, erklärte Pete Hegseth vor (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a1e8d534270395c56b7f47f/friedrich-merz-wir-muessen-die-sehr-deutschen-reflexe-hinter-uns-lassen-sagt-der-kanzler.html) den versammelten Verteidigungsministern Asiens. Amerika brauche „Partner, keine Protektorate“, und ein Bündnis tauge nur dann etwas, wenn jeder Beteiligte auch etwas zu verlieren habe. Wer glaube, weiterhin auf Kosten des amerikanischen Steuerzahlers mitfahren zu können, so der amerikanische Kriegsminister, dem sage er, dass diese Tage vorüber seien. Bemerkenswert war dabei vor allem, was er nicht sagte. Denn Taiwan (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/taiwan-politik/) , der gefährlichste Brennpunkt der gesamten Region, kam in seiner Rede am vergangenen Samstag kein einziges Mal vor. Asien steckt offenbar, genau wie Europa, in der Nato-Falle: Washington fordert von seinen asiatischen Partnern mehr Eigenverantwortung und zieht sich Schritt für Schritt zurück. Und das zu einem heiklen Zeitpunkt, da Taiwan enorm unter Druck steht und US-Präsident Donald Trump (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/donald-trump/) ein amerikanisches Waffenpaket auf Eis gelegt hat. Die Mischung aus Härte und Auslassung war das Thema des diesjährigen Shangri-La-Dialogs in Singapur, dem wichtigsten sicherheitspolitischen Treffen Asiens. Nur zwei Wochen nach dem Gipfel zwischen Trump und Xi Jinping in Peking (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/peking/) fügten sich in Singapur drei Bewegungen zu einem Bild zusammen. Hegseth droht, Trump kuschelt Erstens gibt Amerika seine Rolle als selbstverständlicher Beschützer Stück für Stück auf, zweitens rüstet Japan (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/japan-politik/) unter amerikanischem Druck auf und verteidigt sich zugleich gegen den chinesischen Vorwurf eines neuen Militarismus. Und drittens demonstriert China seine Stärke ausgerechnet durch Abwesenheit – der chinesische Verteidigungsminister nahm nicht teil. Hegseths Auftritt war kalkuliert. Wo er im Vorjahr noch von einer womöglich „unmittelbar bevorstehenden“ Bedrohung durch China gesprochen hatte, nannte er die Position der USA dieses Mal „stark, leise und klar“. Amerika verteidige weiterhin seine Position im Pazifik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/pazifik/) und setze auf eine Abschreckung entlang der ersten Inselkette, jener Linie von Japan über Taiwan bis zu den Philippinen, an der ein chinesischer Vormarsch gestoppt werden soll. „Vorbildlichen Partnern“ stellte er beschleunigte Waffenlieferungen und eine engere Rüstungskooperation in Aussicht, allen anderen drohte er mit der neuen Linie des Pentagons (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/pentagon/) im Pazifik. Gegenüber China schlug Hegseth einen härteren Ton an als Trump wenige Wochen zuvor beim Treffen mit Xi in Peking. Dort hatten sich die beiden mächtigsten Männer der Welt auf eine „konstruktive Beziehung strategischer Stabilität“ geeinigt. In der Sache brachte das Treffen nach Einschätzung amerikanischer wie asiatischer Beobachter wenig Konkretes, abgesehen von einer chinesischen Zusage zum Kauf von zweihundert Boeing-Maschinen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/boeing/) . Beunruhigende Nachricht für Taiwan Xi stellte klar, dass er US-Waffenverkäufe an Taiwan kategorisch ablehnt, während Trump sich überschwänglich über China äußerte. Auf dem Rückflug erklärte der US-Präsident, man habe „ausführlich“ über Taiwan gesprochen, künftige Waffenlieferungen lägen vorerst auf Eis, und seine Entscheidung „hänge von China ab“. Für Taipeh (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/taipeh/) ist genau das die beunruhigende Nachricht, denn damit wird die Sicherheit der Insel zur Verhandlungsmasse zwischen Washington und Peking. Wie sehr, das zeigt das Schicksal des Waffenpakets selbst. Schon im Januar angekündigt, umfasst es Patriot-Abwehrraketen, das Flugabwehrsystem Nasams und F-16-Kampfjets der neuesten Bauart und wäre damit das größte Rüstungsgeschäft, das die USA Taiwan je gewährt haben. Der amtierende US-Marineminister Hung Cao bestätigte vor dem Senat, dass die Lieferung „pausiert“, um genügend Munition für den amerikanischen Krieg gegen den Iran (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/iran-politik/) vorzuhalten. Für Taiwan summieren sich die Verzögerungen, denn schon Ende vergangenen Jahres warteten amerikanische Rüstungsgüter im Wert von mehr als einundzwanzig Milliarden Dollar auf ihre Auslieferung. Dass der Aufschub gerade jetzt so schwer wiegt, hat mit dem Druck zu tun, unter dem die Insel steht. Peking betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als abtrünnige Provinz und behält sich militärische Mittel vor. In seiner Neujahrsansprache hatte Xi Jinping die „Wiedervereinigung des Mutterlandes“ einen „unaufhaltsamen“ Lauf der Zeit genannt – nur einen Tag, nachdem die Volksbefreiungsarmee mit „ Justice Mission 2025 (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/militaermanoever/) “, dem flächenmäßig größten Manöver, das China je rund um Taiwan abhielt, eine Seeblockade geprobt hatte. Ernste Sorge für Japan Amerikanische Geheimdienste gehen davon aus, dass Xi seine Streitkräfte angewiesen hat, bis 2027 zu einem Angriff fähig zu sein, wobei dieses Datum nach gängiger Lesart eher die militärische Bereitschaft markiert als einen beschlossenen Einmarsch. Während Washington seine Zusagen relativiert, fällt Japan, dessen westlichste Insel nur rund 110 Kilometer von Taiwan entfernt liegt, eine neue Rolle zu. Pekings Vorwurf, Tokio betreibe einen „neuen Militarismus“, wies der japanische Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi am Sonntag scharf zurück: Es gebe da ein Land mit einem gewaltigen Arsenal an Atomwaffen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/atomwaffen/) und strategischen Bombern, Japan besitze nichts dergleichen und werde trotzdem als Militarist gebrandmarkt. China baue sein Militär bei begrenzter Transparenz rasch aus, das sei „eine ernste Sorge für Japan und die internationale Gemeinschaft zugleich“. Zugleich hielt Koizumi die Tür ausdrücklich offen und betonte, der Dialog mit China bleibe notwendig. China macht jedoch deutlich, wie wenig es an einem solchen Dialog interessiert ist. Zum zweiten Mal in Folge schickte China keinen Verteidigungsminister zum Shangri-La-Dialog, sondern nur eine Delegation unter einem General der Verteidigungsuniversität der Volksbefreiungsarmee. Ein Treffen zwischen Koizumi und seinem chinesischen Amtskollegen Dong Jun kam nicht zustande. Diese Abwesenheit ist kein Zufall, sondern Methode, denn wer fernbleibt, muss sich keiner kritischen Nachfrage stellen und erkennt die Regeln dieses Formats erkennbar nicht als die seinen an. Die Vorwürfe Hegseths in Singapur entsprechen denen gegenüber Europa. Ein Bündnis bemesse sich nicht „an der Zahl der Flaggen, sondern an der Zahl der Verbände“, spottete er, gebraucht würden „weniger Shangri-La, mehr Schiffe, mehr U-Boote (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/u-boote/) “. Von seinen Verbündeten verlangt Washington künftig Verteidigungsausgaben von dreieinhalb Prozent der Wirtschaftsleistung. Asien gerät damit in dieselbe Zwickmühle, die man in Berlin und Brüssel bereits kennt: einen mächtigen Gegner abschrecken und sein eigenes Militär aufrüsten, während die USA sich schrittweise zurückziehen und ihre Garantien an immer neue Bedingungen knüpfen. Für die Region ist das ein riskanter Drahtseilakt. Japan rüstet auf und wird dafür aus Peking als Militarist beschimpft, Taiwan hofft auf Waffen und wird dadurch zum Faustpfand Xis gegenüber Trump. Und die kleineren Staaten Südostasiens müssen klären, wie viel Schutz Amerika ihnen überhaupt noch zusichert. Hegseth präsentiert die neue Haltung der USA in der Region als Strategie, um ein stabiles Kräftegleichgewicht zu erreichen. Sichtbar ist bislang aber vor allem, dass Washington zu weniger Garantien bereit ist und dafür mehr einfordert. Die Frage ist, ob daraus jene Balance erwächst, die er beschwört, oder eine gefährliche Lücke, in die China vorstößt. Christina zur Nedden (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/christina-zur-nedden/) ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.