Mindestens 249 Stimmen: So viele (westdeutsche) Mitglieder des Bundestages musste Helmut Kohl (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254299704/CDU-Spendenaffaere-Der-Vorgang-hatte-Folgen-die-Deutschland-erschuetterten.html) (1930–2017) für sich gewinnen, um sein Lebensziel zu erreichen und Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden. 249 Stimmen – das war die absolute Mehrheit der insgesamt 497 Abgeordneten mit vollem Stimmrecht, denn die zusätzlichen 22 Abgeordneten aus West-Berlin durften zwar mitstimmen, wurden aber aus Rücksicht auf Vorbehalte der westlichen Partner separat gezählt. Wie viele Abgeordnete der FDP würden dem Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253733692/Prag-1989-Als-Hans-Dietrich-Genscher-zum-Helden-einer-Generation-wurde.html) (1927–2016) folgen und für einen Koalitionswechsel hin zur CDU/CSU stimmen? Das konnte niemand genau wissen. Mindestens zwölf müssten es sein, denn die Union hatte 237 Abgeordnete. Aber jeder mehr wäre besser. Um 15.11 Uhr an diesem Freitag, dem 1. Oktober 1982, begann Bundestagspräsident Richard Stücklen (1916–2002) die entscheidende Mitteilung: „Ich gebe das Ergebnis der Wahl bekannt. Von den voll stimmberechtigten Abgeordneten wurden insgesamt 495 Stimmen abgegeben.“ Zwei Sozialdemokraten fehlten entschuldigt, nämlich Rudolf Hauck aus Helmstedt und Manfred Schulte aus Unna, ebenso der West-Berliner Liberale Hans-Günther Hoppe, dessen Stimme aber ohnehin nicht zählte. Nach einer winzigen Atempause fuhr der CSU-Politiker Stücklen fort: „Von diesen abgegebenen Stimmen waren 495 Stimmen gültig.“ Dann folgte der entscheidende Satz, bei dem sich sogar der Parlamentspräsident, der seit 1949 dem Bundestag angehörte, kurz verhaspelte: „Mit Ja haben 256 Abgeordnete gestimmt.“ Als Reaktion hielt das stenografische Protokoll des Parlaments (verlinkt auf https://dserver.bundestag.de/btp/09/09118.pdf) fest: „Langanhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und Beifall bei der FDP. Die Abgeordneten der CDU/CSU erheben sich.“ Als Erster gratulierte der CSU-Politiker Friedrich Zimmermann dem damit gewählten neuen Bundeskanzler – er hatte aber auch weniger weit zu gehen als Helmut Schmidt (1918–2015). Der verfassungsmäßig durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgewählte bisherige Regierungschef, der (nun in der zweiten Reihe des Plenums) mit versteinertem Gesicht das erwartbare Ergebnis angehört hatte, kam gleich als Nächster zu Helmut Kohl, drückte ihm die Hand und wünschte viel Glück. SPD-Chef Willy Brandt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article241070735/Helmut-Schmidt-Werde-das-Gefuehl-nicht-los-dass-die-Schmidts-in-viele-Unfaelle-verwickelt-waren.html) (1913–1992) tat es ihm nach. „Das sind Gesten, die guttun nach diesen langen Jahren der parlamentarischen Auseinandersetzung, nach der Konfrontation auch in diesem Haus“, ordnete Ernst-Dieter Lueg, der legendäre Studioleiter des WDR in Bonn, die Szene live ein. Erst danach folgte der formal letzte Schritt – auf Stücklens Frage antwortete Kohl: „Herr Präsident, ich nehme die Wahl an.“ „Die Atmosphäre war gespannt, aber nicht so aufgeladen wie bei dem ersten Misstrauensvotum im Bundestag 1972“, kommentierte WELT-Chefredakteur Herbert Kremp (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kommentare/article206729585/Herbert-Kremp-gestorben-Ein-Mensch-in-seinem-ganzen-Widerspruch.html) auf der Titelseite: „Damals schien das Staatsschiff im Strom eines begonnenen historischen Ablaufs zu wenden, diesmal ging es um das notarielle Ende einer Epoche, die sichtlich abgeschlossen ist.“ Gut zehn Jahre zuvor hatte der damalige CDU-Chef Rainer Barzel (1924–2006) zum ersten Mal das Verfahren des konstruktiven Misstrauensvotums eingesetzt – es war und ist im Grundgesetz-Artikel 67 (verlinkt auf https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_67.html) als einzige Möglichkeit normiert, einen gewählten Bundeskanzler gegen dessen Willen abzulösen. Doch obwohl rein rechnerisch nach Übertritten mehrerer FDP‑ und eines SPD-Abgeordneten zur CDU eine Mehrheit von 249 Abgeordneten für Barzel hätte stehen müssen, erhielt er nur 247 Stimmen. Der damalige Kanzler Willy Brandt blieb im Amt. Das war, wie Kremp in seinem Seite-1-Kommentar betonte, am 1. Oktober 1982 anders. Die zuletzt bei den Bundestagswahlen 1980 bestätigte sozialliberale Koalition hatte ihre Gemeinsamkeiten aufgebraucht: In Wirtschafts- wie Sozialpolitik standen sich die Vorstellungen der beiden Parteien zunehmend unversöhnlich gegenüber. Gleichzeitig verweigerte sich der immer größere linke Flügel der SPD in Fragen der Sicherheitspolitik dem eigenen Regierungschef und seinen Überzeugungen: Bis auf wenige Ausnahmen wollte kein Sozialdemokrat mehr Helmut Schmidts (allerdings im Rückblick blendend bestätigtes) Konzept des Nato-Doppelbeschlusses (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204247742/Nato-Doppelbeschluss-So-gewann-der-Westen-den-Kalten-Krieg.html) mittragen. Kohl versprach in seiner ersten Äußerung nach der formal notwendigen Annahme der Wahl, er werde eine „Politik der Mitte“ betreiben, um die Bundesrepublik voranzubringen. Er nannte dafür mehrere Grundsätze: „Das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie“ müsse gefestigt, das Land aus der „Wirtschafts- und Sozialkrise“ befreit und die geistigen sowie moralischen Säulen erneuert werden“. Faktisch wurde daraus ein moderater Kurswechsel in der Wirtschafts- und Steuerpolitik, ein etwas deutlicherer Wechsel in der Rhetorik der Regierung – und ein bewusstes, ja demonstratives Festhalten an der Deutschland-, Außen- und Sicherheitspolitik des Kabinetts Schmidt. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Fast fünf Stunden hatte der Bundestag vor der Abstimmung debattiert. Der bisherige Kanzler nahm sein Recht in Anspruch, die Aussprache zu eröffnen. Schmidt wollte statt eines Misstrauensvotums baldmöglichst Neuwahlen, in die er als Regierungschef gehen wollte. Den traditionellen Kanzlerbonus mochten CDU/CSU ihm nicht zugestehen: Also hielt er eine Abschiedsrede. Doch als Schmidt auf die Sicherheitspolitik zu sprechen kam, „gab es dafür nur ganz schwachen Beifall einzelner sozialdemokratischer Abgeordneter“, vermerkte WELT-Reporter Georg Schröder. Auch blieb der „Beifall seiner mit dem Händeklatschen sonst so freigiebigen Fraktionskollegen“ aus bei seiner Feststellung, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, „und das heißt für neues Wirtschaftswachstum“, müsse Vorrang haben. So hatte der stürmische Beifall für Schmidt bei der SPD etwas Unehrliches. Helmut Kohl blieb die folgenden 5870 Tage Bundeskanzler, zehn Tage länger als seine Nachnachfolgerin Angela Merkel. Allerdings waren diese je 16 Jahre an der Spitze sicher für beide zu lange, denn nach acht, spätestens zehn Jahren ist jeder Regierungschef ausgebrannt. Helmut Schmidt dagegen stieg, nach etwas mehr als acht Amtsjahren, zum Kanzler der Herzen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article185765628/100-Geburtstag-Helmut-Schmidt-der-beliebteste-Bundeskanzler.html) auf. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Die Debatte und die Abstimmung am 1. Oktober 1982 verfolgte er als knapp Zwölfjähriger im Fernsehen. Seither interessiert er sich für Politik.