Welt 02.06.2026
08:38 Uhr

„Minutenlang verharrten Präsident und Kanzler barhäuptig Hand in Hand“


Am 22. September 1984 zeigten François Mitterrand und Helmut Kohl über den Gräbern von Verdun eine wichtige Geste. Doch es gab eine Geschichte hinter der Geschichte. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

„Minutenlang verharrten Präsident und Kanzler barhäuptig Hand in Hand“

Manchmal sind Streichungen in den Entwürfen offizieller Dokumente (verlinkt auf https://open.ifz-muenchen.de/entities/reihenband/a9e0caca-9634-4391-928a-e64d0458a8b0) spannender als die ausgefertigten Dokumente selbst. Klaus Holderbaum, Vortragender Legationsrat im Auswärtigen Amt und stellvertretender Leiter des unter anderem für Frankreich zuständigen Referats 202, hatte den Bericht über das Treffen von Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand in Verdun am 22. September 1984 konzipiert. Zum aufsehenerregenden Handschlag der beiden Staatsmänner vor einem in Blau-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gold gehüllten leeren Sarg schrieb Holderbaum: „Es ist müßig, darüber zu rätseln, ob die Geste spontan war oder abgesprochen und von wem sie ausging.“ Sein Vorgesetzter, Unterabteilungsleiter Hans Schauer, strich diesen Satz – so blieb in dem offiziellen Bericht für Staatssekretär Andreas Meyer-Landrut nur stehen: „Die Gedenkfeier war eindrucksvoll, die ineinander verschlungenen Hände des französischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundeskanzlers waren symbolträchtig.“ Warum diese Streichung? Wollte Schauer vermeiden, dass die Frage, wie es zu der Geste gekommen war, in Erinnerung blieb? Der Bericht selbst war zwar intern, aber darin enthaltene Sätze konnten sehr wohl durchsickern, an Verbündete oder an die Öffentlichkeit. WELT hatte die Geste der Leserschaft auf der Titelseite gezeigt und beschrieben: „Wes Hand die des anderen suchte, verrät das unbestechliche Auge der Kamera. Es war der Ältere, der die europäischen Bruderkriege noch am eigenen Leib erlebt hatte, François Mitterrand war es, der die Geste wollte – eine Geste von beeindruckender Symbolkraft, die den 22. September 1984 auf dem Douaumont in die geschichtliche Dimension hob: der deutsche Kanzler und der französische Präsident Hand in Hand vor dem Opfer der Toten beider Völker.“ Wie war es zu dem symbolträchtigen Treffen gekommen? Das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes (verlinkt auf https://archiv.diplo.de/arc-de) gibt Antwort darauf – wenn auch nicht auf das Zustandekommen der symbolischen Geste. Die 1980er-Jahre waren ein Jahrzehnt historischer Jubiläen. Das Wichtigste im Jahr 1984 war die 40. Wiederkehr des 6. Juni 1944, des Beginns der Invasion in der Normandie. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article251871658/Invasion-1944-Diese-36-Stunden-entscheiden-den-Zweiten-Weltkrieg.html) Zu diesem Jahrestag hatte der seit 1981 amtierende Präsident Frankreichs, der an sich Sozialist war, aber zugleich durch und durch Patriot, die Staatsoberhäupter der westlichen Siegermächte eingeladen. Jedoch keinen Repräsentanten der Bundesrepublik, seit drei Jahrzehnten immerhin Partner der Französischen Republik. Mitterrand war selbst unzufrieden damit, den Bundeskanzler nicht in die Normandie eingeladen zu haben. Das Zusammentreffen der damaligen drei Alliierten bringe ihn „in eine echte Verlegenheit“. Das Zusammentreffen sei etwas beleidigend; auch fürchte er, dass hier ein besonderer Stich in die deutsch-französische Freundschaft getan werde. Kohl sah die Chance – und ergriff sie. „Der Bundeskanzler äußert, er habe noch eine Idee für den Herbst“, hielt das deutsche Gesprächsprotokoll fest: „Könnten nicht der Präsident und er einmal beide auf einem Soldatenfriedhof auftreten? Es gebe Friedhöfe, auf denen Deutsche und Franzosen beerdigt seien.“ Mitterrand sagte spontan zu: „Wir brauchten uns der Dinge nicht zu schämen, die wir gemeinsam tun.“ Kohl antwortete, dies würde „eine große Wirkung“ haben. Schon neun Tage später sahen sich die beiden wieder, dieses Mal im Rahmen des deutsch-französischen Gipfels in Schloss Rambouillet bei Paris. Kohl hatte sich augenscheinlich vorbereitet und machte einen konkreten Vorschlag, laut Protokoll: „Ob es für den Präsidenten denkbar sei, dass Präsident und Bundeskanzler zusammen nach Verdun gingen“? Mitterrand antwortete spontan: „Ja, ohne weiteres.“ Am 12. September 1984 lud er den Kanzler offiziell ein, „zur gemeinsamen feierlichen Ehrung der Gefallenen beider Weltkriege“. Nur zehn Tage später, am 22. September, trafen sich beide Staatsmänner in Metz, flogen dann gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye, wo sie einen Kranz niederlegten, genauso wie wenige Stunden später auf dem französischen Soldatenfriedhof in Douaumont. Dann kam die Hauptsache: das Beinhaus (verlinkt auf https://www.verdun14-18.de/gebeinhaus-von-douaumont-ossuaire-de-douaumont/) , in dem die sterblichen Überreste von etwa 130.000 nicht identifizierbaren Toten gemeinsam ruhen. Der Bischof von Verdun begrüßte sie, dann spielte eine französische Militärkapelle das „Deutschlandlied“ und ein deutsches Musikkorps die „Marseillaise“. Kohl und Mitterrand standen nebeneinander, barhäuptig, wie es sich auf einem Friedhof (und nichts anderes war und ist das Schlachtfeld von Verdun) gehörte, trotz Nieselregens und nasskaltem Wind. Plötzlich streckte Mitterrand seine linke Hand aus, Kohl ergriff sie mit seiner rechten. „Minutenlang verharrten Präsident und Kanzler barhäuptig Hand in Hand vor dem Mahnmal gegen die Sinnlosigkeit des Krieges“, hielt der AA-Bericht fest. Doch war diese Geste spontan oder geplant? Darüber begannen umgehend Diskussionen. Angeblich oder tatsächlich gut informierte Kreise in Paris und Bonn streuten einander ausschließende Gerüchte. Mal sollte es sich um eine über Wochen nur mündlich abgestimmte Geste gehandelt haben, um Willy Brandts (in seiner Spontaneität ebenfalls bezweifelten) Kniefall am Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article11239703/Historischer-Moment-Das-ewige-Raetsel-um-Brandts-Kniefall-in-Warschau.html) 1970 in den Schatten zu stellen, mal um eine emotionale Initiative Mitterrands. Der Historiker Ulrich Lappenküper (verlinkt auf https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=121446239) schreibt in seinem Buch „Die enträtselte Sphinx“ über das Deutschlandbild Mitterands, es habe sich wohl nicht um einen geplanten Akt gehandelt. Vielmehr habe Mitterrands ausgeprägtes Gespür für die Bedeutung der Geschichte im Leben von Franzosen und Deutschen gewirkt, sodass er plötzlich seine Hand ausgestreckt habe, die Kohl als Zeichen der Versöhnung nahm. Auch Helmut Kohl selbst schilderte es im zweiten Band seiner (unvollendet gebliebenen) Erinnerungen an die Kanzlerzeit so. Aber das bedeutet nichts, denn wirklich nirgendwo wird mehr gelogen als in Memoiren, völlig unabhängig vom jeweiligen Autor (oder Ghostwriter (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article133020965/Im-Streit-um-die-Helmut-Kohls-Tonbaender-gibt-es-nur-Verlierer.html) ). Die gestrichene Passage in Klaus Holderbaums Entwurf deutet darauf hin, dass man im Auswärtigen Amt jede weitere Diskussion über dieses Thema vermeiden wollte. Offenbar reichte es, dass die „Neue Zürcher Zeitung“ die Gedenkfeier eine „fast krampfhaft als historisches Ereignis inszenierte Zeremonie“ genannt hatte. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Den Handschlag von Kohl und Mitterrand sah er am Abend des 22. September 1984 in den Fernsehnachrichten.