Er stand stundenlang im kalten Meer, feuerte den gestrandeten Buckelwal an, achtete darauf, dass die Baggerschaufeln dem Tier bei den Grabungsarbeiten im Sand nicht zu nahe kamen – und wurde so zum Gesicht der dramatischen Rettungsaktion in der Ostsee. Nun erhebt der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann Vorwürfe gegen einige der Beteiligten. Noch gestern stand Lehmann auf einen Boot und begleitete den Wal, der sich zuvor selbst aus seiner misslichen Lage vor Timmendorfer Strand befreit hatte (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article69c61959af187d606b814855/ostsee-wal-sucht-weg-aus-der-bucht-kuestenwache-begleitet-das-tier-dann-wird-es-wieder-gefaehrlich.html) , in Richtung Nordsee. Dann jedoch brach die Dunkelheit ein, die Schiffe mussten die Aktion abbrechen. Seit Samstagmittag steht fest: Der Wal ist erneut vor der Küste gestrandet, diesmal noch weiter östlich in der Wismarer Bucht. Viele Retter waren erneut vor Ort, darunter die Wasserschutzpolizei Mecklenburg-Vorpommern, Mitarbeiter des Deutschen Meeresmuseums, des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) sowie der Naturschutzorganisation Greenpeace. Einer fehlte diesmal: Lehmann. Stattdessen postet der Meeresbiologe Instagram-Storys (verlinkt auf https://www.instagram.com/robertmarclehmann/?hl=de) , die ihn offenbar zuhause zeigen. Er erklärt, dass er nicht freiwillig die Rettungsmission verlassen hat. In dem mehrminütigen Statement bedankt sich Lehmann zuerst bei den Einsatzkräften vor Ort. Vor allem die Baggerfahrer, die Zentimeter um Zentimeter vorsichtig den Sand in der Nähe des Säugetiers entfernt haben, hätten einen „grandiosen Job gemacht“. Auch die Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Polizei habe „wie immer“ funktioniert. Dann jedoch setzt Lehmann zur Kritik an. „Die Rettung beginnt immer hinterher, wenn der Wal frei schwimmt“, sagt Lehmann. Dann sei es extrem wichtig, den Wal zu „guiden“ und nicht zu drängen, zu stressen oder ihn zu belästigen. „Das“, so Lehmann, „hat leider nur in der Anfangsphase stattgefunden“. Er selbst habe den beteiligten Akteuren „eigentlich genau erklärt“, wie man einen Wal ins offene Gewässer geleitet. Dazu brauche es sehr viel Erfahrung. „Man muss den Wal extrem gut lesen können. Man muss Wale verstehen. Man muss verstehen, was man da tut“, so Lehmann. Nur dann sei es möglich, einen Wal auch über große Distanzen zu leiten. Doch er sei nicht eingeladen worden, seinen Plan umzusetzen. Mit einem Helfer von einer Segelschule sei er dann alleine auf ein Boot gegangen. „Ich habe den Wal von einer erneuten Strandung ferngehalten, sonst wäre er schon wieder gestrandet. Und nach dieser Aktion wurde ich aktiv von der Rettungsmission ausgeschlossen, und zwar von den Verantwortlichen vor Ort vom ITAW.“ Damit meint Lehmann das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Er sei nicht freiwillig wieder nach Hause gegangen, bekräftigt Lehmann. „Mein Team und ich waren vorbereitet auf eine wochenlange Mission. Ich hätte den Wal auch bis in den Atlantik begleitet.“ Doch nun sei der Wal erneut gestrandet – genau das, was er laut eigener Aussage den ITAW-Mitarbeitern zum Abschied prophezeit habe. „Auch mich kotzt das mega an“, macht der Meeresbiologe seinem Frust Luft. Lehmann sieht noch drei Optionen für den Wal Für den vor Wismar erneut gestrandeten Wal blieben aus seiner Sicht nur noch drei Optionen. „Eine erneute Rettungsmission von den verantwortlichen Experten oder ihn liegen und sterben lassen, der Natur ihren Lauf lassen, oder euthanasieren.“ Das Leiden des Wals könne, wenn er auf der Sandbank in der Wismarer Bucht liegen bleibt, extrem verlängert werden. „Er ist offensichtlich schwach, er ist offensichtlich krank, er hat offensichtlich noch Geisternetze im Maul“, beschreibt Lehmann den gesundheitlichen Zustand des tonnenschweren Säugetiers. „Die Möwen haben angefangen, ihn beim lebendigen Leibe aufzupicken. Er hat Windchill-Brand, er hat Sonnenbrand, er ist sicherlich dehydriert.“ Wann er das letzte Mal gefressen hat, sei völlig unklar oder ob er aufgrund der Netze in seinem Maul überhaupt fressen könne. Das Leiden des Wals könne aber trotzdem noch Wochen weiter gehen, erklärt der Meeresbiologe, doch auch ihn zu euthanasieren und ihn damit zu erlösen sei schwierig. „Bei der Euthanasie gibt es weltweit keine einzige verlässliche Methode, die zuverlässig den Wal human töten kann. Egal wie man es macht, wird es extrem leidvoll für das Tier“, sagt Lehmann. Er sei traurig angesichts des Schicksals der Wals (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article69c4e9f48f5761671715fbb8/ostsee-drama-kiel-hilft-dem-wal-ministerpraesident-guenther-sichert-unterstuetzung-zu.html) , „aber ich bin ja auch darauf eingestellt gewesen, von Anfang an, weswegen ich damit klar komme“. Viel mehr sei er wie immer über den Umgang der Menschen und der Verantwortlichen enttäuscht. „Ich finde, Walexperten tragen Neoprenanzüge und sind am Tier“, sagte Lehmann. Auch wenn er dem Wal keine großen Überlebenschancen mehr einräume, will Lehmann nach eigener Aussage die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. „Vielleicht passiert ja auch immer noch ein Wunder.“ Die Chancen dafür stünden jedoch denkbar schlecht. WELT fragte am Samstagabend beim Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung bezüglich Lehmanns Vorwürfen nach. Eine Antwort blieb bislang aus.