Am Ende wird diese Debatte doch noch stattfinden. Aber anders, als sie gedacht war: nicht in einer Bar in Hamburg-Ottensen, nicht vor Publikum, nicht als offene Diskussionsrunde in einem öffentlichen Raum. Sondern in einem TV-Studio. Ohne Live-Publikum. Was ist passiert? Das Debattenformat „Club Volantaire“ wird an diesem Freitag über eine Frage sprechen, die zu den derzeit gesellschaftlich aufgeladensten gehört: „Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band“. Eingeladen sind der Autor und Transmann Till Randolf Amelung, die Frauenrechtlerin Inge Bell, die Immunologin Ilse Jacobsen und die Biologin Marie-Luise Vollbrecht. Es soll um queerpolitische Einflüsse auf den Feminismus gehen, um biologische Geschlechtskategorien, Frauenrechte und die Grenzen gegenwärtiger Identitätspolitik. Der Club, der sich als links und liberal versteht, ist eine Art reisendes Debattenformat. Zuvor gab es Veranstaltungen in Frankfurt/Main und München – hier zu Wokeness, Migration und Polarisierung. Die Hamburger Ausgabe sollte die dritte Veranstaltung sein. Formal steht hinter dem Format der Verein für konstruktiven Sozialismus. Doch dann gab es Probleme. Die Betreiber des geplanten Veranstaltungsorts, eine Bar in Ottensen, sagten unvermittelt ab, wie Malte Clausen vom Club Volantaire Anfang der Woche erklärte. Die Lokalität stehe wegen „sozialen Drucks und wirtschaftlicher Gefährdung“ nicht mehr zur Verfügung. Er sprach von „Einschüchterung“ und davon, dass demokratische Kultur gefährdet werde, wenn feministische Diskussionen auf diese Weise behindert würden. Der Betreiber habe „sehr viele Mails bekommen, die die Veranstaltung kritisierten“. Daher habe dieser seine wirtschaftliche Existenz bedroht gesehen. Die Macher des Club Volantaire sehen darin einen Boykottversuch. Clausen sagt, viele Menschen trauten sich nicht mehr, an den Club zu vermieten, „aus Angst vor Rufschädigung oder wirtschaftlichem Schaden“. Wer genau die Proteste anführt, ist nicht vollständig klar. Der Hamburger Polizei liegen keine Anzeigen vor. Clausen sagt: Einige Aktivisten würden „ein Klima der Angst“ erzeugen, das einer vernünftigen Meinungsbildung im Weg stehe. Der Kampf für das vermeintlich richtige Bewusstsein verhindere eigenständiges Denken und kritische Weiterentwicklung. Die vier Gäste stehen für Positionen, die in Teilen queerer und transaktivistischer Milieus als rückwärtsgewandt oder transfeindlich gelten. Marie-Luise Vollbrecht wurde durch die Debatte um biologische Zweigeschlechtlichkeit und einen abgesagten Vortrag an der Humboldt-Universität bekannt. Inge Bell vertritt eine frauenrechtliche Position, die Schutzräume und Frauenrechte an biologisches Geschlecht bindet. Till Randolf Amelung kritisiert als Transmann bestimmte Formen des Transaktivismus. Ilse Jacobsen gehört zu den Naturwissenschaftlern, die in der Debatte um Geschlecht auf biologische Kategorien verweisen. Einige von ihnen waren bereits Ziel öffentlicher Kampagnen. Die Frage, die über den Hamburger Fall hinausweist, lautet: Wo endet legitimer Protest, wo beginnt die Verhinderung öffentlicher Debatte? Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp von der Universität Tübingen, der das DFG-Projekt „Die Aushandlung von Sagbarkeitsgrenzen in politischen Diskursen“ leitet, warnt vor zu einfachen Antworten. Öffentlichkeit sei niemals einfach ein offener Raum, in dem alle alles sagen könnten. Sie sei immer „kuratiert“. In Veranstaltungen, Bibliotheken, Talkshows oder Kulturorten entschieden jeweils bestimmte Akteure, wer wie zu welchen Themen sprechen könne. Dass auch aktivistische Gruppen Einfluss darauf nähmen, wer öffentlich spreche, sei deshalb zunächst kein Ausnahmefall, sagt Biskamp, sondern Teil der Öffentlichkeit selbst. Auch Streit darüber, was sagbar sei, hält Biskamp für normal. Grenzen würden nicht erst mit Absagen gezogen, sondern schon dadurch, dass bestimmte Äußerungen als sexistisch, transphob, antisemitisch oder extremistisch bezeichnet würden. Solche Aushandlungen seien ein normaler Teil demokratischer Öffentlichkeit. Zugleich sagt er: Wenn ständige Veranstaltungsabsagen am Ende dazu führten, dass alle nur noch Meinungen hörten, die ihnen gefielen, oder bestimmte Positionen gar nicht mehr artikuliert würden, wäre das schädlich. Im konkreten Fall will Biskamp nicht abschließend urteilen. Drohungen mit Gewalt seien für ihn allerdings „die entscheidende Grenze“ legitimer Kritik. Forderungen nach Absagen und Boykottaufrufe hält er „in der Regel für unangemessen und schädlich“, meist sollte es ausreichen, den eigenen Widerspruch öffentlich kenntlich zu machen. Biskamp betont aber: Bislang beobachte seine Forschung „eine stabile Pluralität der Öffentlichkeit.“ Mechanismus der Einschüchterung Sandra Kostner, Soziologin und Erste Vorsitzende des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, bewertet solche Vorgänge hingegen deutlich schärfer: Verhinderungsversuche werden für sie dann zur Gefahr für die Debattenkultur, wenn sie erfolgreich sind – also wenn tatsächlich Veranstaltungen abgesagt werden, auf denen „ideologisch missliebige Argumente“ diskutiert werden sollen. Jeder Veranstalter, der unter moralischem Furor einknicke, sagt sie, bestärke Aktivisten in ihrer Vorgehensweise und trage zum Abbau offener Debattenkultur bei. Sie sieht einen Mechanismus der Einschüchterung. Gelinge es Aktivisten, ein Thema mit einem hohen Preis für abweichende Perspektiven zu versehen, zögen sich Menschen aus öffentlichen Debatten zurück, weil ihnen dieser Preis zu hoch sei. Sollten sich solche Kräfte durchsetzen, drohe eine Aushöhlung von Meinungs-, Informations-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit. Die Grenze zwischen legitimem Protest und problematischer Verhinderung verläuft für Kostner dort, wo Protest in Gewalt, Gewaltandrohung oder in die Androhung sozialer, institutioneller oder ökonomischer Sanktionen für ideologischen Nonkonformismus umschlägt. Eine abschreckende Wirkung beobachtet Kostner bereits. Veranstaltungen zu Themen oder mit Rednern, bei denen man wisse, dass man zur Zielscheibe werde, fänden lieber hinter verschlossenen Türen statt – oder gar nicht mehr. Das Ausmaß sei schwer zu beziffern, weil nicht geplante Veranstaltungen auch nicht „gecancelt“ werden könnten. Alternativort angeboten Mitte der Woche bot sich für den Club Volantaire eine Alternative an: Die Diskussion sollte in das TV-Studio der Alsterfilm GmbH verlegt werden. Gastgeber ist der Medienunternehmer Holger Kreymeier, Betreiber des Online-Senders Massengeschmack-TV. Publikum gibt es dort nicht. Eine Aufnahme der Veranstaltung soll allerdings auf dem YouTube-Kanal des Club Volantaires ausgestrahlt werden. Kreymeier erklärte gegenüber WELT AM SONNTAG, dass er „solch eine Form von Cancel Culture“ ablehne. Der Vorgang zeige, „dass es wohl gewisse Gruppen gibt, die andere Meinungen nicht vertragen können“. Gerade beim Thema Trans seien die Fronten so verhärtet, „dass jeder kritische Gedanke dazu gleich als transphob abgeurteilt wird“. Genauso würden „eher rechte Kreise gleich am Rad“ drehen, „wenn mal irgendwo ein Mann in Frauenkleidung zu sehen ist“. Der Club Volantaire sucht jedoch den Weg zurück in die Öffentlichkeit und hat auch schon einen Partner gefunden: Künftig soll er für Debatten den großen Gemeindesaal der Petri Kirche in der Hamburger Innenstadt nutzen können. Pastor Krischan Heinemann habe erklärt, sagt Debatten-Teilnehmerin Inge Bell, dass dann vorab die Polizei informiert und für eine Einlasskontrolle gesorgt werde.