Als die Briten unter dem Codenamen „Operation Marriage“ das nördliche Rheinland und Westfalen zu einem Bundesland vereinten, ging es auch darum, einen starken Wirtschaftsraum zu schaffen. Gründer mit Ideen gab es viele. Noch im NRW-Geburtsjahr wurden erste Gewerbe und Firmen angemeldet. Wir stellen drei davon vor: ein Medienunternehmen aus Düsseldorf, einen Zulieferer für Auto, Luft- und Raumfahrt aus dem Sauerland sowie einen Raum-Ausstatter aus Ostwestfalen. Außer dem Gründungsjahr haben sie gemeinsam, dass sie alle bis heute erfolgreich sind. Anton Betz und seine „Rheinische Post“ Esther Betz hat noch vor Augen, wie es in der ersten Redaktion im zerbombten Düsseldorf aussah. Sie erinnert sich an die unbeheizten Kellerräume. An die Bretter, die sich die Mitarbeiter über ihre Knie gelegt hatten, um darauf ihre Artikel für eine Zeitung zu tippen, die vier Seiten umfasste und zweimal pro Woche erschien. „Es war ein sehr harter Neuanfang. Dazu kam ja, dass 1946 ein schreckliches Hungerjahr war.“ Am 23. August 1946 beschloss die britische Militärregierung unter dem Codenamen „Operation Marriage“ die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Basis für eine demokratische Presseberichterstattung war damals bereits gelegt. Seit wenigen Monaten durften erste Zeitungen verkauft werden, die für Demokratie und unabhängigen Journalismus standen. Eine der ersten im neuen Bundesland NRW war die „Rheinische Post“ für die Region Düsseldorf, die der damals 53 Jahre alte Anton Betz als alleiniger Geschäftsführer herausbrachte. Bis heute ist die „Rheinische Post Mediengruppe“ eines der wichtigsten Medienhäuser in Deutschland, Familie Betz gehört nach wie vor zu den Eigentümern. Als Anton Betz am 2. März 1946 die erste Ausgabe veröffentlichte, war seine älteste Tochter Esther 22 Jahre alt. Und wenn es darum geht, dass Auskunft erteilt werden soll über diese Anfangszeit, lässt es sich die 102-Jährige nicht nehmen, persönlich Rede und Antwort zu stehen. Man müsse präzise Fragen stellen, so fordert Esther Betz den Interviewer zu Beginn des Gesprächs in ihrer Düsseldorfer Wohnung auf. Denn wo sollte sie anfangen, wo aufhören? Ihre Erinnerungen sind so lebendig, so detailliert, dass sie darüber viele Stunden sprechen könnte. Anton Betz, geboren 1893, stammte aus einem katholischen Arbeiterhaushalt im saarländischen St. Ingbert. Mit 18 wurde er auf ein Gymnasium in Rosenheim geschickt. Danach folgten: Fronteinsätze im Ersten Weltkrieg, Studium von Staats- und Verwaltungsrecht, Redaktionsvolontariat bei der „Saarbrücker Landeszeitung“. Zu Beginn der 1930er-Jahre war Betz aufstrebender Geschäftsführer in der bayerischen Provinz und schließlich Verlagsdirektor einer der größten Zeitungsverlage Deutschlands, der „Münchner Neusten Nachrichten“. Dann kamen 1933 die Nationalsozialsten an die Macht. Betz wurde, nachdem er eine Zeitlang Gefängnis gesessen hatte, mit einem Berufsverbot belegt und musste Bayern innerhalb von 24 Stunden mittellos verlassen, weil er sich auf die um Neutralität bemühte Seite der Redaktion geschlagen hatte. 1937 bekam er wenigstens eine Anstellung im Anzeigen- und Vertriebsgeschäft der „Frankfurter Zeitung“, er war zuständig für Rheinland und Westfalen. So kam Betz mit Frau und drei Töchtern erst nach Essen und später nach Düsseldorf. Als der Krieg zu Ende war und die Briten nach politisch unbelasteten Zeitungsmachern suchten, stießen sie schnell auf den Namen Anton Betz. Esther Betz erinnert sich, dass ihr Vater in dieser Zeit kaum zu Hause gewesen sei, „ständig war er bei den Engländern zu Gesprächen“. Und einmal seien britische Offiziere sogar bei Ihnen in der Wohnung erschienen. Eindringlich schildert sie, was das für ihren Vater bedeutete: Der Mann, der im Ersten Weltkrieg gegen die Engländer kämpfen musste, traf sich nun mit ihnen zu Verhandlungen. „Für uns war das natürlich super.“ Nach langem Hin und Her und einer Phase, in der Betz im Auftrag der Engländer 1945 zunächst die „Rheinische Zeitung“ führte, stand die Führungsriege der freien deutschen Zeitung endlich fest: Neben Anton Betz als Hauptlizenzträger, Gründungsverleger und Geschäftsführer wurden der damalige Düsseldorfer Bürgermeister und spätere CDU-NRW-Ministerpräsident Karl Arnold, der Rechtsanwalt Erich Wenderoth und der Journalist Friedrich Vogel Lizenzträger und damit Gründer der „Rheinischen Post“. Die Erstausgabe erschien am 2. März 1946. Esther Betz erzählt, dass der entbehrungsreiche Alltag des Zeitungmachens damals für sie noch keine Option für ihren Lebensentwurf gewesen sei. Ihre Jugend hatte die 1924 Geborene beim Reichsarbeitsdienst, beim Kriegshilfsdienst in Sachsen, in Munitionsfabriken in Neu-Ulm und im württembergischen Biberach zugebracht. Bitternis und auch Sarkasmus schwingen mit, wenn sie über diese Zeit erzählt – und dabei die Dialekte ihrer Einsatzorte imitiert. Als diese Zeit vorbei war, wollte die 22-Jährige endlich studieren. In München, weit weg von der Familie, schrieb sie sich für Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften ein. Und dort, in der Ferne, konnte langsam ihre Liebe zur Zeitung des Vaters reifen. 1950 lieferte sie ihren ersten Artikel für die „Rheinische Post“. „Ich habe damals über die ersten Nachkriegspassionsspiele in Oberammergau berichtet“, erzählt sie. Dabei blieb es nicht. Kunst und Literatur waren die Themen der mittlerweile promovierten Geisteswissenschaftlerin, später berichtete sie aus Rom über das Zweite Vatikanische Konzil. 1956 wurde auch Esther Betz Herausgeberin der „Rheinischen Post“, seit 2012 ist sie deren Ehrenherausgeberin. Die Zeitung und die Redakteure seien zu ihrer Familie geworden, sagt sie. Ihr 59-jähriger Sohn, Florian Merz-Betz, ist seit 1994 ihr Nachfolger in der Familiendynastie – er fungiert als „RP“-Herausgeber, Gesellschafter und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der „Rheinischen Post Mediengruppe“. Was Sie von Anton Betz mit auf ihre eigenen Wege genommen haben? Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Offenheit und Begeisterung für guten Journalismus, antwortet Esther Betz nach einer Weile des Nachdenkens. Florian Merz-Betz, der gemeinsam mit Vertretern der anderen Gesellschaftergruppen Droste, Wenderoth und Girardet die herausfordernde Aufgabe hat, die Zeitung in ein modernes, digitales Medienunternehmen zu überführen, erinnert sich an Ferienreisen mit dem 1984 verstorbenen Großvater – und an Gespräche mit ihm. „Er hat immer gesagt, er brauche nur fünf Sachen: Käse, Bier, Butter, Brot und eine funktionierende ,Rheinische Post‘.“ Jede Form von Kommerz, Luxus und falscher Eitelkeit seien ihm fremd gewesen. „Es waren die demokratischen und christlichen Werte, die ihm das Wichtigste waren.“ Eine Maxime, die bis heute keiner Korrektur bedürfe. Josef Anstoetz bekommt zweitausend Meter Stoff geschenkt Jedes Familienunternehmen hat seine Gründungslegende. Die von JAB Anstoetz geht so: Der Prokurist einer großen Bielefelder Velourweberei beschließt nach dem Zweiten Weltkrieg, sich selbstständig zu machen. Sein früherer Chef schenkt ihm als Dankeschön für die jahrelange gute Zusammenarbeit zweitausend Meter Stoff. „Und mit diesem Stoff hat er dann am 1. Januar 1946 seine Firma gegründet“, erzählt Claus Anstoetz, einer der Großneffen des Gründers. Der Name des Unternehmens: Josef Anstoetz Bielefeld – oder kurz JAB. Die Geschäftsidee: Großhandel für Stoffe für Möbelbezüge und später Vorhänge. Der Bedarf ist nach den Zerstörungen des Krieges groß, das Unternehmen wächst rasch. Aber allzu viel wisse man nicht über die Anfänge, sagt Claus Anstoetz. Denn Josef Anstoetz verstarb bereits 1955. Er und seine ebenfalls früh verstorbene Frau waren kinderlos. Also übernahm sein aus Düsseldorf stammender Neffe Heinz Anstoetz, der bereits wenige Jahre zuvor ins Geschäft eingestiegen war. Er war damals 25 Jahre alt und hatte 27 Angestellte. Später heiratete er, das Ehepaar bekam vier Kinder. Die Söhne Ralph, Stephan und Claus stiegen später in die Geschäftsleitung ein, der Älteste ist mittlerweile operativ nicht mehr tätig, die beiden anderen sind bis heute dabei. Sie seien stolz darauf, dass man die Familiennachfolge in dieser Konstellation so gut hinbekommen habe, sagt Claus Anstoetz, 57 Jahre und der Jüngste unter den Geschwistern. Er führt das darauf zurück, dass der Vater trotz des damals üblichen patriarchalen Führungsstils nie Druck ausgeübt habe, „dass wir Kinder die Firma irgendwann übernehmen müssen“. Ihr Interesse konnte vielmehr in Ruhe reifen. „Sicherlich hat zu unserer Entscheidung beigetragen, dass wir das Unternehmen in der Familie immer als etwas Positives gesehen haben, nicht als Belastung. Zu Hause wurde meistens mit Freude darüber gesprochen.“ Die positiven Erinnerungen überwiegen also. Bis heute, so erzählt Claus Anstoetz, habe er unauslöschlich jenen Textil-Geruch in der Nase, der die Kinder umgab, wenn sie in den Firmengebäuden spielten. Die Tische, auf denen tagsüber Stoffbahnen ausgerollt wurden, benutzten sie am Wochenende zum Tischtennis. „Mit der Folge, dass wir alle heute noch recht gute Spieler sind.“ An Nachteile, Kind eines Verlegers von Möbelstoffen zu sein, kann sich Anstoetz nicht erinnern – bis auf einen: Einmal habe ihnen ihre Mutter Hosen aus Cord-Stoff genäht, der für den Bezug von Polstermöbeln gedacht war. „Doch der war schwer, wenig flexibel und alles andere als atmungsaktiv“, sagt Anstoetz. Kurzum: Es muss eine Qual gewesen sein, diese Hosen zu tragen. Die Geschichte mit dem Cord-Stoff hat allerdings einen Kern, der für die Geschichte des Unternehmens von Bedeutung ist. Denn der Stoff-Verleger Heinz Anstoetz merkte früh, dass das Unternehmen mit der nüchternen Bedarfsdeckung der Anfangsjahre nicht weit kommen würde. Also suchte er den Anschluss an die Trends der Zeit und orientierte sich daran, was in der Kleidung en vogue war. Folglich griff er auch die Cord-Mode auf und übertrug sie auf die Möbelstoffe, die er nach seinen Vorstellungen designen und fertigen ließ. „Unser Vater hatte immer ein gutes Gespür für das, was angesagt war“, sagt Claus Anstoetz. Andere Anbieter reduzierten ihre Farbpalette, um die Kosten zu drücken; Heinz Anstoetz legte eher noch ein paar Farben drauf. Und er erweiterte das Unternehmen. Schon 1956 hatte er die Bielefelder Werkstätten gegründet, um dort Möbel bauen zu lassen – die natürlich mit den JAB-Anstoetz-Stoffen bestückt wurden. Später kamen Teppiche und andere Bodenbeläge hinzu. Und während andere Firmen der deutschen Textilbranche dicht machten, expandierte er ins Ausland, um nicht von einem einzigen Markt abhängig zu sein. 1968 kam eine Niederlassung in Paris hinzu, danach Mailand und London. Sprachlich sei sein Vater zwar nicht sehr talentiert gewesen, sagt Claus Anstoetz lachend, „aber er war immer mutig“. Heute ist JAB Anstoetz in über 80 Ländern vertreten. „Und in diesem Jahr peilen wir 320 Millionen Euro Umsatz an.“ Von den weltweit 1600 Mitarbeitern sei rund die Hälfte in Ostwestfalen beschäftigt. Die Familie, vom Niederrhein stammend und mit einem mitunter überschäumenden rheinischen Gemüt ausgestattet, wie Claus Anstoetz sagt, sei fest in Ostwestfalen verwurzelt. Dieses Bekenntnis zum Standort passt geradezu bilderbuchmäßig zur ebenfalls 80-jährigen Geschichte des rheinisch-westfälischen Bundeslandes. Und als sein Vater 1998 mit 68 Jahren starb, sagt Claus Anstoetz, „hatte er die Übergabe an die nächste Generation bereits vorbereitet“. Ob es eine goldene Regel gebe, die der Vater ihnen mitgegeben habe? Nach kurzem Nachdenken antwortet Claus Anstoetz mit einem Dreisatz: „Erstens: Nicht über alles meckern und jammern, sondern einfach selber machen. Zweitens: Man muss sich selbst bewegen, um andere zu etwas zu bewegen. Und drittens: Man muss die Dinge nicht maximieren, sondern optimieren.“ Heute würde man vermutlich von Selbstwirksamkeit und Nachhaltigkeit sprechen. Wie das geht, wusste Heinz Anstoetz lange bevor es diese Begriffe gab. Carl Friedrich Schroth erfindet den Sicherheitsgurt Der Krieg war zu Ende. Carl Friedrich Schroth, ein aus Heidelberg stammender Kaufmann, der für den Bochumer Fahrzeugbauer und Automobilhändler Lueg arbeitete, war mit seiner Familie nach Arnsberg verschlagen worden – der Firmensitz im Ruhrgebiet des als kriegswichtig eingestuften Unternehmens war von den Bombenangriffen der Alliierten bedroht gewesen. Schroths Frau Hildegard, eine Schneidermeisterin, fing in dieser Zeit an, für Lueg und andere Autobauer Filterschläuche für Motoren mit Holzvergaser zu nähen. Dafür meldete sie am 12. Juni 1946 bei der britischen Militärregierung ein Gewerbe an. Dass die Verbindung von Motoren und Textilhandwerk, die Herr und Frau Schroth gewissermaßen in die Ehe einbrachten, zum Erfolgsrezept für ihre Firma werden würde, konnten sie nicht ahnen. Allerdings scheinen sie von Anfang an ein besonderes Gespür für die Bedürfnisse der Zeit gehabt zu haben. Der kleine Familienbetrieb entwickelte sich über die Jahrzehnte zum Hidden Champion, zum Spezialisten für Sicherheitssysteme im Automobil- und Rennsport sowie in der Luft- und Raumfahrt. Und auch wenn die Firma im Jahr 2006 an eine amerikanische Holding verkauft wurde, so ist sie bis heute in Arnsberg verwurzelt. 200 Menschen arbeiten dort. Und Carl-Jürgen Schroth, der inzwischen 79 Jahre alte Sohn des Gründerehepaars, ist nach wie vor eng mit dem Unternehmen verbunden. Den heutigen Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Martin Nadol hat er noch selbst eingestellt. Schroth sitzt gut gelaunt im weißen Hemd mit aufgenähtem Schroth-Logo in seinem Büro und erzählt, wie die der Sauerländer Familienbetrieb einen ersten Schub bekam. „In der Nachkriegszeit lief die Motorisierung der Menschen nicht über das Auto, sondern über das Motorrad“, erklärt er. Motorräder waren verfügbar – und sie waren vergleichsweise billig. Wer also für den Weg zur Arbeit ein Fahrzeug brauchte, kaufte sich ein Motorrad. „Und damit musste man bei jedem Wetter fahren“, so Schroth. Seine Mutter besorgte sich sogenannten Gummidoppelstoff, bei dem auf eine wasserdichte Schicht aus vulkanisiertem Material ein textiles Gewebe aufkaschiert worden war. Daraus schneiderte sie Handschuhe, Hosen, Mäntel: Regenkleidung, die man auch über Anzug und Krawatte tragen konnte. Damit sei die Grundlage für den „ersten bescheidenen Wohlstand“ der Familie geschaffen worden, erzählt Schroth. Er erinnert sich noch an die Schneidetische, an denen in den 1950er-Jahren gearbeitet wurde. Und an die Werte, die die Eltern ihm und seiner Schwester mitgegeben hätten: „Bescheiden bleiben, den Erfolg nicht nach außen tragen.“ Und er könne sich auch noch daran erinnern, wie seine Eltern nach einer ersten Erfolgsphase neue Geschäftsfelder suchten, erzählt er. Denn so wie das Auto sich zum Massenfortbewegungsmittel entwickelte, brach die Nachfrage nach Gummi-Motorradkleidung ein. Man habe in dieser Phase mit verschiedensten Produkten experimentiert. Sein Vater, der inzwischen bei Lueg aus- und ins Unternehmen seiner Frau eingestiegen war, habe eine Zeitlang Kinderwagen montiert. Später stellte man auch Kopfstützen her. Und dann war da die Sache mit den Gurten. Carl Friedrich Schroth sei passionierter Rallyefahrer gewesen, erzählt sein Sohn Carl-Jürgen: „Und es störte ihn, dass sein Beifahrer, der während der Fahrt das Streckenbuch halten musste, ständig hin und her geschleudert wurde.“ So kam er auf die Idee, den Beifahrer gewissermaßen festzubinden. Aus Rollladenband und Mantelschnallen bastelte er eine Vorrichtung, die als erster Hosenträgergurt in die Automobilgeschichte eingehen sollte. Das war im Jahr 1954, an eine Gurtpflicht aus Sicherheitsgründen dachte damals noch niemand. Doch Schroth war hartnäckig. 1956 schickte er eine „Empfehlung zur Erhöhung der Sicherheit der Fahrzeuginsassen“ ans Verkehrsministerium. Doch bis zur Anschnallpflicht auf den Vordersitzen sollten noch 20 Jahre vergehen. Schroth wich auf den Autorennsport aus – und dort erlangten sein Name und der markante gelben Schriftzug bald Kultstatus. Dass er irgendwann ins Unternehmen einsteigen würde, sei ihm schon in seiner frühen Jugend klar gewesen, erzählt Carl-Jürgen Schroth. 1971 war es dann so weit. Und als er in den 80er-Jahren die Führung vom Vater übernahm, sah man sich wieder in einer Phase, in der die Ausrichtung der Firma neu justiert werden musste. „Nach Gesprächen mit den großen deutschen Autobauern war uns bald klar, dass wir mit unserem Familienunternehmen als Zulieferer für die Massenproduktion keine Chance haben würden.“ Genau zum richtigen Zeitpunkt habe sich dann der Flugzeughersteller Airbus gemeldet: Schroth wurde 1991 zum Lieferanten von Gurten für Flugbegleiter. Die Auftragsbücher der Folgejahre lesen sich wie eine logische Fortsetzungsgeschichte: Zu den Flugzeugen kamen erst die Helikopter, dann die Raketen von SpaceX. Der Rennsport blieb als Konstante erhalten – er dient bis heute auch als eine Art Forschungslabor für alle anderen Anwendungsbereiche der Schroth Sicherheitssysteme. Ende der 1990er-Jahre habe er den Entschluss gefasst, einen Standort in den USA zu eröffnen, erzählt Carl-Jürgen Schroth. Erst hinterher habe er erfahren, dass sein Vater diesen Schritt für einen Fehler hielt. „Er sagte, dass schon all die anderen deutschen Mittelständler, die es vor uns in den USA versucht hätten, baden gegangen seien.“ Doch er ließ den Sohn machen. Und dessen Entscheidung erwies sich dann doch als richtig. Heute sind am Standort Florida fast hundert Mitarbeiter beschäftigt. Im Oktober 2006 hat Carl-Jürgen Schroth die Firma verkauft. Sein Sohn habe ihm früh klargemacht, dass für ihn ein Leben im Unternehmen nicht infrage komme, sagt er. Seine Tochter hingegen habe sich lange nicht damit abfinden können und sei heute Mitgeschäftsführerin diverser neuer, von Carl-Jürgen Schroth gegründeten Gesellschaften und Vorstandsmitglied einer von ihm gegründeten Stiftung. Natürlich sei auch ihm selbst der Verkauf nicht leichtgefallen, sagt Schroth. Doch immerhin: der Produktname Schroth ist geblieben – als weltweit anerkanntes Qualitätssiegel. Schroth selbst scheint noch immer eine innere Verbindung zu den Anfängen des Schneidereigewerbes seiner Mutter zu haben: Er fahre leidenschaftlich gerne Motorrad, sagt er. Allerdings ohne die Gummiübermäntel von damals.