Welt 24.07.2026
07:14 Uhr

„Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, ich brauche Munition!“


Russland begann 2022 seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. Seither versuchen deutsche Politiker und Prominente, Putin aus der Verantwortung für den Krieg zu entlassen. Warum ist das so? Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

„Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, ich brauche Munition!“

Die Worte, die der Präsident am 24. Februar 2022 um sechs Uhr Moskauer Zeit sprach, wiesen ihn als friedliebenden Humanisten aus. Russland werde eine „Spezial-Militäroperation“ starten, sagte Wladimir Putin; deren Ziel sei die „Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine“. Er ließ die Erläuterung folgen: „Russland muss Menschen beschützen, die Misshandlungen und einem Völkermord ausgesetzt sind.“ Die ukrainische Führung bestehe aus „Neonazis“: „Die gesamte Verantwortung für mögliches Blutvergießen liegt vollständig bei der ukrainischen Führung.“ Russland habe keine Pläne, ukrainisches Territorium zu besetzen. Wer mit freien Medien aufgewachsen ist und mit ihnen umzugehen weiß, kann diese Passagen mit wenigen Fragen als Fake News einordnen. Stimmt es, dass in der Ukraine zum Zeitpunkt der Rede ein Völkermord stattfand? Nein, dafür gibt es keinen Beleg. Bestand die ukrainische Führung aus Neonazis, und musste das Land entnazifiziert werden? Unsinn – Präsident Wolodymyr Selenskyj (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wolodymyr-selenskyj/) ging als Sieger aus einer freien Wahl hervor. Er hatte auch keine Ambitionen, das Land in einen Führerstaat umzuwandeln, in dem die rassistische Willkür einer Clique an der Spitze an die Stelle von Gewaltenteilung träte. Vergeblich sucht man auch die Vorstellung, die Jugend müsse in einer Reihe marschieren und die Wirtschaft einen Krieg vorbereiten. Wenn Russland schließlich kein ukrainisches Territorium besetzen wollte: Warum marschierte es dann ein? Doch stellen Sie sich vor, Sie hätten in den Medien seit Jahren nur Putins Sicht der Dinge beigebracht bekommen – könnten Sie ausschließen, dass Sie dem Mann glauben? Und auch heute, nach knapp viereinhalb Jahren Krieg mit Hunderttausenden toten Landsleuten, nicht davon überzeugt wären, dass die Entnazifizierung eines aggressiven Nachbarstaats ein lebensnotwendiges Ziel für Ihr Land ist? Zumal nach den historischen Erfahrungen mit Hitlerdeutschland? Eben. Es kann deshalb nicht verwundern, dass viele Russen ihrem autoritären Herrscher folgen. WELT ordnete das Geschehen auf der Titelseite am Tag nach dem Überfall gemäß der Fakten mit Worten eines großen deutschen Literaten ein. Neben und unter dem Foto einer verletzten Ukrainerin (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ukraine/) stand: „Wohin solcher Wahnsinn führt, haben wir alle gesehen, wie Kurt Tucholsky 1919 schrieb. Und doch. Nun hat der russische Präsident Putin die Ukraine angreifen lassen. Er hat seinen Krieg begonnen.“ Umso mehr verblüfft es, wie ein Teil des politischen und intellektuellen Personals der Bundesrepublik versuchte, Putin aus der Verantwortung für den Krieg zu entlassen. Und das, obwohl die Verheerungen, die der Herrscher im Kreml in Osteuropa anrichten ließ und lässt, von Beginn an offenlagen. Die Überhöhung Russlands hat in Deutschland eine lange Tradition. Hier kann sie nur kurz angerissen werden: Nach der bolschewistischen Revolution von 1917 und dem Ende des deutschen Kaiserreichs 1918 unterwarfen sich die deutschen Kommunisten ganz unverhohlen dem Kurs, den Moskau vorgab. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewirkte der Dauerbeschuss mit Parolen wie „Von den Sowjets lernen, heißt siegen lernen“ in der DDR, dass das große Brudervolk bei einem Teil der Bevölkerung tatsächlich als vorbildlich galt. In der Bundesrepublik suchten vor allem Persönlichkeiten aus der SPD wie Egon Bahr und später Gerhard Schröder die Nähe zu den Herrschern in Moskau. Ging es um die Gefahr aus Russland, so wiegelte in den Jahren vor dem Überfall auf die Ukraine ein CSU-Politiker wie Edmund Stoiber genauso ab wie Schröder oder Sahra Wagenknecht, die damals noch zur Linkspartei gehörte. Zur Erinnerung: Bereits 2014 hatte sich Putin mit der Krim einen Teil der Ukraine einverleibt. Aus der neu gegründeten AfD gab es keine Kritik daran – und dass der rechte Rand Sympathien für Putin hegte, zeigten die Pegida-Diskussionen in Dresden, deren Teilnehmer den Kremlherren feierten. Vor dem Angriff 2022 positionierte sich Sahra Wagenknecht am deutlichsten auf der Seite des Mannes im Kreml. Noch vier Tage vor dem Einmarsch sagte sie in einer Talkshow der ARD: „Russland hat faktisch kein Interesse daran, in die Ukraine einzumarschieren. Natürlich nicht. Wir können heilfroh sein, dass Putin nicht so ist, wie er dargestellt wird, nämlich ein durchgeknallter russischer Nationalist, der sich daran berauscht, Grenzen zu verschieben.“ Nach dem Überfall weigerte sich Gerhard Schröder, seinen Freund Wladimir öffentlich als Kriegstreiber zu bezeichnen. Einflussreiche Sozialdemokraten wie Rolf Mützenich und Ralf Stegner forderten Gespräche mit Russland und bezeichneten erhöhte Rüstungsausgaben der Nato-Staaten als „irrational“. Direkt nach dem Angriff wogen die 25 Intellektuellen besonders schwer, die einen Offenen Brief an Kanzler Olaf Scholz (SPD) verfassten; unter ihnen befanden sich Namen wie die Schriftstellerin Juli Zeh und der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Sie riefen zum Stopp aller Waffenlieferungen in die Ukraine auf, verbunden mit einem auszuhandelnden sofortigen Waffenstillstand. Die Initiatorin Alice Schwarzer ließ im Fernsehen und bei „Bild“ Kritiker des Dokuments wissen, die weltpolitische Lage sei speziell nach der atomaren Drohung des Kremls „zu ernst“, um sie mit „Pseudoempathie zuzukleistern“, die ihrer Ansicht nach aus Waffenlieferungen sprach. Richard David Precht schrieb im „Stern“, wer Waffenlieferungen befürworte, betreibe eine Eskalation des Konflikts. Alle diese Leute übersahen, bewusst oder nicht, was auch Politiker quer durch die Parteien leugnen, die sofortigen Frieden forderten: Solange Russland seine Kriegsziele nicht aufgibt, liefe ein Waffenstillstand auf eine Unterwerfung der Ukraine hinaus – und dies umso schneller, wenn sich die Ukraine aufgrund fehlender Waffen nicht mehr verteidigen kann. Kurz nach dem Überfall auf sein Land boten die USA Präsident Selenskyj an, seine Heimat zu verlassen. Er antwortete: „Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, ich brauche Munition!“ Im Gegensatz zu allen Ausführungen seines russischen Gegenübers fasste der Satz die Lage präzise zusammen. Passiert war etwas Einfaches: Ein autoritär geführtes Land hatte einen Nachbarstaat überfallen, der sich auf dem Weg befand, zu einer liberalen Demokratie zu werden. Wladimir Putin (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wladimir-putin/) braucht aus Deutschland vor allem Relativierungen seiner Lügen und Taten. Wolodymyr Selenskyj braucht aus Deutschland Munition. Immer noch. Am Vormittag des Angriffs auf die Ukraine redigierte Philip Cassier (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/philip-cassier/) drei historische Texte über das Land. Am Nachmittag interviewte er den CEO einer Schweizer Uhren-Manufaktur. Am Abend fand er keinen Schlaf.