Um der immer drückender werdenden materiellen Überlegenheit der Alliierten ab 1943 etwas entgegenzustellen, setzte die NS-Führung auf Innovation und Qualität. Deutsche Ingenieurskunst werde leisten, was den Soldaten an der Front des Zweiten Weltkriegs kaum mehr gelang, oder, wie es Rüstungsminister Albert Speer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article165100739/Albert-Speer-Der-erfolgreichste-Manipulator-des-Dritten-Reiches.html) im Juni 1943 in einer Rede im Berliner Sportpalast formulierte: Die größere Zahl feindlicher Waffen solle durch „bessere Qualität nicht nur ausgeglichen, sondern besiegt werden.“ Ein Ergebnis dieser Vision war der Panzerkampfwagen VIII, der das Gegenteil von dem war, was sein Beiname signalisierte: „Maus“, auch „Mäuschen“ genannt, wurde mit 188 Tonnen der schwerste Panzer des Zweiten Weltkriegs – und eine der wenigen letzten utopischen „Wunderwaffen“ des Dritten Reiches, von denen tatsächlich einige Exemplare die Werkshallen verließen. Die Sonderausstellung „ Wunderwaffen. Propaganda und Kriegstechnik im Nationalsozialismus“, (verlinkt auf https://www.mhmbw.de/ausstellungen/wunderwaffen) die bis zum 9. März 2027 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen ist, zeichnet die Karriere dieses Monstrums nach. Sie begann bereits im Frühjahr 1942. Im Jahr zuvor war die Wehrmacht bei ihrem Überfall auf die Sowjetunion mit dem T 34 konfrontiert worden, der sich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article156844134/Zweiter-Weltkrieg-Der-T-34-Panzer-traf-die-Wehrmacht-wie-ein-Monster.html) allen deutschen Typen als überlegen erwies. Nach den schweren Rückschlägen im Winterkrieg setzte die hektische Entwicklung neuer Panzermodelle ein, in die sich auch der „Technikfreak“ Hitler maßgeblich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6901d8833e11285c65f0ce49/drittes-reich-aus-der-luft-sollten-diese-fotos-als-vorlagen-fuer-den-wiederaufbau-nach-dem-bombenkrieg-dienen.html) einmischte: „Ich stelle mir vor, dass ein solcher Panzer wie ein Schlachtschiff im Verband operiert, begleitet von kleineren Panzern, die vorausfahren oder als Begleitfahrzeuge mitfahren und ihn gegen Minen oder Angriffe aus der Luft sichern. Die vorhandene Feuerkraft wird ausreichen, um jeden Widerstand zu brechen“, zitiert der Historiker Markus Pöhlmann (verlinkt auf https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-ueber-uns-ueberblick/zmsbw-mitarbeiter-poehlmann-vita-5409060) in seiner grundlegenden Studie „ Der Panzer und die Mechanisierung des Krieges (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article199269972/Blitzkrieg-1939-So-kaempften-polnische-Reiter-gegen-deutsche-Panzer.html) “ (2016) aus einem Gespräch, das der Diktator im Juni 1942 mit Ferdinand Porsche (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article127895964/Technikgeschichte-Porsche-baute-Hitlers-KdF-Auto-und-Riesenpanzer.html) führte. Obwohl alle Kräfte in der Panzerrüstung auf die Serienreife der neuen mittleren und schweren Typen V („Panther“) und VI („Tiger“) konzentriert (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article117530985/Wunder-Panzer-Fuer-Kursk-setzte-Hitler-auf-Tiger-und-Panther.html) waren, erhielten Porsche und Krupp im März 1942 den Auftrag für dieses „Schlachtschiff“. Vor allem Porsche verwendete einige Energie auf dessen Entwicklung, nachdem er mit seinem Konzept für den „Tiger“ vom Konkurrenten Henschel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article232784305/Zweiter-Weltkrieg-Wie-Ferdinand-Porsche-das-Rennen-um-den-Tiger-Panzer-verlor.html) ausgestochen worden war. Möglicherweise wollte Hitler seinen „Lieblings-Konstrukteur“ für diese Niederlage entschädigen, schreibt Pöhlmann. Überhaupt wirft die Karriere der „Maus“ ein Licht auf die polykratischen Strukturen des Dritten Reiches. So sperrten sich sowohl Speer als auch der Generalinspekteur der Panzertruppen Heinz Guderian (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article114957679/Akteure-Heinz-Guderian-war-Hitlers-Marschall-Vorwaerts.html) nicht gegen das monströse Projekt, weil „sie glaubten, das Entwicklungsinteresse Hitlers hier auf ein technisch raffiniertes und bei aller Problematik knapper Ressourcen letztlich nicht kriegsentscheidendes Steckenpferd kanalisieren zu können“, schreibt Pöhlmann. Als in irgendeiner Weise entscheidend erwies sich die „Maus“ allerdings nicht, zumal im Rahmen des „Adolf-Hitler-Panzerprogramms“ Anfang 1943 der Großproduktion von erprobten Typen wie dem Panzerkampfwagen IV und dem Sturmgeschütz III (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article123565459/Sturmgeschuetze-das-letzte-Aufgebot-der-Wehrmacht.html) sowie von neuen Modellen wie „Panther“ und „Tiger“ Priorität eingeräumt wurde. Durch den Bombenangriff auf die Krupp-Werke in Essen im August 1943 wurde die Entwicklung der „Maus“ darüber hinaus zurückgeworfen. Da kaum auf standardisierte Bauteile zurückgegriffen werden konnte, erzwangen zahlreiche Probleme Neuentwicklungen. Abstruse „Ideen“ Hitlers kamen hinzu, was umfangreiche Umbauten erforderte. „Vorrangige Rüstung“, so Pöhlmann, „sah sicherlich anders aus.“ Die beiden Prototypen, die auf speziell konstruierten Eisenbahnwaggons schließlich nach Stationen in mehreren Fabriken zwischen Meppen und Böblingen Ende 1944 die Heeresversuchsstelle in Kummersdorf bei Berlin erreichten, wogen stolze 188 Tonnen. Daher mussten die Züge um Tunnel und Brücken umgeleitet werden. Nur ein Exemplar war einigermaßen vollständig ausgerüstet, das andere trug einen Belastungskörper. Die Panzerung maß zwischen 200 Millimetern an der Front und 80 bis 180 Millimetern an den Seiten. Die Bewaffnung bestand aus einer 12,8-, einer 7,5-Zentimeter-Kanone und einem MG. Eine Nebelwurfanlage sowie eine automatische Feuerlöschanlage, die den Motorraum mit Kohlensäuregas fluten konnte, sollten für den Schutz der sechsköpfigen Besatzung sorgen. Die Tauchfähigkeit von acht Metern mithilfe eines Schnorchels sollte der „Maus“ das Überqueren von Gewässern ermöglichen, ohne Brücken zum Einsturz zu bringen. Wie beim Jagdpanzer „Ferdinand“, der aus seinem abgelehnten „Tiger“-Entwurf entwickelt worden war, hatte Porsche ein zwar innovatives, aber kompliziertes benzin-elektrisches Triebwerk vorgesehen, in dem ein V-12-Flugmotor mit 1200 PS auf zwei Elektromotoren einwirkte, die wiederum zwei Kettenräder antrieben. Das brachte die 3,67 Meter breite und 3,63 Meter hohe „Maus“ auf eine Spitzengeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde, im Gelände blieben davon nur etwa zwölf Kilometer übrig. Weil dafür auf 100 Kilometern fast 4000 Liter Benzin nötig waren, wurde der zweite Prototyp mit einem Diesel-Aggregat ausgestattet, in deutschen Panzern bis zuletzt eine Seltenheit. Die Modelle und Zeichnungen in der Dresdner Ausstellung zeigen, dass die Ingenieure – anders als bei der Suche nach technischen Lösungen – bei der Formgebung keinerlei Ambitionen an den Tag gelegt hatten. Bei der „Maus“ folgte „die Form in besonders brutaler Weise der Funktion – und die war die eines mehr oder weniger fahrbaren Bunkers mit zwei Kanonen“, urteilt Pöhlmann. Ein militärischer Nutzen erschloss sich nicht mehr, zumal der Krieg längst auf Reichsgebiet tobte. Dort hätte schon der Anmarsch der „Maus“ eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Da die Alliierten den Luftraum beherrschten, wäre der Panzer außerdem ein leichtes Opfer von Jagdbombern geworden. Taktisch war schon der „Tiger“ überholt gewesen, als er 1943 auf den Schlachtfeldern erschien. Denn seine Konzeption als „Durchbruchspanzer“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article135843307/Der-Mythos-vom-ueberlegenen-Tiger-Panzer.html) war angesichts der sowjetischen Offensiven nicht mehr gefragt. Stattdessen erwiesen sich in großer Zahl zu montierende, kostengünstige Kampfwagen mit großem Geschützkaliber – aber ohne aufwendigen Turm – als leistungsstarke Waffen in der Defensive. Nicht umsonst wurde das Sturmgeschütz III mit rund 10.000 Exemplaren zum meistgebauten Vollkettenfahrzeug der Wehrmacht. Daher hatte Speer zum einen die Produktion auf wenige Panzertypen konzentriert, von denen Sturmgeschütze und Jagdpanzer wie der „Jagdtiger“ (der 74 Tonnen wog und dieselbe Kanone wie die „Maus“ führte) am effizientesten wirkten. Zum anderen machten die begrenzten Mittel, die zudem mehr und mehr von alliierten Bombenangriffen reduziert wurden, nicht einmal ansatzweise eine Serie von 150 „Mäuschen“ vorstellbar, die ursprünglich avisiert worden war. Selbst von den verschiedenen Versionen des „Tigers“ wurden nur knapp 2000 Exemplare produziert. So reihte sich die „Maus“ in die legendenumwobene Liste der „Wunderwaffen“ ein, mit denen Hitler bereits in einer Rede im September 1942 die Kampfbereitschaft seiner Volksgemeinschaft propagandistisch zu heben versucht hatte: „Bisher jedenfalls sind wir jedes Jahr mit Waffen angetreten, die dem Gegner überlegen gewesen sind. Das wird auch in Zukunft so sein.“ Für die beiden „Maus“-Prototypen gab es keine Zukunft. Ein Exemplar wurde 1945 am Sitz des Oberkommandos der Wehrmacht in Wünsdorf bei Zossen von deutschen Soldaten gesprengt. Das andere, noch mit Belastungskörper ausgestattet, fiel sowjetischen Truppen in Kummersdorf in die Hände. Fachleute der Roten Armee setzten den Wünsdorfer Turm auf die Kummersdorfer Wanne und unterzogen das Fahrzeug einer eingehenden Prüfung. Heute steht die ausgeweidete Hülle im Panzermuseum Kubinka bei Moskau. „ Wunderwaffen. Propaganda und Kriegstechnik im Nationalsozialismus (verlinkt auf https://www.mhmbw.de/ausstellungen/wunderwaffen) “, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden, bis 9. März 2027 Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Epoche der Weltkriege zu seinem Arbeitsgebiet.