Welt 03.06.2026
11:32 Uhr

Große Mehrheit der Schulleiter beklagt fehlende Unterstützung durch Politik


Motiviert, aber schwer belastet: Mehr als 40 Prozent der deutschen Schulleiter erwägen, ihre Führungsaufgaben abzugeben. Das liegt auch daran, weil sie sich von Bildungsministerien und Schulbehörden unzureichend unterstützt fühlen.

Große Mehrheit der Schulleiter beklagt fehlende Unterstützung durch Politik

Neigen Schulleiter zur Selbstausbeutung, weil sie ihren Beruf so lieben? Der Gedanke könnte bei der Lektüre des jüngsten Schulleitungsmonitors im Auftrag der Wübben-Stiftung durchaus aufkommen. Denn die repräsentative Befragung von 1357 Schulleitern zeichnet in einem Punkt ein sehr klares Bild. Die überwiegende Mehrheit empfindet die Arbeit als erfüllend und sinnstiftend. Entsprechend hoch ist das berufliche Engagement – und damit einhergehend die Arbeitsbelastung. Alle drei bis vier Jahre befragt die Stiftung eine repräsentative Stichprobe von Schulleitern zu unterschiedlichen Bereichen ihrer Tätigkeit. Die empfundene Arbeitsbelastung ist dabei eine der regelmäßig gestellten Fragen. Knapp mehr als die Hälfte der Schulleiter (50,6 Prozent) gibt ihre Arbeitszeit in einer durchschnittlichen Schulwoche mit 41 bis 50 Stunden an, 43 Prozent arbeiten mehr als 50 Stunden – auch weil die Mehrheit von ihnen neben der Leitungsfunktion auch weiterhin in eine eigene Unterrichtstätigkeit eingebunden ist. Noch größer ist die Arbeitsbelastung an Schulen in herausfordernder Lage. Dort arbeiten die Schulleiter mit durchschnittlich 54,2 Wochenstunden noch mehr als ihre Kollegen in anderen Lagen (52,1 Stunden). Trotzdem reicht der Einsatz offenbar nicht aus, denn 86 Prozent stimmen „voll“ oder „eher“ zu, zu wenig Zeit zu haben, um die täglichen Aufgaben zu erledigen. Knapp die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, Aufgaben auch bei vollem Einsatz nur unzureichend erfüllen zu können. Ein knappes Fünftel berichtet daher von Burn-out-Symptomen (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/plus69f5b2d06fe2dee7bfb1056f/resilienz-der-trugschluss-hinter-der-krisenbewaeltigung.html) wie Konzentrationsschwierigkeiten, ungewollten Überreaktionen oder Motivationsproblemen. 45,5 Prozent fühlen sich „geistig erschöpft“. Insgesamt ist die wahrgenommene Arbeitsbelastung seit 2019 kontinuierlich gestiegen und die Arbeitszufriedenheit leicht gesunken. „Diesen Trend gilt es dringend umzukehren“, sagt Studienleiter Pierre Tulowitzki. „Es ist wichtig, Schulleitungen zu entlasten und in ihrer Führungsrolle zu stärken, denn sie tragen maßgeblich dazu bei, dass Schulen erfolgreich sind und Kindern bestmögliche Chancen auf Bildung bieten.“ Die hohe Belastung bedeutet aber nicht, dass der Großteil der Schulleiter nicht hoch engagiert bei der Sache wäre: 91,2 Prozent sagen, dass sie „ausgesprochen froh“ sind, gerade an ihrer Schule zu arbeiten. 81,6 Prozent haben „richtig Freude“ an ihrer Arbeit, drei Viertel aller Befragten fühlen sich den Angaben zufolge von ihrer Arbeit „inspiriert“. „Wenn ich ein Kind in seiner Entwicklung begleiten und sehen kann, wie es sich entfaltet und integriert, ist das einfach extrem sinnstiftend“, sagt etwa Cornelia Franz, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Ebersteinstraße in Gelsenkirchen. „Ich habe eine große Arbeitszufriedenheit, weil ich sehen kann, dass das, was ich tue, wirkt.“ Auch das Vertrauen in die Mitarbeiter ist groß. Weit mehr als 90 Prozent geben an, dass ihr Team im Großen und Ganzen kompetent sei und sich für die Zukunft der Schule einsetze. Die überragende Mehrheit von 94 Prozent der Schulleitungen stimmt zudem „eher“ oder „voll“ zu, dass sie an ihrer Schule auch Probleme und schwierige Themen offen ansprechen können. Auch die Innovationsbereitschaft ist hoch. Und trotz der höheren Arbeitszeit und häufig komplexeren Anforderungen an Schulen in herausfordernder Lage liegen die durchschnittlichen Zufriedenheitswerte der Schulleiter dort auf einem vergleichbaren Niveau wie die ihrer Kollegen in privilegierterer Lage. Sind Schulleiter also offensichtlich ganz besonders leidensfähig? Nicht unbedingt, darauf weisen die Antworten zu möglichen Wechselabsichten hin. 17,6 Prozent denken viel darüber nach, die Schulleitung abzugeben. 9,5 Prozent sind bereits aktiv auf der Suche nach einer Alternative, weitere 11,5 Prozent zumindest „teils-teils“. Nach den Wechselabsichten befragt, geben 65 Prozent als Motiv eine zu hohe Arbeitsbelastung und das Gefühl der Überforderung an – auch durch die kontinuierliche Zunahme an Erwartungen und zusätzlichen Aufgaben bei gleichzeitig unzureichenden zeitlichen Ressourcen. Ein Gefühl, das sich auch negativ auf das Privatleben und das psychische Wohlbefinden auswirke. „Die hohe Sinnstiftung, die der Beruf mit sich bringt, kann einen auch dazu verführen, in die Überlastung hineinzugehen“, sagt Studienleiter Tulowitzki. Sinnvoll wäre es daher aus seiner Sicht, pädagogische Leitung und Verwaltungsleitung einer Schule zu trennen. 44 Prozent der Wechselwilligen geben an, mit den Inhalten ihrer Tätigkeit unzufrieden zu sein. Vor allem die viele Bürokratie und der hohe Verwaltungsaufwand nerven viele Schulleiter. Einige der Befragten bezeichneten die Verwaltungstätigkeiten als „sinnlos“ oder als „Zeitfresser“, ohne erkennbaren Nutzen für die Schüler. Von ihrem Kollegium fühlen sich die Schulleiter hingegen stark getragen. Mehr als 90 Prozent sind demnach „sehr“ oder „eher“ zufrieden mit der Unterstützung der Schulgemeinschaft, nur ein knappes Zehntel ist unzufrieden. Mit der Unterstützung der Schulaufsicht sind bereits 37,5 Prozent unzufrieden, mit der des Schulträgers sind es mit 46,4 Prozent noch deutlich mehr. Am wenigsten unterstützt fühlen sich die Schulleiter von der Politik: Mehr als 80 Prozent sind mit der Unterstützung des zuständigen Ministeriums oder der Schulbehörde „sehr“ oder „eher“ unzufrieden. Gefragt wurden die Schulleiter auch danach, ob sie Daten aus standardisierten Leistungserhebungen, externen Evaluationen wie Schulinspektionen, amtlichen Schulstatistiken oder Unterrichtsbeobachtungen aktiv in ihre Arbeit einfließen ließen, wie es die Kultusminister jetzt verstärkt fordern. Das ist grundsätzlich der Fall: So stimmen 77,6 Prozent der Befragten „sehr“ oder „eher“ zu, sich intensiv mit Daten ihrer Schule auseinanderzusetzen. Auch institutionell ist die Datennutzung an vielen Schulen bereits verankert. Allerdings schätzen viele Schulleitungen ihre Kompetenz, ihre Schule auf Basis von Daten verändern zu können, eher mittelmäßig oder gering ein. „Es ist ein gutes Signal, dass die Mehrheit der Schulleitungen in Deutschland bereits datengestützt arbeitet“, kommentierte Markus Warnke, Geschäftsführer der Wübben-Stiftung. Gleichzeitig zeige die Studie aber, dass die Kultur der Datennutzung an jeder dritten Schule noch nicht ausreichend verankert sei. „Das muss sich zum Wohl der Schülerinnen und Schüler ändern“, fordert Warnke. „Denn wenn Daten systematisch und an klaren Zielen orientiert genutzt werden, können sie den Unterricht verbessern und Schülerinnen und Schüler wirksamer unterstützen.“ Zur Methodik: Für den „Schulleitungsmonitor Deutschland“ wurden im Auftrag der Wübben-Stiftung 1357 Schulleitungen aus allen allgemeinbildenden Schulformen in ganz Deutschland befragt. Durchgeführt wurde die Studie von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg, der Universität Konstanz und der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Sabine Menkens (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sabine-menkens/) berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.