Welt 04.07.2026
01:51 Uhr

Geplante Attestpflicht stößt in Umfrage auf Ablehnung – Hausärzte sprechen von „Katastrophe“


Die von Schwarz-Rot geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen stoßen weiter auf breite Kritik – unter anderem vom Verband der Hausärzte. Eine YouGov-Umfrage offenbart mehrheitliche Ablehnung der Deutschen. Ein Ökonom glaubt nicht an einen spürbaren Effekt.

Geplante Attestpflicht stößt in Umfrage auf Ablehnung – Hausärzte sprechen von „Katastrophe“

Der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet nicht, dass die von Union und SPD geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen den Krankenstand in Deutschland spürbar senken. Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne stattdessen zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen. „Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären“, warnt Graeber. Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht. Analysen auf Basis von Daten der Krankenkasse Barmer gäben keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen. Der Anteil der Telefon- oder Video-Krankschreibungen habe bei lediglich etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen gelegen, sagte er. Wichtiger seien andere Faktoren wie die seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) vollständigere Erfassung von Krankmeldungen, starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen. So hätten 2024 Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausgemacht hätten. Häufig gehe es dabei um Muskel-Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Hier würde gesundheitliche Prävention mehr helfen, so Graeber. Umfrage: Deutsche lehnen Attestpflicht mehrheitlich ab Auch in der Bevölkerung stoßen die Koalitionspläne einer YouGov-Umfrage zufolge eher auf Ablehnung. Demnach sind 59 Prozent der Befragten gegen eine Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag, 31 Prozent begrüßen sie. Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Erkrankungen lehnen 58 Prozent ab, 33 Prozent befürworten sie. Für die repräsentative Umfrage wurden 6200 Erwachsene in Deutschland befragt. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband forderte ein strengeres Vorgehen gegen Anbieter von Videosprechstunden statt die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Die Bundesvorsitzende des Verbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, sagte der „Rheinischen Post“, die geplanten Änderungen seien „reine Symbolpolitik“ und würden weder den Krankenstand senken noch Missbrauch verhindern. Ginge es wirklich darum, Betrug zu bekämpfen, müsse man den „Wildwuchs“ bei Videosprechstunden-Anbietern begrenzen, die teils aggressiv mit schnellen Krankschreibungen werben. „Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen. Dort ist Betrug Tür und Tor geöffnet und nicht in unseren Praxen!“, so Buhlinger-Göpfarth. Die telefonische Krankschreibung berge dagegen nicht mehr Missbrauchspotenzial als ein Praxisbesuch, da sie daran gebunden sei, dass die Praxis die Patienten kenne. Der Bundesvorsitzende des Verbandes, Markus Blumenthal-Beier, sagte zu den Plänen von Schwarz-Rot den Funke-Zeitungen: „Für unsere Praxen ist das eine Katastrophe.“ Sollten Beschäftigte künftig bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigen, müssten die Praxen „mit Millionen zusätzlichen Patientinnen und Patienten rechnen“. Darunter würden vor allem schwer und chronisch Kranke leiden, weil weniger Zeit für ihre Behandlung bleibe. DGB: Pläne führen „in die Überlastung aller Arztpraxen“ Kritik kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die AU-Pflicht ab dem ersten Tag könne Präsentismus fördern – also Arbeiten trotz Krankheit. Dies habe negative Folgen wie weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen. Die Kombination aus Attestpflicht ab Tag eins und der Abschaffung telefonischer Krankschreibungen führe zudem „direkt in die Überlastung aller Arztpraxen im Land“, sagte Piel. Kritik spricht auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), aus. „Das Aufsuchen einer Arztpraxis ist bei vielen Krankheitsbildern eine unnötige Belastung für alle und erhöht die Ansteckungsgefahr“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstagsausgaben). Es sei mit den geplanten Regeln zu befürchten, dass sich „künftig noch mehr Arbeitnehmende krank zur Arbeit schleppen, nicht genesen und letztendlich aufgrund langwieriger Verläufe mehr Krankheitstage aufweisen“, sagte Schwartze. Er forderte die Politik auf, digitale und telemedizinische Angebote weiter ausbauen. Union und SPD (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/spd/) hatten sich im Koalitionsausschuss darauf verständigt, Beschäftigte grundsätzlich bereits ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verpflichten. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden. Beide Vorhaben sollen im Gesetzgebungsverfahren noch konkret ausgestaltet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Verschärfung damit begründet, die Zahl der Krankentage in Deutschland sei zu hoch. Man könne sich mit „exorbitanten“ Krankenständen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/krankenstand/) nicht abfinden.