Welt 05.06.2026
07:22 Uhr

„Für das zerrissene Berlin, für die Deutschen in Ost und West, ist heute ein großer Tag“


Nach John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner“-Ansprache ist es die zweite Rede eines US-Präsidenten in Berlin, die noch heute jeder kennt: 1987 rief Ronald Reagan: „Mr. Gorbatchev, tear down this wall!“ Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

„Für das zerrissene Berlin, für die Deutschen in Ost und West, ist heute ein großer Tag“

Wer um die Mitte der 1980er-Jahre als Westdeutscher eine linke Identität und sich in seinen Gewissheiten eingerichtet hatte, der trug stolz zwei Urteile vor sich her. Erstens stand fest: Bundeskanzler Helmut Kohl taugte nur zur Witzfigur. Zweitens war unverrückbar: „Die Amis“ regierte mit Ronald Reagan ein Präsident, der es aus guten Gründen als Schauspieler nicht in die erste Riege Hollywoods geschafft hatte. Noch dazu war er von dem Wahn besessen, die Sowjets totzurüsten und so den Eisernen Vorhang einzureißen. Entsprechend deftig war das rhetorische Material, das man gegen den Mann auffuhr. Seinen Höhepunkt hatte diese Sicht der Dinge am 12. Juni 1987. Da stand Ronald Reagan (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ronald-reagan/) vor dem Brandenburger Tor, das von der Berliner Mauer halb verdeckt war, und hatte die Dreistigkeit, seinen Widersacher im Moskauer Kreml aufzufordern, die Mauer, das Symbol der Trennung, niederreißen zu lassen: „Mr. Gorbatchev, open this gate. Mr. Gorbatchev – Mr. Gorbatchev, tear down this wall!“ Mehr Wunschdenken ging für viele Linke nicht: Als ob die mächtigen Sowjets den Osten Europas hergeben würden, nur weil das – so die linke Lesart – der beknackte Baseballcowboy im Weißen Haus wollte; dass man im Westen gern den Komfort genoss, den die deutsche Zweistaatlichkeit garantierte, kam erschwerend hinzu. WELT hatte ein exklusives Vorab-Interview mit dem US‑Präsidenten, das die Rede in Teilen vorwegnahm – und selbstverständlich hielt das konservative Blatt auch bei der Kommentierung gegen. Manfred Schell schrieb: „Für das zerrissene Berlin, für die Deutschen in Ost und West, ist heute ein großer Tag. Der amerikanische Präsident, der mit der Ehre und der Macht seiner Nation für die Freiheit und die Sicherheit eines Teils der leidgeprüften Stadt bürgt, wird vom Brandenburger Tor aus seine Botschaft der Freiheit an die Welt vortragen.“ Die Klischees, die seine Gegner sich zurechtgelegt hatten, gingen auf Reagans Anfänge als Präsident zurück. Da wagte jemand fünf Jahre nach dem schändlichen Ende des Vietnamkriegs, patriotische Gefühle mit dem Versprechen eines „Neuen Sonnenaufgangs in Amerika“ zu wecken. Als Reagan dann im Amt war, senkte er nicht nur die Steuern für Wohlhabende, sondern deregulierte die Wirtschaft. Vor allem aber fing er augenblicklich an, den Russen zu verdeutlichen, dass sie beim Tempo nicht mithalten konnten, mit dem die USA ihre nuklearen und konventionellen Waffenarsenale vergrößerten. Ins geteilte Berlin kam der Amerikaner, als sich seine Präsidentschaft dem Ende zuneigte. Doch für ihn war das kein Grund, seine Grundsätze infrage zu stellen. In dem Bewusstsein, nach John F. Kennedys (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/john-f-kennedy/) „Ich bin ein Berliner“-Ansprache aus dem Jahr 1963 maximal die zweitberühmteste Rede halten zu können, stellte sich der Republikaner zu Beginn in die Tradition seines demokratischen Amtsvorgängers. Es folgte ein politischer Rundumschlag, der heute, nach knapp vier Jahrzehnten, noch immer durch seine Klarheit besticht. Im Mittelpunkt von Reagans Ausführungen stand das Verhältnis der USA und der UdSSR. Nirgends waren die Folgen der Trennung Europas so konkret zu sehen wie in Berlin, deshalb hatte Reagan entschieden, auch auf das militärische Kräfteverhältnis der beiden Supermächte einzugehen. Er begann mit einem Rekurs in die frühen 80er-Jahre: Damals hatten die Sowjets massenhaft Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen in Europa stationiert. Die Antwort des Westens war der Nato-Doppelbeschluss, der nach sich zog, dass amerikanische Raketen aufgestellt wurden. In der Bundesrepublik war dies hoch umstritten gewesen. Dass Kanzler Helmut Schmidt (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/helmut-schmidt/) in seiner SPD massiv an Rückhalt verlor, hatte auch den Grund, dass er den Beschluss befürwortete. Der US-Präsident ließ vor dem Brandenburger Tor keinen Zweifel: In Moskau mochte mit Michail Gorbatschow (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/michail-gorbatschow/) ein Reformer im Kreml herrschen, aber die Vereinigten Staaten würden beim Thema Rüstung nicht nachgeben. Und auch, dass zwischen Moskau und Washington mehr gesprochen werde, ändere nichts an der Tatsache, dass die USA und die UdSSR einander nicht misstrauten, weil sie viele Waffen hätten: „Wir haben Waffen, weil wir uns misstrauen.“ Die Botschaft war simpel: Die USA rücken von ihrem Kurs nicht ab. Ebenso klar markierte Reagan den Punkt, dass im Westen politisch und wirtschaftlich Freiheit herrsche, während die Sowjets ein System der Unterdrückung etabliert hätten. Kritiker warfen dem Präsidenten aufgrund dieser schroffen Entgegensetzung stets Schwarz/Weiß-Denken vor. Doch im Osten existierte nun einmal weder Meinungs- noch Versammlungsfreiheit, es gab keine unabhängige Justiz, und die Menschenrechte galten nicht; für ein falsches Wort drohten die Qualen politischer Haft. Aus allem, was der Mann im Weißen Haus sagte, sprach die Überzeugung, dass Menschen, die politische Freiheiten genießen, ihr Potenzial am besten ausschöpfen. Das immer wieder und ohne jedes Wenn und Aber auszudrücken, gehört zu den größten Verdiensten Ronald Reagans. Zum Ende seiner Rede brachte er noch die Idee ins Spiel, Berlin, das gerade 750 Jahre seines Bestehens feierte, solle sich um die Olympischen Spiele bewerben, und sei es als geteilte Stadt. Seine abschließenden Worte widmete der Amerikaner denjenigen, die gegen ihn demonstrierten. Sie sollten sich fragen, ob sie dazu das Recht hätten, wenn sie in einem Staat lebten, der die Regierungsform habe, die ihnen vorschwebe. Es war ein Argument, das Anhänger autoritärer Systeme nicht überzeugend kontern können. Doch wie dem auch sei: Gut zwei Jahre nach der Rede fiel die Mauer, Deutschland vereinigte sich rasch, die Sowjetunion verlor ihre Satellitenstaaten, Europa war frei. Es wäre unfair, Reagan vorzuhalten, dass er die Probleme nicht kommen sah, die diese Freiheit mit sich brachte. Viele, die den US-Präsidenten kritisiert hatten, sahen das ein. Manche empfanden sogar Dankbarkeit, die bis in die Gegenwart anhält. Betrachtet man das Gebaren des heutigen Mannes im Weißen Haus, wirken Ronald Reagans Worte jedenfalls wie aus einer fernen Epoche. Von Ronald Reagans Rede erfuhr Philip Cassier (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/philip-cassier/) im Fernsehen. Mit seinen 13 Jahren fühlte er sich dem US-Präsidenten politisch überlegen, weil der ja nichts von Deutschland verstand. Heute ist ihm das äußerst peinlich.