Welt 17.10.2026
10:21 Uhr

Er wollte sich ein Auto kaufen – und verkaufte Deutschlands größten Filmschatz


350 Fotos auf 100 Blättern, ein Geschenk der Crew an F. W. Murnau: Das Album zu „Faust“ galt als verschollen, überstand Bombennächte und ein halbes Jahrhundert auf einem Berliner Schrank. Zu sehen ist es jetzt in Paris – eine deutsche Geschichte für sich.

Er wollte sich ein Auto kaufen – und verkaufte Deutschlands größten Filmschatz

Frühjahr 1925 : Die Ufa (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/bayern/article180076716/Jubilaeum-der-Ufa-Eine-lebendige-Schau-aus-100-Jahren-deutscher-Filmgeschichte.html) , die größte deutsche Filmgesellschaft, plant die teuerste deutsche Produktion aller Zeiten (zwei Millionen Reichsmark): eine Verfilmung von „Faust“, der deutschesten aller Geschichten des berühmtesten deutschen Dichters (J.W. von Goethe) durch den begabtesten deutschen Regisseur (F.W. Murnau) und den mächtigsten deutschen Produzenten (Erich Pommer) mit dem größten deutschen Filmstar (Emil Jannings) als Mephisto. Doch wer soll das Gretchen spielen? Die Ufa denkt schon global, an Weltstars aus Hollywood wie Lilian Gish oder Mary Pickford oder Greta Garbo. Deutschnationale Kreise sind entsetzt. Das deutscheste aller Fräuleins, eine Amerikanerin?! Im letzten Moment entscheidet sich Murnau für eine Anfängerin namens Camilla Horn. Die Konservativen werden zusätzlich beruhigt, indem man bei Gerhart Hauptmann, dem berühmtesten lebenden deutschen Dichter, die Zwischentitel bestellt. Hauptmann erhält dafür 40.000 Reichsmark, noch nie hat er für so wenig Arbeit so viel Geld bekommen. September 1925 : Beginn der Dreharbeiten in den Berliner Tempelhof-Studios. 24. März 1926 : Ende des Drehs. Der Szenenbildner Robert Herlth schenkt Murnau ein Sammelalbum, das auf 100 großformatigen Blättern die Produktionsgeschichte des Films in 350 Fotos von Architekturskizzen, Dreharbeiten und Standbildern dokumentiert. Eine Seite ist beispielsweise den verschiedenen Mephisto-Masken gewidmet; auf anderen stellen mit Gasmasken geschützte Arbeiter die aus Watte und Asbestfasern genähten Wolkenimitationen für den – damals revolutionär gefilmten – Weltflug auf dem Set. 23. Juni 1926 : Friedrich Wilhelm Murnau besteigt in Bremen den Ozeandampfer Columbus und kommt acht Tage später in New York an. Hollywood hat ihn eingekauft, so wie es bis heute die größten Talente weltweit einkauft. Das Album, „Faust-Bibel“ genannt, lässt Murnau zu Hause, in der Douglasstraße 22 im Berliner Grunewald. 10. September 1926 : Murnau beginnt in Los Angeles mit den Dreharbeiten zu „Sunrise“. Bei der allerersten Oscar-Verleihung zwei Jahre später wird „Sunrise“ drei Auszeichnungen gewinnen. 14. Oktober 1926 : Uraufführung von „Faust“ im Ufa-Palast am Berliner Zoo. Der Regisseur ist abwesend. Der Blockbuster spielt seine Kosten nicht ein und wird im nächsten Jahr als teuerster deutscher Film von „Metropolis“ abgelöst, der mehr als fünf Millionen kostet und die Ufa fast ruiniert. 11. März 1931 : Friedrich Wilhelm Murnau verunglückt auf einer Küstenstraße westlich von Los Angeles tödlich, als sein Wagen eine zehn Meter tiefe Böschung hinabstürzt. Er wird auf dem Südwestkirchhof nahe Berlin beigesetzt. Im Juli 2015 wird die Familiengruft aufgebrochen und Murnaus einbalsamierter Kopf geraubt. Friedrich Wilhelms Bruder Bernhard versammelt den Nachlass im Berliner Wohnhaus der Mutter. 1942 : Da die englischen Bombenangriffe auf Berlin zunehmen, lagert Bernhard den Nachlass zur Sicherheit in einem Bunker in der Charlottenburger Droysenstraße 15 ein. November 1943 : Der Häuserkomplex Droysenstraße wird in einem Luftangriff der Royal Air Force zerbombt. Bei den Löscharbeitern des Großfeuers verschütten Wassermassen den Bunker. März 1961 : Die West-Berliner Akademie der Künste organisiert eine Murnau-Woche. Es ist der erste Versuch, sich dem durch die Nazis toxisch gewordenen deutschen Filmerbe (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/kino/plus203931582/Reichsfilmarchiv-Im-geheimen-Filmarchiv-der-Nazis.html) zu nähern; man wird das in den folgenden Jahrzehnten vor allem über Auswanderer tun, die Deutschland vor 1933 aus Karrieregründen verlassen hatten (Lubitsch, Murnau, Sternberg, Dietrich) oder aus politischen ab 1933 (Wilder, Lang, Ophüls, Veidt). Die Akademie-Ausstellung wird von der Cinémathèque française mit Kopien und Archivalien unterstützt. Deren Sammlungsleiterin heißt Lotte Eisner, ist 1933 nach Frankreich emigriert und hat die Kinemathek mitbegründet. April 1961 : Ein Objekt von Eisners Begierde ist die „Faust-Bibel“. Sie bittet Engelbert von Mallinckrodt, einen freien Mitarbeiter der Akademie, sich um deren Verbleib zu kümmern. Im Mai antwortet Mallinckrodt, er sei in dem früheren Haus von Murnau im Grunewald gewesen: „Es lebt aber kein Mensch mehr dort, der eine Ahnung vom verbliebenen Material hat. Nur ein Hausmeister des Hauses nebenan, der Murnau sehr gut kannte, sagte mir, dass bis jetzt die meisten Leute, die in Murnaus Haus einzogen, kurze Zeit darauf starben, Selbstmord begingen oder spurlos verschwunden sind. Aber wer weiß, vielleicht taucht doch noch einmal irgendwo etwas auf.“ Das ist, freundlich gesagt, eine Nebelkerze. Ein halbes Jahrhundert später kommt heraus, dass Mallinckrodt das Stück von Eisners Begierde bereits am 3. März 1961 von einem gewissen Rolf Conscienze gekauft hatte, einer schillernden Figur im Nachkriegs-Berlin, der an der Havel die „Roco Hacienda“ betrieb, tagsüber ein beliebtes Ausflugsziel, nachts ein Halbweltlokal, ausgestattet im marokkanischen Stil, angeblich mit alten Filmkulissen. Bis heute weiß niemand, wie die „Bibel“ zu Conscienze kam. Mallinckrodt jedenfalls nimmt sie mit in seine Wohnung, die er mit einem Bekannten namens Ludwig Mangoldt (Name von der Redaktion geändert) in Moabit gemietet hat. Kurz darauf, so Werner Sudendorf, langjähriger Sammlungsleiter der Berliner Kinemathek, auf seiner Webseite, „verliebte er sich Hals über Kopf, verließ die gemeinsame Wohnung und ward nicht mehr gesehen.“ Bei Mangoldt liegt das Album die nächsten 53 Jahre, in grobem Papier verpackt, auf einem Schrank. 2013 : Mangoldt erkennt, dass etwas Wertvolles auf dem Schrank lagert und gibt die „Bibel“ zur Auktion. Das Mindestgebot liegt bei nur 7000 Euro, doch steht zu befürchten, dass ein Privatsammler das begehrte Stück für ein Vielfaches erwerben wird – einen Preis jenseits der Möglichkeiten der interessierten Deutschen Kinemathek (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/kino/article199591824/Filmhistoriker-Gero-Gandert-gestorben-Auf-du-und-du-mit-Dr-Caligari.html) . Die Auktion wird mit einem juristischen Kniff verhindert. Die Erben von Murnau bestätigen, dass das Buch zum Nachlass von F.W. Murnau gehörte, sie die Bibel aber nie veräußert hätten, folglich müsse es sich um Diebesgut handeln. Ein Anwalt erwirkt im Auftrag der Kinemathek einen Tag vor der Versteigerung wegen der unklaren Provenienz eine einstweilige Verfügung. Das Auktionshaus Bassenge will einen Skandal vermeiden und zieht die „Bibel“ zurück. 2015 : Monate später bietet Mangoldt, der sich ein Auto kaufen will, die Bibel einem ausgewählten Kreis - darunter die Kinematheken aus Berlin und Paris (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/paris/) - für 20.000 Euro zum Kauf an. Allein die Cinémathèque française geht auf das Angebot ein und erwirbt den größten Fund zur deutschen Filmgeschichte (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/filmgeschichte/) seit den lange verschollenen „ Metropolis (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article2170551/Film-Verschollene-Szenen-von-Metropolis-entdeckt.html) “-Szenen für 15.000 Euro. Ein Jahr später, als das Kulturschutzgesetz in Kraft tritt, hätte die „Bibel“ – ein einzigartiges deutsches Kulturgut – nicht mehr ins Ausland verkauft werden dürfen. 2026 : Die Cinémathèque lässt die „Faust-Bibel“ aufwändig restaurieren und geht eine Partnerschaft mit dem globalen Streamingdienst Mubi ein, der sich auf eine handverlesene Auswahl von Arthaus-Filmen und Klassikern spezialisiert. Der Streamer gibt ein Faksimile der Bibel als Bildband mit ergänzenden Aufsätzen heraus: „The Faust Bible: The Making of F.W. Murnau’s Masterpiece“ ist für 85 Euro auf der Mubi-Webseite erhältlich. 17. Oktober 2026 : „The Faust Bible“ wird – drei Tage nach der 100-jährigen Wiederkehr der Premiere des Films – in der Cinémathèque vorgestellt, der restaurierte Film gezeigt. Mubi hat außerdem mehr als 80 Kinovorstellungen von „Faust“ in 15 Ländern quer über den Globus arrangiert. Und die Original-„Bibel“ wird nicht im Tresor eines anonymen Sammlers verschwinden, sondern in Frank Gehrys Cinémathèque-Gebäude in der Pariser Rue de Bercy öffentlich zu sehen sein.