Bis zu 60 Menschen. Auch wenn es kaum vorstellbar scheint: So viele Juden – Männer, Frauen und Kinder – könnten sich in dem unterirdischen Versteck verborgen haben, das jetzt bei Ausgrabungen auf dem Areal eines zweistöckigen Backsteinhauses in der südpolnischen Stadt Bedzin entdeckt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs lag es im damaligen jüdischen Getto. Seit 1918 gehörte die Industriestadt in Oberschlesien, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Kattowitz gelegen, zum wiedererstandenen Staat Polen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts blühte die Stadt auf, vor allem durch Bergbau und Stahlindustrie. In den späten 1930er-Jahren lebten hier knapp 60.000 Menschen, darunter etwa 27.000 Juden. Die Katastrophe begann am 4. September 1939. An diesem Montag besetzte die Wehrmacht Bedzin (verlinkt auf https://www.xn--jdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/a-b/357-bedzin-oberschlesien) ; Oberschlesien wurde dem Deutschen Reich angegliedert. Schon unmittelbar nach der Besetzung begannen antisemitische Übergriffe; am 8. September wurden die Synagoge und Teile des jüdischen Viertels in Brand gesetzt. In den Flammen starben Hunderte Menschen. Die Schuld wurde der Bevölkerung zugeschoben, als Vergeltung wurden 40 Menschen exekutiert. Anfang 1940 mussten alle Juden aus Bedzin (und weitere aus der Umgebung der Stadt) in ein Getto (verlinkt auf https://www.annefrank.org/de/timeline/212/ghettos-im-besetzten-polen/) umziehen – auf viel zu wenig Platz lebten hier bis zu 24.000 Menschen. In den folgenden Monaten verschleppten SS, Polizei, Wehrmacht und Zivilbehörden immer wieder Juden zur Zwangsarbeit an anderen Orten in Oberschlesien. Im Mai 1942 begannen Deportationen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article161548437/Holocaust-Gedenktag-Die-moerderischen-Zahlen-von-Auschwitz.html) , etwa 30 Kilometer südlich von Bedzin. Bis zum Sommer 1943 gingen die meisten Juden aus dem Getto so in den Tod; dort blieben fast nur noch junge Männer (und einige Frauen). Sie bildeten, das Schicksal vor Augen, dem sie sich nicht wehrlos ergeben wollten, eine Untergrundbewegung. Als die SS am 31. Juli 1943 begann, das Getto zu „räumen“, also aufzulösen und alle verbliebenen Bewohner zu ermorden oder in den Tod zu deportieren, leisteten einige Widerstand. Einige Spuren davon sind bei archäologischen Untersuchungen entdeckt worden, darunter das Versteck, ein Tunnel und ein Armband mit dem Davidstern in dem zweistöckigen Backsteinhaus. Junge Mitglieder des Widerstandes nutzten es, um sich vor den Nazis zu verstecken. „Diese Armbinde ist ein Zeitzeugnis“, sagte Karolina Jakoweńko von der Cukerman’s Gate Foundation, die die Suche organisiert hatte: „Es ist, als würde man das Böse, das Menschen anderen Menschen angetan haben, direkt berühren.“ Es zu sehen, habe sich wie ein „Schock“ angefühlt. Das Haus diente als Stützpunkt eines „Kibbuz“, womit in diesem Zusammenhang eine Widerstandsgruppe aus linksgerichteten zionistischen Jugendlichen gemeint ist. Ein Netzwerk, dessen Mitglieder sich unterstützten, um den nationalsozialistischen Rassenwahn zu überleben und den Besatzern Widerstand zu leisten. Vor der geplanten Renovierung des Daches räumten Jakoweńko und einige Mitstreiter dort auf, hoben die Dielen an, sammelten darunterliegenden Schutt in Eimern – und untersuchten alles sorgfältig. Dabei entdeckten sie ein 1934 gedrucktes jüdisches Gebetbuch und das Armband mit dem Davidstern. Das Versteck (im Jargon der Zeit „Bunker“ genannt) und den Tunnel auf dem Gelände des Backsteinhauses fanden sie schon 2025. Sie konnten sich bei der Suche auf die Erinnerungen von Überlebenden stützen. Es gibt Hinweise auf insgesamt drei „Bunker“ um das Anwesen. „Der Zugang erfolgte durch den Küchenofen“, sagte Piotr Jakoweńko und zeigte auf ein zweites Versteck unter der Küche. „Uns ist nicht bekannt, dass jemand hier überlebt hat, als die Nazis diesen Ort entdeckten. Vielleicht versteckten sich hier bis zu 60 Menschen.“ Das Haus, um das sich Jakoweńko und ihre Kollegen kümmern, ist ein wichtiger Punkt auf der Landkarte des jüdischen Widerstandes im besetzten Polen. Denn der Kampf von Juden gegen ihre Vernichtung im Warschauer Getto (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244855714/Holocaust-Das-Getto-leistet-in-heldenhafter-Weise-erbitterten-bewaffneten-Widerstand.html) im Frühjahr 1943 war nicht einzigartig. Vielmehr gab es im ganzen Land Gruppen, die sich zu wehren versuchten. „Es gibt nur wenige authentische Orte in Europa, an denen sich Juden versteckt hielten und die erhalten geblieben sind“, sagt Joanna Król-Komła vom Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Meist handelt es sich um Verstecke, die Helfer – oft später mit dem Ehrentitel „ Gerechte unter den Völkern (verlinkt auf https://www.yadvashem.org/de/righteous.html) “ der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet – benutzt haben, um Verfolgten zu helfen. „In Bedzin hingegen wurde das erhaltene Versteck von den Juden selbst organisiert.“ Als im Sommer 1943 das Getto Bedzin „geräumt“ werden sollte, hatten es Mitglieder des Widerstandes geschafft, etwa 20 Waffen hineinzuschmuggeln. Sie wussten, dass das Warschauer Getto im Mai liquidiert worden war. Die Juden in Bedzin wussten genau, dass sie keine Überlebenschance hatten. „Einige entschieden sich dafür, mit der Waffe in der Hand zu sterben“, erklärt Król-Komła. Der Widerstand ging über das Zurückschießen hinaus: „Ob man nun Bunker baute oder versuchte, ein Kind oder einen Elternteil zu verstecken – all das ist Widerstand“, betont sie. „Es muss nicht immer ein Kampf mit Waffen in der Hand sein. Die Tatsache, dass sie überleben wollten, war eine Form des Widerstandes.“ Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Polen rund 3,3 Millionen Juden – die größte jüdische Bevölkerung Europas und fast zehn Prozent aller polnischen Staatsbürger. Etwa drei Millionen von ihnen wurden im Holocaust ermordet. In Bedzin setzt man sich aktiv dafür ein, den jüdischen Teil der Geschichte zu erinnern und zu erforschen. Karolina Jakoweńko, die aus Bedzin stammt, würdigte auch die katholische Familie Maria und Józef Polak, die das Haus aus rotem Backstein in der Zwischenkriegszeit erbaut hatte. Während des gesamten Krieges lebten sie mit den Juden zusammen, spielten die Kinder miteinander, soweit es die Getto-Regeln zuließen. Nach dem Krieg entschieden sich die Polaks und ihre Erben, das Grundstück nicht einzuzäunen, sondern gewährten jüdischen und anderen Besuchern Zutritt. Schließlich willigten sie ein, das Haus an die Cukerman’s Gate Foundation (verlinkt auf https://www.bramacukermana.com/new/foundation/) zu verkaufen. Die Stiftung plant, hier ein Museum unter dem Namen „Haus der Kämpfer des Gettos von Bedzin“ einzurichten.