Die schwarz-rote Koalition hat eine Entscheidung über die umstrittene Bahn-Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover kurzfristig vertagt. Nach Informationen aus Koalitionskreisen beantragten Union und SPD, die ursprünglich für diese Woche vorgesehene Befassung im Bundestag zu verschieben. Geplant war, dass sich zunächst der Verkehrsausschuss des Bundestags am Mittwoch mit dem Projekt befasst und anschließend das Plenum am Donnerstag darüber diskutiert. Die Verschiebung sorgt für Kritik bei Befürwortern des Vorhabens. Die geplante Strecke gilt als eines der wichtigsten Schienenprojekte Deutschlands. Sie soll den stark überlasteten Korridor zwischen Hamburg und Hannover entlasten und zusätzliche Kapazitäten für Fern-, Regional- und Güterverkehr schaffen. Während Bahn- und Verkehrsverbände seit Jahren auf einen Neubau drängen, stößt das Projekt insbesondere in Teilen Niedersachsens auf Widerstand. Beschlussentwurf hatte Neubaustrecke favorisiert Besonders bemerkenswert ist die Verschiebung, weil sich die zuständigen Verkehrspolitiker der Regierungsfraktionen in einem Entwurf für eine Beschlussvorlage bereits grundsätzlich für einen Neubau statt eines Ausbaus der bestehenden Strecke ausgesprochen hatten. In der vergangenen Woche hatte es allerdings aus Koalitionskreisen geheißen, an dem Papier werde noch gearbeitet. Die nun erfolgte Vertagung nährt Spekulationen über anhaltende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Regierungsfraktionen. Für die Befürworter einer Neubaustrecke gilt die parlamentarische Befassung als entscheidender politischer Meilenstein. Eine Zustimmung des Bundestags würde den Befürwortern den Rücken für die weitere Planung stärken und den jahrelangen Streit über die Zukunft der Verbindung zwischen Hamburg und Hannover zumindest vorläufig beenden. Grüne werfen Koalition „Zaudern“ vor Scharfe Kritik kommt von der Opposition. Der Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel bezeichnete die Verbindung Hamburg–Hannover als eines der drängendsten Infrastrukturprojekte des Landes. Die bestehenden Engpässe beeinträchtigten den Bahnverkehr weit über Norddeutschland hinaus. Ohne eine Neubaustrecke werde es weder spürbare Verbesserungen im Regional- und Fernverkehr noch die gewünschte Verlagerung von Gütertransporten von der Straße auf die Schiene geben. „Die Koalition zögert, zaudert und bremst, statt endlich notwendige Infrastrukturprojekte zu beschleunigen“, erklärte Gastel. Verkehrsclub spricht von Autoritätsverlust der Koalition Noch deutlicher reagierte der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Niedersachsen. Der stellvertretende Landesvorsitzende Kay Rabe von Kühlewein äußerte Unverständnis darüber, dass die Union „auf den letzten Metern bei einem der wichtigsten deutschen Bahnprojekte zurückschreckt“. Der VCD verweist darauf, dass Pendler und Bahnreisende seit mehr als einem Jahr auf eine politische Entscheidung für eine leistungsfähigere Verbindung zwischen Hamburg und Hannover warteten. Mit dem zuletzt bekannt gewordenen Entwurf habe bereits ein Kompromiss vorgelegen, der sowohl die verkehrlichen Anforderungen einer Neubaustrecke als auch regionale Interessen berücksichtigt habe. Dass dieser Vorschlag nun erneut verhandelt werde, sei ein Zeichen für den „Autoritätsverlust in den Koalitionsfraktionen zulasten eines zukunftsfähigen Bahnverkehrs in Norddeutschland“, erklärte von Kühlewein. Die neuerliche Verzögerung werde der Verband nicht akzeptieren. Symbolfall für Deutschlands Infrastrukturpolitik Die Debatte um die Strecke Hamburg–Hannover ist längst zu einem Symbol für die Schwierigkeiten beim Ausbau der deutschen Verkehrsinfrastruktur geworden. Befürworter argumentieren, nur ein Neubau könne die nötigen Kapazitäten für den wachsenden Personen- und Güterverkehr schaffen und den überlasteten Nord-Süd-Korridor dauerhaft entflechten. Kritiker befürchten dagegen erhebliche Eingriffe in Natur und Landschaft sowie Belastungen für betroffene Regionen.