Welt 14.05.2026
10:04 Uhr

Diese Zahl offenbart die Ignoranz der EU für Draghis Rettungsplan


Der Italiener ist der Superstar unter den Zentralbankern. Politiker und Ökonomen preisen Mario Draghi, nun erhält er sogar den Karlspreis. Paradox ist: Die EU-Kommission scheint an der Umsetzung seiner Ideen trotzdem wenig interessiert zu sein. Eine Zahl ist dabei besonders aussagekräftig.

Diese Zahl offenbart die Ignoranz der EU für Draghis Rettungsplan

In einem kleinen Sitzungssaal des Europäischen Parlaments – so erzählen es Abgeordnete, die an jenem Herbstmorgen des Jahres 2024 dabei waren – verlor Mario Draghi für einen kurzen Moment seine Kühle und Distanz. Der Zustand der europäischen Wirtschaft bereite ihm „Albträume“, schimpfte Draghi der Erzählung zufolge, Brüssel sei selbstgefällig und träge und blockiere Veränderungen. Draghi, Italiener, einst Chef der Euro (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/Euro/) päischen Zentralbank (EZB), später Premier seines Landes, veröffentlichte kurz nach seinem Auftritt im Europäischen Parlament einen Bericht zur ökonomischen Lage des Kontinents. 401 Seiten voller Warnungen vor dem Verlust von Macht und Wohlstand. Die EU, schrieb Draghi, müsse Bürokratie abbauen und 800 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr in neue Technologien investieren. Das wäre weit mehr, als der Marshallplan zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg vorsah. Wenn Draghi in Brüssel auftritt, sind die Säle voll, er ist die Pop-Ikone unter den Zentralbankern, der Superstar der Technokraten, ein Mann, der Krisen nüchtern, aber entschlossen managt. Vor 14 Jahren, auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise, half er mit seinem Ausspruch „Whatever it takes“ bei der Rettung des Euro. Die EZB, hieß das damals, würde alles tun, was zum Schutz der Währung nötig ist. Heute fordert Draghi, dass Europa alles für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit tut. Am Donnerstag nun soll Draghi im Rathaus von Aachen den Karlspreis (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/karlspreis/) erhalten, eine der wichtigsten politischen Auszeichnungen des Kontinents. Sie wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Politiker aus ganz Europa dürften kommen, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz und die aktuelle EZB-Präsidentin Christine Lagarde. „Wie kein anderer steht Mario Draghi (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/mario-draghi/) für die wirtschaftliche Stärkung Europas und sein nach ihm benannter Draghi-Report von 2024 für die notwendige Strategie, um Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Stabilität auf dem Kontinent zu gewährleisten“, heißt es in der Begründung des Direktoriums. Doch es gibt ein Problem: Alle preisen Draghi – doch die EU scheint an der Umsetzung seiner Ideen wenig interessiert. In Zahlen sieht das so aus: Eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung wurden von den 383 Ideen aus Draghis Bericht 14 Prozent umgesetzt, etwa die schnellere Vergabe von Bergbaulizenzen und ein Abbau von Berichtspflichten für kleine und mittlere Unternehmen. Das zeigt der „Draghi-Tracker“ der Brüsseler Initiative Joint European Disruptive Initiative (JEDI) zur Förderung von Tech-Projekten. 40 Prozent der Vorschläge machen demnach kaum Fortschritte, der Rest – 45 Prozent – wird nicht einmal diskutiert. Dazu zählen zum Beispiel eine Pause beim Erlassen neuer Gesetze und eine Vereinheitlichung des europäischen Patentrechts. „Einer der größten Zentralbanker der Geschichte“ Es ist paradox: Draghi wird überall geschätzt, manchmal sogar verehrt. Und das nicht nur in Europa, sondern auch in den USA – der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman etwa bezeichnete ihn kürzlich als „einen der größten Zentralbanker der Geschichte“. Aber die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen, die Draghi mit der Erstellung des Berichts beauftragte, setzt seine Vorschläge nur langsam um. Aus der Wirtschaft kommt daher Kritik. Vor allem der Bürokratieabbau, den Draghi forderte, geht vielen nicht schnell genug. Zwar hat die EU-Kommission zehn große Initiativen zur Vereinfachung gestartet, die in Brüssel unter dem Namen Omnibuspakete bekannt. Davon sind bisher aber nur drei verabschiedet worden. Eine Reaktion auf Draghis Bericht, aber eine bescheidene. „Wir unterstützen die Agenda zur Verringerung regulatorischer Belastungen“, sagt Markus J. Beyrer, Generaldirektor des Lobbyverbands BusinessEurope. „Gleichzeitig muss man jedoch feststellen, dass die dringenden Wettbewerbsprobleme, die im Draghi-Bericht angesprochen werden, weiterhin nicht ausreichend berücksichtigt sind.“ In einer großen Untersuchung eineinhalb Jahre nach dem Auftritt Mario Draghis vor den EU-Abgeordneten und der Veröffentlichung seines Reports kommt auch BusinessEurope zu einem ernüchternden Schluss: „Während einige Empfehlungen umgesetzt wurden“, schreiben die Autoren, „ist noch viel mehr nötig, um die europäische Wirtschaft neu zu beleben und ihre Innovationsfähigkeit zu stärken.“ Man muss Kommissionschefin von der Leyen zugutehalten, dass sie einige Ideen Draghis in das Programm für ihre zweite Amtszeit aufnahm und in konkrete Ziele übersetzte. Dazu zählt etwa die gemeinsame Beschaffung kritischer Rohstoffe wie Lithium, Nickel und Kobalt, zentral für Energiewende, Digitalisierung und Verteidigung. So kann die EU – wenigstens in der Theorie – günstigere Preise durchsetzen und ihre Versorgung besser sichern. Doch viele andere Empfehlungen blieben unberücksichtigt. Kann sich Europa das leisten? Wen man auch fragt in Brüssel, ob Vertreter der Wirtschaft, Experten von Thinktanks oder Abgeordnete des EU-Parlaments, alle sagen: Die Zeiten, da das Geschäftsmodell des Kontinents auch ohne tiefgreifende Reformen funktionierte, sind vorüber. Europas Geschäftsmodell wankt Es ruhte lange Zeit auf drei Säulen: billige Energie aus Russland, militärische Sicherheit aus Amerika, profitabler Handel mit West und Ost. Die erste stürzte schon ein – Verträge mit Unternehmen wie Gazprom würden Wladimir Putins Kriegskasse füllen und sind derzeit für die meisten EU-Staaten ein Tabu. Die zweite Säule wankt, US-Donald Trump stellte schon häufiger die Nato infrage, viele europäische Regierungen haben Zweifel, ob er Europa im Ernstfall zur Hilfe eilen würde. Und die dritte hat längst Risse – der freie Strom der Waren um den Globus stockt, denn Amerika erhebt immer neue Zölle und China produziert immer mehr billige Produkte. Zuletzt warf die Kommission der Volksrepublik vor, Europa mit subventionierten – und so künstlich vergünstigten – Elektroautos zu überfluten und führte ihrerseits Zölle ein. Bei dieser Weltlage, da scheinen sich alle einig, ist Tempo geboten. Es geht dabei nicht um die Verschlankung einer Verordnung hier und die Rücknahme einer Richtlinie dort. Sondern um einen radikalen Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wettbewerbsfaehigkeit/) , mit dem Ziel – in Draghis Worten – Wohlstand und Freiheit zu erhalten. Am Ende könnte nichts weniger als Europas Souveränität auf dem Spiel stehen: die Fähigkeit des Kontinents, zu entscheiden und zu gestalten. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und Business Insider (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/) erstellt. Stefan Beutelsbacher (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/stefan-beutelsbacher/) ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.