So viel Glück im Unglück gibt es selten. Eine Leiche nach der anderen hatten die Rettungskräfte schon im zähen Schlamm gefunden, der den Campingplatz „ Virgen de las Nieves (verlinkt auf https://info.igme.es/eventos/Riada%20de%20Biescas) “ bei Biescas (spanische Pyrenäen) überspült hatte. Mehrere Dutzend insgesamt. Dann stießen sie auf die nächste offensichtlich Tote, drehten die Frau um – und sahen in ihren Armen ein etwa zwei Monate altes Kind. Zuerst hielten die Helfer, spanische Soldaten, das Baby ebenfalls für tot. Dann spuckte es plötzlich Schlamm, berichtete die madrilenische Zeitung „ El Mundo (verlinkt auf https://www.elmundo.es/) “: Das Kind lebte! Offenbar hatte die Mutter den Säugling mit ihrem Körper so geschützt, dass genug Luft zum stundenlangen Atmen blieb – denn so lange dauerte es, bis die Rettungskräfte vor Ort waren. Geschehen war die Tragödie am 7. August 1996 gegen 19.30 Uhr. Nach stundenlangen schweren Regenfällen (der Schweizer TV-Meteorologe Jörg Kachelmann (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/joerg-kachelmann/) schätzte 150 Liter pro Quadratmeter und sprach von „Gewitterluft mit Killerqualitäten“) ging eine gewaltige Lawine aus Schlamm, Geröll und Baumstämmen auf den in 860 Meter Höhe gelegenen Campingplatz knapp einen Kilometer südwestlich der Kleinstadt Biescas nieder. Der lag an einer Stelle am Ostabhang eines in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Vorgebirges, an dem es bekanntermaßen zu Schlammabgängen kommen konnte. Deshalb gab es weiter oben ein Rückhaltebecken und einen schnurgeraden Kanal hinunter ins Tal des Rio Gállego. Direkt südlich dieses Kanals, der den natürlichen Bach Arás ersetzte, entstand Ende der 1980er-Jahre der Campingplatz der obersten Kategorie – obwohl den Einheimischen bekannt war, dass man dort seit Jahrhunderten nicht gebaut hatte, eben weil Schlammlawinen aus dem Vorgebirge drohten, und obwohl es von Fachleuten Warnungen gegeben hatte. Den lokalen Behörden schienen die Schutzmaßnahmen ausreichend: Die Hänge oberhalb der nach Frankreich führenden Nationalstraße 260 waren seit Jahrzehnten gezielt aufgeforstet und die Bodenerosion mit Stahlnetzen zwischen Betonbefestigungen vermindert worden. Das war einerseits richtig, andererseits reduzierte es den Widerstand gegen zu Tale rauschendes Wasser. Am Mittwoch, dem 7. August 1996, braute sich etwas zusammen, was es seit Menschengedenken so nur selten gegeben hatte: Ein ungewöhnlich schweres Unwetter bildete sich südlich der Pyrenäen und regnete dort ab, weil die feuchte und energiereiche Luft durch die Kette der bis zu 3355 Meter hohen Gipfel aufgehalten wurde. Rund zwölf Stunden bildeten sich am Südrand der Pyrenäen immer wieder neue Gewitterzellen – 9500 Blitzeinschläge wurden in der Region an diesem Nachmittag registriert. Wochen später schätzten Experten, dass über den weitgehend unbewohnten Vorgebirgen 200 bis 250 Liter Regen pro Quadratmeter niedergangen sein könnten; in Biescas gemessen wurden 160 Liter, was die Genauigkeit von Kachelmanns Schätzung belegte. Der Auslöser der eigentlichen Katastrophe war wohl eine etwa achtminütige Extremregenlage, in der es mit einer Intensität von 500 Litern pro Quadratmeter und Stunde schüttete. Diese Wassermassen waren zu viel für die alten Rückhaltebecken – die Flut bahnte sich ihren Weg gen Tal über den Hang und riss dabei alles mit, was nicht besonders stabil gesichert war. Naturgemäß existieren nur Schätzungen über die Dimensionen der Lawine. Der kanalisierte Bach Arás hatte eine maximale Kapazität von 100 bis 120 Kubikmetern Wasser pro Sekunde – die wohl 200 bis zeitweise 500 Kubikmeter pro Sekunde, die während und direkt nach dem Extremregen gen Tal rauschten, waren einfach zu viel. Zumal mindestens 68.000 Kubikmeter Material mitgeschwemmt wurden; das entsprach je nach Schätzung einer Masse von 122.000 bis 136.000 Tonnen. „Es war eine Sache von Sekunden, nicht einmal Minuten“, berichtete ein Augenzeuge am Tag danach im spanischen Fernsehen: „Die Hauptstraße durch den Campingplatz war plötzlich ein Schlammfluss, zwischen einem und zwei Metern tief.“ Menschen klammerten sich an Strommasten, Baumstümpfe oder Äste. „Sie schrien um Hilfe, aber einer nach dem anderen wurde von der Wasserlawine fortgerissen, verschwand in der schlammigen Flut“, berichtete der Überlebende. Die Gewalt des Wassers (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/flutkatastrophen/) war so enorm, dass auch Autos, Wohnwagen und sogar Wohnmobile wie Spielzeug umgeworfen und bis zu einem Kilometer weit mitgerissen wurden. Rund 700 Urlauber aus Spanien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden hielten sich auf dem Campingplatz auf. Insgesamt 87 Menschen kamen durch die Schlammlawine um, knapp 200 wurden teilweise schwer verletzt. Weggespülte Leichen wurden noch 15 Kilometer von dem Campingplatz entfernt gefunden. Nach ersten Angaben sollten unter den Toten auch vier deutsche Urlauber sein. Das bestätigte sich nicht: Ein Tagesausflug hatte dem Ehepaar aus dem Rheinland und seinen beiden kleinen Kindern wohl das Leben gerettet. Die vier waren zunächst als „vermisst, vermutlich tot“ gemeldet worden. Erst nachts kamen sie mit ihrem Auto zurück zum Katastrophenort. Ihr Wohnwagen war zwischen Trümmern eingekeilt. Der Familienvater schraubte die Nummernschilder ab, dann setzten sich die vier ins Auto und fuhren heimwärts. Strafrechtliche Konsequenzen hatte die Katastrophe nicht; es gab keine Hinweise auf nicht verjährte Handlungen bestimmter Personen, die unmittelbar zu der Katastrophe geführt hatten. Das war nicht anders als beispielsweise ein Vierteljahrhundert später bei der Unwetterkatastrophe im Ahrtal. (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/klimabilanz/plus6a4275494377cebc6c227d09/flut-im-ahrtal-bitte-noch-gendern-unfassbare-pannen-verursachten-die-flutkatastrophe.html) Der Staat und die öffentlichen Verwaltungen stellten auf Verlangen der Justiz zwei Milliarden Peseten (nach damaligem Wert etwa zwölf Millionen Euro) als Entschädigung bereit. Zehn Jahre nach der Katastrophe waren lediglich gut zwei Drittel dieser Summe beansprucht worden. Der Campingplatz wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen entstand neben einem Mahnmal und einem Gedenkhain mit Findlingen, die für Wohnwagen stehen, ein zweiter, wesentlich größerer Kanal. Die Rückhaltebecken bekamen bei der Reparatur stärkere Wände. Stehen geblieben war das Empfangsgebäude des Campingplatzes; es ist heute ungenutzt und mit Graffiti übersät. Die großzügig dimensionierte Abfahrt von der Nationalstraße existiert immer noch, allerdings weist kein Schild auf das Memorial hin.