Die „Fulda“ ist angekommen. Vor drei Wochen verließ das deutsche Minensuchboot seinen Heimathafen Kiel. Inzwischen liegt es im östlichen Mittelmeer vor Zypern. Dort wartet es auf weitere Befehle. Der Einsatz, für den das Schiff vorgesehen ist, hat noch nicht begonnen. Doch die Marine bereitet sich längst darauf vor: auf eine mögliche internationale Mission zur Sicherung der Straße von Hormus. Seit mehr als drei Monaten ist die wichtigste Ölroute der Welt blockiert. Nach den amerikanischen Angriffen auf iranische Ziele und der anschließenden Eskalation drohte Teheran wiederholt mit einer vollständigen Schließung der Wasserstraße. Verhandlungen zwischen Washington und Teheran wurden zuletzt erneut ausgesetzt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article6a1d8d6c411d40cd4c74e6e7/iran-setzt-verhandlungen-mit-usa-aus-und-droht-mit-vollstaendiger-blockade-der-strasse-von-hormus.html) . Für die Deutsche Marine hat das Konsequenzen. „Die höchste Priorität hat jetzt die Straße von Hormus“, sagt Fregattenkapitän Inka von Puttkamer. Die Kommandeurin des 3. Minensuchgeschwaders in Kiel führt zwölf Boote und rund 600 Soldaten. Ihr Verband würde den deutschen Beitrag zu einer möglichen Friedensmission im Persischen Golf stellen. Deshalb wurde die „Fulda“ bereits vorab ins Mittelmeer verlegt. „Wir haben die Fulda voraus stationiert, um eine gute Ausgangsposition zu haben“, sagt von Puttkamer. Die rund 11.000 Kilometer bis in den Persischen Golf seien schlicht zu weit, um erst im konkreten Einsatzfall aus Kiel loszufahren. Noch fehlt allerdings die politische Grundlage. Waffenruhe, internationales Mandat, Bundestagsbeschluss – all das steht aus. Die Marine nutzt die Zeit deshalb zur Vorbereitung. Die „Fulda“ trifft nun auf den Tender „Mosel“, ein Versorgungsschiff, das aus einer Nato-Mission in der Ägäis abgezogen wurde. Gemeinsam trainieren die Besatzungen Drohnenabwehr, Schießverfahren und die Integration zusätzlichen Spezialpersonals. Erst danach wären beide Schiffe einsatzbereit. „Wenn diese Vorbereitungsphase abgeschlossen ist, könnten wir ins Einsatzgebiet verlegen“, sagt von Puttkamer. Die Weiterfahrt durch den Suezkanal bis in den Persischen Golf würde anschließend noch einmal zwei bis drei Wochen dauern. Die Aufgabe dort wäre klar: Minenabwehr. Denn schon der Verdacht auf Seeminen reicht aus, um eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt lahmzulegen. Rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels läuft normalerweise durch die Straße von Hormus. „Wir können mit einem Sonar den Meeresboden absuchen und feststellen, ob dort Minen liegen“, erklärt von Puttkamer. Anschließend könnten Unterwasserdrohnen Verdachtsobjekte identifizieren und im Ernstfall zerstören. Ergänzt wird das durch Minentaucher und weitere unbemannte Systeme. Deutschland verfügt dabei über eine Fähigkeit, die international selten geworden ist. Noch immer nutzt die Marine sogenannte Seehunde – das sind kleine unbemannte Boote, die größere Schiffe simulieren und Minen kontrolliert zur Explosion bringen können. „Das System hat schon im Golfkrieg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article224428924/Golfkrieg-1991-Wie-Saddams-Strategie-scheiterte.html) bewiesen, dass es funktioniert“, sagt von Puttkamer. Die Drohnen könnten Explosionen überstehen und anschließend weiter eingesetzt werden. Deutschland würde allerdings nicht allein operieren. „Grundsätzlich machen wir so etwas nur im multinationalen Rahmen“, sagt die Kommandeurin. Die Planungen laufen vor allem mit Großbritannien und Frankreich. Auch andere Staaten ziehen bereits Kräfte im östlichen Mittelmeer zusammen. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Schiffe auf dem Weg in den Persischen Golf das Gebiet der Huthi-Miliz im Roten Meer passieren müssten. Dort sei der Schutz eines multinationalen Verbandes entscheidend. „Unser Nato-Beitrag bleibt am Ende der gleiche“ Die Konzentration auf Hormus hat allerdings Folgen an anderer Stelle. Bis vor wenigen Wochen war die „Fulda“ Teil eines ständigen Nato-Verbandes in Nord- und Ostsee. Dort überwacht das Bündnis kritische Infrastruktur, Schifffahrtswege und mögliche Sabotageaktivitäten. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der Fokus der Marine verlagert. „Für uns haben sich die Prioritäten verschoben“, sagt von Puttkamer. Die „Fulda“ sei aus dem Nato-Verband im Norden herausgelöst und stattdessen in einen Verband im Mittelmeer integriert worden. „Unser Nato-Beitrag bleibt am Ende der gleiche – aber in einer anderen Region.“ Genau darin zeigt sich das Dilemma deutscher Sicherheitspolitik. Die Marine ist die kleinste Teilstreitkraft der Bundeswehr, ihre Aufgaben werden jedoch immer größer: Abschreckung in der Ostsee, Schutz kritischer Infrastruktur, Präsenz im Roten Meer und nun möglicherweise ein Einsatz im Persischen Golf. Die Ressourcen bleiben begrenzt. Von Puttkamer verweist auf die sogenannte Drittelregel: Ein Teil der Flotte befindet sich in der Werft, ein Teil in Ausbildung, nur ein Teil steht für Einsätze bereit. Von zehn einsatzrelevanten Minenabwehreinheiten könne deshalb immer nur ein Bruchteil gleichzeitig eingesetzt werden. Trotzdem sieht sie Deutschland gut vorbereitet. „Die Fähigkeit haben wir immer erhalten“, sagt sie über die Minenabwehr. Lange habe sie kaum Aufmerksamkeit erhalten. Jetzt zeige sich, welchen strategischen Wert sie besitzt. Ob die „Fulda“ tatsächlich in den Persischen Golf auslaufen wird, entscheidet nicht die Marine. Aber sie sorgt dafür, dass Deutschland im Ernstfall handlungsfähig wäre. Solange kein Frieden erreicht ist, bleibt das Schiff vor Zypern in Warteposition. Das ganze Gespräch mit Fregattenkapitän Inka von Puttkamer können Sie im Security-Update im Berlin Playbook Podcast von „Politico“ (verlinkt auf https://www.politico.eu/podcast/berlin-playbook-podcast/) hören.