An Orden gab es keinen Mangel. „In Hülle und Fülle“, sagt Sylvia Necker, seien preußische Medaillen, Plaketten und Anstecknadeln im Museumsdepot vorhanden. „Immer wieder kommen Menschen aus der Region zu uns und bringen Auszeichnungen, die einst ihre Vorfahren verliehen bekamen.“ Vom Eisernen Kreuz bis hin zum goldenen Erinnerungskreuz für weibliche Dienstboten – es gibt kaum einen Lebensbereich, für den sich der preußische Staat keine Ordensdekoration ausgedacht hatte. Und natürlich sind diese Orden auch Thema in der neuen Dauerausstellung des Preußenmuseums Minden. Schon von Weitem ist das Gemäuer zu sehen, in dem das Museum untergebracht ist. Ein gedrungener, an die hundert Meter breiter Gebäuderiegel, eine Kasematte mit bis zu sechs Meter dicken Backsteinmauern, die auch einem Artilleriebeschuss standhalten sollten. 1829 wurde diese sogenannte Defensionskaserne errichtet – und Minden zur preußischen Festungsstadt ausgebaut. Schließlich fing jenseits der Weser am Ostrand der Stadt das Königreich Hannover an, Feindesland also. Um den zentralen Kasernenbau und seinen Exerzierplatz herum: Stallungen, Werkstätten und ein Lazarett. Auch von diesen Gebäuden sind etliche erhalten. Wie man überhaupt in der ganzen Stadt Hinterlassenschaften der Preußen finden kann, die schon 1648 in Minden das Regiment übernahmen. Also lange bevor im Jahr 1815 die preußische Provinz Westfalen gegründet wurde. Ein Preußenmuseum hat in dieser heute als ostwestfälisch deklarierten Stadt also seine volle Berechtigung. Schon 1994, als die britischen Streitkräfte abzogen, die die Kaserne nach Ende des Zweiten Weltkriegs bezogen hatten, arbeitete man an Konzepten, wie sich das Bauwerk für die museale Aufbereitung dieser Vorgeschichte nutzen ließe. Platz gab es genug: 2400 Quadratmeter Nutzfläche auf drei Ebenen. Um die Jahrtausendwende war es dann so weit: Eine Stiftung unter Führung des Landes NRW eröffnete ein Preußenmuseum mit Doppelstandort – zu Minden kam die rund 200 Kilometer westlich am Rhein gelegene Zitadelle in Wesel hinzu, auch das eine preußische Festung. Doch das rheinisch-westfälische Gemeinschaftsprojekt funktionierte nicht, die Besucher blieben aus, die Stiftung geriet in finanzielle Schieflage. 2015 übernahmen die Landschaftsverbände die beiden Standorte – mit unterschiedlichen Konzepten für die Zukunft. Während der Landschaftsverband Rheinland (LVR) sich von den Preußen verabschiedete und die Weseler Zitadelle zum heutigen Niederrheinmuseum ummodelte, hielt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) an der Idee fest. Denn Minden ist ohne die Preußen so wenig denkbar wie Köln ohne die alten Römer. 2019 übernahm Sylvia Necker die Leitung. „Als ich kam, war das Museum praktisch leer“, erzählt die promovierte Historikerin und Kunsthistorikerin. Mit verschiedenen Sonderausstellungen startete sie. „Wir haben versucht, Themen für unterschiedliche Zielgruppen zu finden.“ Preußen und Judentum. Preußen und Kolonialismus. Preußen als Seemacht. Zugleich arbeitete sie an einer Vernetzung der LWL-Institution mit der Mindener Stadtgesellschaft. Es gab Gemeinschaftsprojekte mit Stadtmuseum, Stadttheater und Stadtbibliothek. Für eine Ausstellung, in der anhand von Musikstücken preußische und europäische Geschichte erzählt wird, bat sie kurzerhand die musizierenden Schüler eines städtischen Gymnasiums ins Aufnahmestudio. Außerdem übertrug man dem Preußenmuseum die Zuständigkeit fürs Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das nur wenige Kilometer entfernt bei Porta Westfalica über dem Weserdurchbruch thront – und von Minden aus zu sehen ist. Es müsste doch möglich sein, so die Überlegung, von diesem Hotspot des Tourismus mit jährlich 250.000 Besuchern wenigstens einen Teil ins themenverwandte Preußenmuseum zu lenken. So weit, so gut. „Es gab allerdings eine Frage, die mir in den letzten Jahren so häufig gestellt wurde wie keine andere“, berichtet Necker. „Und die lautete: Wo ist denn die Dauerausstellung?“ Doch mit Kisten voller Orden und ebenfalls reichlich im Depot vorhandenen Pickelhauben war es nicht getan. Necker wollte unter dem Titel „Potzblitz Preußen!“ eine Schau der Überraschungen schaffen, die nicht nur Militärfreaks Freude bereiten sollte. Sie wollte zeigen, wie die Preußen die Gesellschaft und ihre Debatten bis heute prägen. Wie das umgesetzt wird, erklärt Necker an den eingangs erwähnten Orden. Einerseits sind da die Exponate mit den Erklärtafeln. Andererseits werden Fragen aufgeworfen: Welches Menschenbild stand hinter der ausufernden preußischen Ordenskultur? Und welche Belohnungssysteme haben heute die Vorstellung abgelöst, man brauche nur jemandem eine Plakette anzuheften, damit andere ihm nacheifern. Solche Verlängerungen aus der Geschichte in die Jetztzeit strebt die Ausstellung in vielen Themenbereichen an. Bildung und Wissenschaft. Infrastruktur und Sozialreformen. Technische Innovation und Kleidermode. Kolonialismus und die Rolle der Frau. Und natürlich: Krieg. Auch wenn das LWL-Team ausdrücklich kein Museum haben wollte, das den Militärstaat und seine sprichwörtlichen preußischen Tugenden ins Zentrum rückt, so ist bei diesem Thema dennoch eine besonders eindrückliche Umsetzung gelungen. In den Boden sind Dioramen eingelassen, in denen mit Zinn- und Pappsoldaten verschiedene strategische Ordnungen nachgestellt werden, von der Lineartaktik über die Kolonnentaktik bis hin zum Grabenkampf. Von oben betrachtet wirken diese in Planquadrate gesetzten Miniatur-Aufmärsche so abstrakt wie ein „Schiffe versenken“-Spiel. Doch über Kopfhörer bekommt der Betrachter die Schilderungen der Soldaten eingespielt, die in solchen Reißbrett-Formationen mit dem Bajonett um ihr Überleben kämpften.