Welt 29.05.2026
12:57 Uhr

„Die Leute stießen vor wie wahnsinnige, wildgewordene Tiere“


Es war ein Unglück mit Ansage: Zum Volksfest anlässlich der Krönung von Zar Nikolaus II. drängten am 29. Mai 1896 viel zu viele Menschen auf das Chodinkafeld bei Moskau. Bald trat das Unvermeidliche ein.

„Die Leute stießen vor wie wahnsinnige, wildgewordene Tiere“

Traditionen muss man pflegen. Das wusste auch Nikolaus II. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/gallery13497247/Zar-Nikolaus-II-1868-1918-Stationen.html) , der neue Zar. Wie schon sein Vater Alexander III. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article237001963/Alexander-III-Dieser-russische-Zar-ist-Putins-grosses-Vorbild.html) im Jahr 1881 und 1856 sein Großvater Alexander II. wollte der russische Monarch nach seiner Krönung Volksnähe beweisen, indem er die Bevölkerung von Moskau zu einem großen Fest einlud. Die gut gemeinte Idee wurde zum tödlichen Fiasko. Schauplatz des geplanten Volksfestes sollte, wie bei den beiden vorangehenden Zaren, das Chodinkafeld im Nordwesten von Moskau sein, gelegen südwestlich der Chaussee Richtung St. Petersburg, einer Allee mit großen, schönen Bäumen. Auf der anderen Seite der Straße lag der große Petrowski-Park mit dem gleichnamigen Schloss (verlinkt auf http://www.fine-art-images.net/de/showIMG_59376.html) , von dem aus das Zarenpaar zur Krönung feierlich Einzug nach Moskau hielt. In früheren Zeiten hatten auf dem Chodinkafeld Faustkämpfe und Bärenhetzen stattgefunden; 1775 beging man hier die Feier zum Frieden von Küçük Kaynarca, der das Ende des Russisch-Türkischen Krieges 1768 bis 1774 besiegelte. Ein traditioneller Ort für große Volksfeste also, knapp neun Kilometer nordwestlich des Kreml. Für die Krönungsfeier von Nikolaus II. entstanden umfangreiche Bauten. Gegenüber dem Petrowski-Palais am Eingang zum Feld errichtete man einen Pavillon im byzantinischen Stil mit einer silbern glänzenden Kuppel, an den sich beiderseits längs der Chaussee weitläufige Tribünen für Zuschauer anschlossen. In der Mitte des Feldes ließ der Hof mehrere mobile Bühnen für Volksbelustigungen errichten, und rings um das Feld hatte man an den drei übrigen Seiten Buden für Essen und Getränke aufgestellt. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Am 29. Mai 1896 (nach gregorianischem Kalender; nach dem in Russland noch geltenden Julianischen Kalender war es der 17. Mai) drängten sich hunderttausende Moskauer auf dem Feld, in Vorfreude auf die Ereignisse des folgenden Tages, eines Sonnabends. Es hieß, dass nicht nur Speis und Trank kostenlos sein würden, sondern es auch Geschenke des Zarenpaars geben werde. Tatsächlich waren mehr als eine halbe Million „ Krönungsbecher (verlinkt auf https://www.dorotheum.com/de/l/9410878/) “ hergestellt worden, unter anderem bei der Emaille- und Metallwarenfabrik Austria in Wien. Deren Direktor fuhr selbst nach Moskau, um die Großlieferung zu überwachen; von ihm stammt einer der genauesten Augenzeugenberichte der folgenden Geschehnisse. Die Zahl der Menschen in Moskau schwoll seit Mitte Mai 1896 immer stärker an, in der Hoffnung auf das Fest und die Geschenke. Doch die Polizei interessierte sich hauptsächlich dafür, Anarchisten und andere für die Sicherheit „gefährliche Elemente“ fernzuhalten. Damit waren die Beamten ausgelastet. Schon seit Wochen hatte die Landbevölkerung rund um Moskau von wenig anderem gesprochen als vom bevorstehenden Volksfest und den Genüssen, die dort geboten würden. Moskauer Arbeiter meinten, die Bauern aus dem Umland wollten sie übervorteilen, während diese, meist bitterarme Tagelöhner, fürchteten, zu kurz zu kommen. Tatsächlich war die Zahl der Geschenke endlich: Etwa zwei Drittel der Becher sollten auf dem Chodinkafeld verteilt werden – absehbar zu wenig. Ungefähr zu Sonnenaufgang am 30. Mai 1896 begann die Katastrophe. Etwa eine halbe Million Menschen drängten sich auf dem Feld, das am Rande, aber auch in der Mitte uneben war und Gräben sowie Zäune aufwies. Die Ordner des Hofes, Polizisten und Soldaten, konnten der Menschenmenge nicht Herr werden. Rasch wurde die Lage bedrohlich. Gegen sechs Uhr morgens drängte die Menge aufgrund des Gerüchts, die (offiziell für zehn Uhr vorgesehene) Verteilung der Geschenke habe bereits begonnen, zu den Ausgabestellen in Bewegung. Verschiedene Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz druckten den Bericht einer namenlosen Frau über das Folgende ab: „Plötzlich fühlte ich, dass das Gedränge größer wurde. Es schien immer ärger um uns zu werden, man konnte sich nicht mehr bewegen. Ich sah und hörte nichts mehr und fiel in Ohnmacht. Man hob mich in die Lüfte. Ich gewann mein Bewusstsein wieder und fühlte nun, wie man mich Händen zuwarf, die sich hinter uns erhoben hatten. So kam ich in die Richtung, wo das Gedränge endlich kleiner war. Man hat mich wie einen Ball mehrmals in die Luft geworfen.“ So erging es auch vielen anderen – zu ihrem Glück. Ohnmächtige suchte man so zu retten, ebenso Kinder. Denn wer sich nicht mehr auf den eigenen Füßen halten konnte, wurde von der wogenden Menge zusammengetrampelt, die keinesfalls bei der Verteilung der Geschenke zu kurzkommen wollte. Inzwischen hatten die vorne Stehenden die Buden gestürmt und griffen sich, was sie tragen konnten. Doch als sie verschwinden wollten, nahmen vielen von ihnen andere die Beute ab, oft gewaltsam. Noch während dieser Vorgänge an den Geschenk-Ausgaben stürmten weitere Menschen die Buden mit den Bierfässern, zerschlugen sie und soffen das Bier aus Mützen und Hüten. Der Alkohol enthemmte die Masse zusätzlich. „Die Leute stießen vor wie wahnsinnige, wildgewordene Tiere“, berichtete die Augenzeugin: „Es war entsetzlich. Ein Geschrei und Geheul, wie ich es nie gehört habe.“ Nach der Katastrophe glich der Platz einem Schlachtfeld – auch wenn die Toten schon weggetragen waren und die Verwundeten ebenso. Denn auf dem zerstampften Boden lagen Stiefel, Schuhe aus Stroh, zertretene Körbe für Proviant, zerdrückte Blechflaschen, Fetzen von Kleidern, roten Tüchern und Schürzen. Mindestens 1282, vielleicht auch 1389 Menschen wurden getötet; die Schätzungen über die Schwerverletzten schwankten zwischen 1300 und 20.000. Zar Nikolaus erfuhr von den Vorgängen gegen zehn Uhr im nahe gelegenen Petrowski-Palast und schrieb in sein Tagebuch: „Bis jetzt lief alles, Gott sei Dank, wie am Schnürchen, aber heute passierte ein großes Unglück. Die Menschenmenge, die in Chodinka übernachtet hatte und auf die Essensausgabe und die Becher wartete, drückte gegen die Gebäude, es entstand ein furchtbares Gedränge, und – schrecklicherweise – wurden etwa 1300 Menschen niedergetrampelt!“ Er fühlte sich persönlich getroffen: „Diese Nachricht hinterließ einen widerlichen Eindruck.“ Mit seiner Frau Alexandra besuchte er den Tag über Verletzte in den Hospitälern; außerdem entschied er, dass die Familie jedes Getöteten tausend Rubel aus seinem Privatvermögen erhalten solle und ein Begräbnis auf Kosten des Staates. Das war gut gemeint, doch die erhoffte Wirkung verpuffte. Denn am selben Abend ging das Zarenpaar zum Ball anlässlich der Krönung in der französischen Gesandtschaft. Dazu hatte Nikolaus kaum eine Alternative, denn das republikanische Frankreich war die einzige Macht in Europa, die Russland (wenn auch aus eigennützigen Gründen, nämlich als Gegengewicht zum wilhelminischen Kaiserreich) unterstützte. Doch das machte auf die öffentliche Meinung im Zarenreich wenig Eindruck: Die Katastrophe auf dem Chodinkafeld blieb an Nikolaus hängen, der fortan als kalt und berechnend galt.