Ping! Ein neues Match in der Dating-App ist da. Wer bei Bumble (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/partnerschaft/article6a7c87c5a87e8142c31ce055/bumble-weniger-anstrengend-warum-maenner-wieder-den-ersten-dating-schritt-machen-sollen.html) angemeldet ist, wusste lange, wie es nun weitergeht – die Frau musste zuerst schreiben. Männer konnten erst reagieren, wenn sie den Kontakt eröffnet hatte. Mit dieser Regel unterschied sich Bumble seit 2014 von anderen Dating-Apps (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/dating/) wie Tinder oder OKCupid. Doch nun verabschiedet sich das Unternehmen von diesem Alleinstellungsmerkmal (verlinkt auf https://s202.q4cdn.com/372973788/files/doc_news/2026/Aug/11/Chat-XP-Release-for-IR-Site.pdf) : Seit dem 11. August 2026 können bei Bumble nach einem Match sowohl Frauen als auch Männer die erste Nachricht verschicken. Auf der Diskussionsplattform Reddit (verlinkt auf https://www.reddit.com/r/Bumble/comments/1vljedo/bumble_fully_ends_women_message_first_rule_after/) ruft dieser Schritt Spott hervor. Haben Frauen etwa zu spüren bekommen, wie anstrengend es sein kann, mit einem Satz die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Ganz so simpel ist die Angelegenheit allerdings nicht. Wie Bumble den Schritt begründet Das Unternehmen hinter der Dating-App argumentiert so: In internen Produkttests in Kanada entstanden laut Bumble durch die Neuerungen häufiger beidseitige Gespräche. Damit meint das Unternehmen Matches, bei denen die erste Nachricht beantwortet und der eigentliche Chat freigeschaltet wurde. Auch die Zahl der verfallenen Chats und aufgelösten Matches ging demnach zurück. Bumble beruft sich zudem auf eine eigens durchgeführte Online-Befragung unter 2267 Frauen in den USA. Im August 2024 gaben demnach 66 Prozent der Befragten an, dass sie es bevorzugen, wenn Männer die erste Nachricht senden. Viele empfänden das Dating dadurch als weniger belastend. Eine weitere, von Bumble beauftragte Befragung unter 2000 amerikanischen Singles zwischen 18 und 35 Jahren ergab, dass sich knapp zwei Drittel der Männer und Frauen sicherer fühlen, wenn sie selbst wählen können, wie und wann ein Gespräch beginnt. Auch diese Zahlen stammen vom Unternehmen selbst und belegen nicht, ob Frauen grundsätzlich lieber angesprochen werden oder ob sie keine Lust darauf haben, Anmachsprüche in die Welt zu schicken. Ganz uneigennützig ist der Kurswechsel nicht. Bumble braucht Matches, aus denen Gespräche werden, wegen derer Menschen die App weiter benutzen. Im zweiten Quartal 2026 sank der Umsatz des Konzerns gegenüber dem Vorjahreszeitraum um gut 15 Prozent. Die Zahl der zahlenden Nutzer ging um rund 16 Prozent zurück. Wenn durch die neue Regel mehr Chats entstehen und weniger Matches ungenutzt verfallen, ist das deshalb nicht nur für flirtwillige Singles gut, sondern auch für Bumbles Geschäft. Zwischen Juni und August 2023 soll das Unternehmen zudem mehr als 20.000 Klageandrohungen von Männerrechtlern (verlinkt auf https://observer.co.uk/news/international/article/how-lawsuits-and-layoffs-stopped-bumble-putting-women-first) erhalten haben, die angaben, dass sie sich vom Ansatz der App diskriminiert fühlten. Die App wollte die Dating-Regeln umdrehen Um zu verstehen, warum die Neuerung für Bumble so ein großer Schritt ist, muss man ins Jahr 2014 schauen. Gründerin Whitney Wolfe Herd hatte zuvor am Aufbau von Tinder mitgearbeitet. Der Abschied war allerdings kein Happy End: Sie verklagte das Unternehmen und erhob unter anderem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und Diskriminierung. Das Verfahren endete mit einem außergerichtlichen Vergleich. Noch im selben Jahr schuf Wolfe Herd die Dating-App Bumble mit dem ambitionierten Gedanken, die althergebrachten „Spielregeln“ des Online-Datings auf den Kopf zu stellen. Frauen warteten angeblich bislang darauf, angesprochen, nach ihrer Nummer gefragt oder angeschrieben zu werden – und Bumble wollte dieses Verhalten umkehren. Statt darauf hoffen zu müssen, ausgewählt zu werden, wollte man Frauen die Entscheidung überlassen, mit wem sie ein Gespräch beginnen. „Make the first move“ wurde zum Slogan der App – und die Pflicht, die erste Nachricht zu schreiben, als feministischer Akt verkauft. Frauen in der Pflicht Der selbstbestimmte erste Schritt brachte aber auch die Pflicht mit sich, ständig „in Vorleistung“ zu gehen. Für Frauen bedeutete das bei Bumble: Immer und immer wieder der treibende Part sein. Die Männer konnten sich – zumindest bei der Kontaktaufnahme – zurücklehnen. Schon 2024 sah Bumble ein: Aus dem Rollentausch war offenbar eine weitere lästige Dating-Aufgabe geworden. Das Unternehmen führte deshalb die sogenannten „Opening Moves“ ein. Frauen konnten eine Frage in ihrem Profil hinterlegen, auf die Männer nach einem Match antworten durften. Formal bestimmte die Frau damit weiterhin, wie ein Gespräch beginnt. Den konkreten Einstieg konnte sie jedoch der anderen Person überlassen. Das ändert sich jetzt bei Bumble Ganz ohne Regeln geht es bei Bumble dennoch nicht weiter: Nach einem Match kann zwar jeder die erste Nachricht senden, zunächst bleibt es aber bei einer einmaligen Kontaktaufnahme. Erst wenn die andere Person antwortet, wird der eigentliche Chat freigeschaltet. Wer lediglich ein Wort wie „Hi“ verschicken möchte, bekommt zudem einen Hinweis und wird aufgefordert, die Nachricht persönlicher zu formulieren. Auch bei der Antwortfrist wird Bumble großzügiger. Statt 24 Stunden bleiben künftig 72 Stunden Zeit, um auf die erste Nachricht zu reagieren. Nach Angaben des Unternehmens gingen Matches bislang häufig nicht aus mangelndem Interesse verloren, sondern weil Menschen zu beschäftigt gewesen seien, um schnell genug zu antworten. In einem viel kommentierten Reddit-Thread zur Änderung sehen zahlreiche User genau darin jedoch eine bittere Pointe. „Die absolute Ironie ist, dass Männer nun die ganze Schreibarbeit übernehmen und mehr als ein ,Hi‘ senden sollen, nachdem Frauen jahrelang genau das getan haben“, heißt es in einem Kommentar. Andere erklären die Änderung zum Beweis dafür, dass Frauen nur dann Gleichberechtigung wollten, wenn sie ihnen keine Nachteile bringe. Besonders ungerecht erscheint einigen, dass Bumble ausgerechnet den Männern die lieblosen Ein-Wort-Nachrichten madig machen will. Jahrelang habe ein kurzes „Hi“ von einer Frau ausgereicht, während von Männern ein kreativer, persönlicher Einstieg erwartet werde. Wieder andere fragen, was Bumble nach der Abschaffung seiner bekanntesten Regel überhaupt noch von Tinder unterscheide. Mitunter schlägt die Diskussion von nachvollziehbarem Frust in pauschale Vorwürfe um. „Was soll dieser seltsame Geschlechterkampf in den Kommentaren?“, fragt ein Nutzer. Frauen seien auf Dating-Apps häufig in der Minderheit und zugleich gesellschaftlich darauf geprägt worden, nicht die Initiative zu übernehmen. Auch Männer seien durch solche Erwartungen geprägt worden. Dieses Verhalten lasse sich nicht innerhalb weniger Jahre abschütteln, wird argumentiert. Dass Männer beim heterosexuellen Online-Dating häufiger den Kontakt eröffnen, ist nicht erst seit Bumble bekannt. Für eine Studie mehrerer US-Universitäten aus dem Jahr 2014 (verlinkt auf https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24910472/) werteten Forscher sechs Monate lang das Verhalten von mehr als 14.000 Menschen auf einer amerikanischen Dating-Plattform aus. Frauen verschickten dort etwa viermal seltener erste Nachrichten als Männer. Wenn sie selbst den Kontakt aufnahmen, entstand daraus jedoch mehr als doppelt so häufig eine wechselseitige Verbindung wie nach einer von einem Mann gesendeten Nachricht. Wie stark schon die Situation unser Datingverhalten beeinflusst, zeigte auch ein Speed-Dating-Experiment (verlinkt auf https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19754525/) . Üblicherweise blieben bei solchen Veranstaltungen die Frauen sitzen, während die Männer von Tisch zu Tisch wechselten. Dabei verhielten sich die Frauen wählerischer. Als die Forscher die Rollen vertauschten und die Frauen von Gesprächspartner zu Gesprächspartner gingen, zeigten sie größeres romantisches Interesse. Männer und Frauen erleben Dating-Apps unterschiedlich In einer repräsentativen US-Befragung des Pew Research Centers (verlinkt auf https://www.pewresearch.org/internet/2023/02/02/from-looking-for-love-to-swiping-the-field-online-dating-in-the-u-s/) erklärten 64 Prozent der Männer, die zuletzt Dating-Apps genutzt hatten, dass sie zumindest manchmal wegen zu weniger Nachrichten verunsichert gewesen seien. Unter den Frauen waren es 40 Prozent. Gleichzeitig fühlten sich 54 Prozent der Frauen zumindest gelegentlich von der Zahl der Nachrichten überwältigt – dem gegenüber standen 25 Prozent der Männer. Auch die Risiken sind unterschiedlich verteilt. Zwei Drittel der befragten Frauen unter 50 hatten auf Dating-Plattformen mindestens eine der untersuchten Formen unerwünschten Verhaltens erlebt. Dazu gehörten ungefragt verschickte sexuelle Inhalte, Beleidigungen, hartnäckige Kontaktversuche und sogar körperliche Drohungen. Whitney Wolfe Herd bezeichnet die neue Funktion nicht als Abkehr von Bumbles Gründungsgedanken. Der erste Schritt durch Frauen sei zwar eine radikale Idee gewesen. „Women first“ habe für sie aber nie bedeutet, dass man Nutzern die Art und Weise der Kontaktaufnahme vorschreiben wollte. Unlogisch ist diese Erklärung nicht. Selbstbestimmung bedeutet schließlich nicht zwingend, dass Frauen immer zuerst handeln müssen. Es kann auch bedeuten, dass sie schlichtweg die Wahl haben.